1766_Wieland_106_31.txt

dasselbe für alle Nationen gleich nützlich sei.

Die Sophisten, deren Sittenlehre sich nicht auf abstracte Ideen, sondern auf die natur und würkliche Beschaffenheit der Dinge gründet, finden die Menschen an einem jeden Ort, so, wie sie sein können. Sie schätzen einen Staatsmann zu Aten, an sich selbst, nicht höher als einen Gaukler zu Persepolis, und eine ehrbare Matrone von Sparta ist in ihren Augen kein vortrefflicheres Wesen als eine Lais zu Corint. Es ist wahr, der Gaukler würde zu Aten, und die Lais zu Sparta schädlich sein; allein ein Aristides würde zu Persepolis, und eine Spartanerin zu Corint wo nicht eben so schädlich, doch wenigstens ganz unnützlich sein. Die Idealisten, wie ich diese Philosophen zu nennen pflege, welche die Welt nach ihren Ideen umschmelzen wollen, bilden ihre Lehrjünger zu Menschen, die man nirgends für einheimisch erkennen kann, weil ihre Moral eine Gesetzgebung voraussetzt, welche nirgends vorhanden ist. Sie bleiben arm und ungeachtet, weil ein Volk nur demjenigen Hochachtung und Belohnung zuerkennt, der seinen Nutzen befördert oder doch zu befördern scheint; ja sie werden als Verderber der Jugend, und als heimliche Feinde der Gesellschaft angesehen, und die Landesverweisung oder der Giftbecher ist zuletzt alles, was sie für die undankbare Bemühung davon tragen, die Menschen zu entkörpern, um sie in die klasse der idealischen Wesen, der matematischen Puncte, Linien und Dreiecke zu erhöhen. Klüger, als diese eingebildeten Weisen, die, wie jener Flötenspieler von Aspondus, nur für sich selbst singen, überlassen die Sophisten den Gesetzen eines jeden volkes ihre Bürger zu lehren, was Recht oder Unrecht sei. Da sie selbst zu keinem besonderen Staatskörper gehören, so geniessen sie die Vorrechte eines Weltbürgers, und indem sie den Gesetzen und der Religion eines jeden Volkes bei dem sie sich befinden, eine äusserliche achtung bezeugen, wodurch sie vor allen Ungelegenheiten mit den Handhabern derselben gesichert werden; so erkennen und befolgen sie doch in der Tat kein andres als jenes allgemeine Gesetz der natur, welches dem Menschen sein eigenes Bestes zur einzigen Richtschnur gibt. Alles wodurch ihre natürliche Freiheit eingeschränkt wird, ist die Beobachtung einer nützlichen Klugheit, die ihnen vorschreibt ihren Handlungen die Farbe, den Schnitt und die Auszierung zu geben, wodurch sie denjenigen, mit welchen sie zu tun haben, am gefälligsten werden. Das moralische Schöne ist für unsre Handlungen eben das, was der Putz für unsern Leib; und es ist eben so nötig, seine Aufführung nach den Vorurteilen und dem Geschmack derjenigen zu modeln, mit denen man lebt, als es nötig ist sich so kleiden wie sie. Ein Mensch, der nach einem gewissen besonderen Modell gebildet worden, sollte, wie die wandelnden Bildsäulen des Dädalus, an seinen väterlichen Boden angefesselt werden; denn er ist nirgends an seinem Platz als unter seines gleichen. Ein Spartaner würde sich nicht besser schicken, die Rolle eines obersten Sclaven des Artaxerxes zu spielen, als ein Sarmater sich schickte Polemarchus zu Aten zu sein. Der Weise hingegen ist der allgemeine Mensch, der Mensch, dem alle Farben, alle Umstände, alle Verfassungen und Stellungen anstehen, und er ist es eben darum, weil er keine besondre Vorurteile und Leidenschaften hat, weil er nichts als ein Mensch ist. Er gefällt allentalben, weil er, wohin er kommt, sich die Vorurteile und Torheiten gefallen lässt, die er antrifft. Wie sollte er nicht geliebt werden, er, der immer bereit ist sich für die Vorteile andrer zu beeifern, ihre Begriffe zu billigen, ihren Leidenschaften zu schmeicheln? Er weiss, dass die Menschen von nichts überzeugter sind, als von ihren Irrtümern, und nichts zärtlicher lieben als ihre Fehler; und dass es kein gewisseres Mittel gibt sich ihren Abscheu zuzuziehen, als wenn man ihnen eine Wahrheit entdeckt, die sie nicht wissen wollen. Weit entfernt also, ihnen die Augen wider ihren Willen zu eröffnen, oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, der ihnen ihre Hässlichkeit vorrückte, bestärkt er den Toren in dem Gedanken, dass nichts abgeschmackter sei als Verstand haben, den Verschwender in dem Wahn, dass er grossmütig, den Knicker in den Gedanken, dass er ein guter Haushalter, die Hässlichkeit in der süssen Einbildung, dass sie desto geistreicher, und den Reichen in der Überredung, dass er ein Staatsmann, ein Gelehrter, ein Held, ein gönner der Musen und ein Liebling der Damen sei. Er bewundert das System des Philosophen, die einbildische Unwissenheit des Hofmanns, und die grossen Taten des Generals; er gestehet dem Tanzmeister ohne Widerrede zu, dass Cimon der grösste Mann in Griechenland gewesen wäre, wenn er die Füsse besser zu setzen gewusst hätte; und dem Maler, dass man mehr Genie braucht, ein Zeuxes als ein Homer zu sein. Diese Art mit den Menschen umzugehen, ist von unendlich grösserm Vorteil, als man beim ersten Anblick denken möchte. Sie erwirbt ihm ihre Liebe, ihr Zutrauen, und eine desto grössere Meinung von seinem Verdienste, je grösser diejenige ist, die er von den ihrigen zu haben scheint. Sie ist das gewisseste Mittel, zu den höchsten Stufen des Glücks empor zu steigen. Meinest du, dass es allein die grössten Talente die vorzüglichsten Verdienste seien, die einen Archonten, einen Heerführer, einen Satrapen, oder den Günstling eines Fürsten machen? Sich dich in den Republiken um; du wirst finden, dass dieser sein Ansehen der lächelnden Mine zu danken hat, womit er die Bürger grüsst; ein andrer der emphatischen Peripherie seines Wanstes;