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ihn die dankbaren Emire überflüssig versehen hatten. Da sein Gebiet nicht gross war, so kannte er bald einen jeden seiner Untertanen, und munterte die Tugendhaften durch seinen Beifall, und durch allerlei Vorteile auf: so wie er die Lasterhaften und Trägen zuerst warnte, ihnen dann sein Misfallen, und endlich seine Strafe fühlen liess.

Die Tugend eines Fürsten ist das Glück seines Landes, und die Untertanen mussten den Fürsten lieben, der für sie so kräftig sorgte, der einer jeden Klage den Zugang verstattete, jeder Not abhalf, und keine gute Eigenschaft unbelohnet liess. Der Ruhm des vortreflichen Usongs stieg aus dem Herzen des Volkes in die Höhe, und breitete sich unter allen Gegenden aus, die einen Umgang mit Anah hatten. Verschiedene kleine Länder machten sich von ihren Tyrannen los, und suchten unter dem einzigen Fürsten Schutz, der seit der Jugend der ältesten Greise Mesopotamien geliebt hatte.

Persien war damals im verwirrtesten Zustande. Die nördlichen Provinzen stunden unter dem Abusaid, dem Enkel Timurs, einem gewalttätigen Herrscher. Schehan Schach, ein Turkuman, beherrschete mit einem eisernen Zepter Aderbeitschan, Irak, Fars, und Kerman; Schiras stunde unter dem Mirza Jusuf; Bagdad, Basra, und viele andere Städte und Landschaften hatten kleine Fürsten, die in beständigen Kriegen gegen einander lebten, und den Untertanen ihr ganzes Vermögen abpresseten, grosse Heere und zahlreiche Harem zu halten. So weit als Persien war, hörte der Himmel nichts als Klagen der Unterdrückten.

Diarbekir33 warf sich begierig in die arme des Usongs. Bagdad und Basra flehten um das Glück ihn zum Fürsten zu haben: er musste seine Sorgen teilen, und seine Kriegsmacht vergrössern. Aber die Munterkeit seines Geistes wachte ihm alle Arbeit leicht, und die Absicht, die er nie aus den Augen liess, ein Werkzeug der segnenden Vorsicht zu werden, umschuf für ihn die wachsende Beschwerde du herrschaft zur reinesten Wollust.

Es fanden sich allgemach aus ganz Persien weise und redliche Männer ein, die den Usong aufforderten, sich der bedrängten Menschlichkeit anzunehmen, und nicht, fast unter seinen Augen, so viele tausende von Unschuldigen unter der Unterdrückung schmachten zu lassen. Usongs Edelmut fand einen Reiz in der grossen Unternehmung, Persiens Heiland zu sein: aber so jung er war, so fühlte er doch die Schwierigkeit der Bezwingung mächtiger Tyrannen, und erschrack über den Wert des Blutes, das sie kosten würde.

Er fragte endlich den ehrwürdigen Hassan um Rat: er eröfnete ihm die Anträge, die ihm gemacht waren, und verlangte des Anbeters Gottes Meinung, ob er die Befreiung Persiens unternehmen sollte. Hassan sah in dieser Heldenpflicht nichts als das Glück ganzer Millionen: Die Morgenländer sind gewohnt, das kleine Beste einzelner Menschen zu verachten, wo ein allgemeines Gut zu erhalten ist, das Blut einiger Redlichen schien dem frommen Hassan nicht zu teuer, Persiens Lösegeld zu werden. Er munterte selbst den Usong zur Annahme des Anerbietens der Perser auf.

Nun war der Enkel des Tschengis entschlossen, da der Tugendhafteste unter den Menschen seine Unternehmung gut hiess. Er warb bei seinen Freunden, den arabischen Fürsten, um auserlesene und freiwillige Reuter, und erhielt sie leicht: sie eilten ihrem verehrten Anführer zu dienen. Dschuneid riss sich aus den Armen der wunderschönen Emete', und führte eine erwählte Schaar rüstiger Araber an. Aus dem benachbarten Kurdistan erhielt Usong ein vortrefliches Hülfsvolk, das lange nach ihm unveränderlich der persischen Fürsten sicherste Macht ausgemacht hat. Ganz Diarbekir und Algezira wollte für den geliebten Helden zu den Waffen greifen; Usong wählte aber nur den streitbarsten und muntersten. Er brachte also ein kleines und auserlesenes Heer zusammen, das er selbst in den Waffen übte, und über welches er diejenigen Kriegsleute zu Befehlshabern setzte, die er zu Anah gebildet hatte.

Der erste Tyrann, der seine Waffen fühlte, war Schehan Schach, aus dem Geschlechte des schwarzen Schafes. Er war schon bei Jahren, und ein grausamer Fürst, der sich dennoch seinen geilen Lüsten und der Trunkenheit unbereut überliess. Er wollte den wachsamen Usong mit einem fliegenden Heere überfallen; aber sein unordentliches Leben stürzte ihn in die Grube. Usong überfiel ihn, da ihn der Wein ausser Stand gesetzt hatte, zu widerstehen. Der Enkel des Tschengis liess die Zelten seines Feindes in Brand stecken: in einer schrecklichen Nacht sahen die unglücklichen Völker des Turkumanns sich von den Flammen und vom Schwerdte umringt. Ihr Fürst fiel selber in der Schlacht, und von seinem Heere entrannen nur wenige Flüchtlinge; die erpressten Reichtümer des turkumannischen Wüterichs fielen in die hände der Araber und der Kurden, und frischten sie zu neuen Siegen an.

Hassan Ali, des Schehans ähnlicher Sohn, brachte ein zahlreiches Heer zusammen, das zehnmal stärker war, als die Völker des Usongs. Aber es schien, die Vorsehung führe den Tschengiden mit sichtbaren Kräften auf den Tron des Cyrus und des Nuschirwans. Usong traf den Hassan Ali schon überwunden an. Abusaid, ein Enkel des siegreichen Timurs, war wider ihn zu feld gezogen, und die Völker dieses unglücklichen Fürsten, hatten ihn gröstenteils verlassen. Usong fand keine Schwierigkeit die übrigen zu schlagen, und Hassan Ali blieb im Treffen.

Der mächtige Abusaid, rückte indessen bis in Aderbeitschan, und Usongs Heer war viel zu klein eine Schlacht gegen ihn zu wagen. Aber der kluge Fürst von Anah kannte den Vorteil, den seine flüchtige arabische Reuterei ihm geben konnte. Er verteilte sie in verschiedene Haufen, denen Usong ihre Stellorte vorschrieb, und deren jeder eine Gegend hatte, worinn er täglich herumschweifte; und dann