All_Enlightenment_53.txt

beantwortete schlechtweg ihre fragen; kein Mensch machte Anwendung auf sie; kein Mensch suchte sie zu bereden. Und sie fingen an, Futterkräuter zu bauen, und bauen sie jetzt mit grossem Vorteil. - Ein Beispiel von Fürstenweisheit, das Symbol von der Metode sein kann, wie man das Volk über gewisse Gegenstände aufklären muss!

x.

Am meisten kommts wohl bei dem Volk auf religiöse Aufklärung an; sie muss wenigstens der Grund aller anderen sein. Ohne sie halten die Bande des staates nicht zusammen, und die weiseste Gesetzgebung ist nicht im stand, sie zusammenzuhalten. »On se hvrerait ä une grande Illusion«, sagt Necker, der doch wohl hier eine gültige stimme hat, »si Von espererait pouvoir fonder la morale sur la liaison de Vinteret particulier avec Vinteret public, et si Von imaginait, que Vempire des lois sociales put se passer de Vappui de la religion.« - Und da fragt sich's gleich: wie soll man über religiöse Gegenstände aufklären? soll man sich bloss auf Lehren der sogenannten natürlichen Religion einschränken; oder ist irgendein System von christlichen Glaubenslehren nötig? Ist es genug, dem Volk bloss seine Pflichten einzuschärfen? oder muss man ihm auch sagen, was es zu glauben hat? Soll man hauptsächlich durch Vernunftbeweise auf dasselbe wirken, oder alles auf eine gewisse Autorität bauen? - Das scheint einmal unleugbar: der Mensch wird von seinen Gesinnungen regiert. Er handelt, wie er denkt und empfindet, wer sein Äusseres lenken will, muss also auf sein Inneres wirken, oder er wirkt gar nicht. Ver-nunftgründe fasst das Volk wenig; und auch die, die es fasst, wirken wenig, weil das Volk nicht hauptsächlich durch seine Vernunft, sondern mehr durch Sinne, Einbildungskraft und Herz regiert wird. Das scheint unleugbar: es ist nicht genug, dass man dem Menschen Pflichten herzählt; sondern Hauptsache ist es, sie ihm so wichtig zu machen, dass in ihm der Entschluss entsteht, sie zu erfüllen; dass er sich selbst verdammt, wenn er sie nicht erfüllte, und nur dann mit sich zufrieden ist, wenn er sie erfüllt hat.

Und nun, dünkt mich, lässt sich leicht der Weg vorzeichnen, den man bei religiöser Aufklärung gehen muss, wenn man psychologisch verfahren will.

Wer dem Volk religiöse Aufklärung geben will, der muss sorgen, dass es Gott, und Gottes Handlungsart mit Menschen, und sein Verhältnis gegen Gott so weit kennt als nötig ist, um zu tun, was es um Gottes willen tun soll, und getrost zu erwarten, was es von Gott zu erwarten hat.

Was nicht dazu gehört, nicht in der Verbindung steht, ist auch nicht für das Volk. Dem Staat ist hauptsächlich daran gelegen, dass das Volk dadurch zu besseren Menschen werde; dass es um Gottes willen, aus Pflicht das tue, wozu man es nicht durch obrigkeitliche Gewalt zwingen kann, um Gottes willen, aus Pflicht unterlasse, was auch das schärfste Fürstenauge nicht sieht, der mächtigste Fürstenarm nicht zu hindern vermag. Bekanntschaft mit Pflichten ist also nicht genug; jede Pflicht muss dem Volk lieb und heilig sein; es muss Wille zu ihrer Erfüllung in ihm geweckt werden; man muss ihm einen Grund dafür geben, der ihm als solcher gilt. Furcht darf's auch nicht bloss sein; denn man tut ungern, was man aus Furcht tut; und was man ungern tut, davon macht man sich los, sobald es möglich ist. natürlich will das der Staat bei Erfüllung von Pflichten gar nicht; schon der Staat ist dabei interessiert, dass dem Volk seine Pflichten immer heilig bleiben; dass es sich nie von ihrer Erfüllung loszumachen suche. Und wie dies bewirken? Jede einzelne Pflicht zu beweisen, geht nicht; und am wenigsten beim Volk. Mancher Grund wird von ihm nicht gefasst; Vorurteil, Gewohnheit, entgegenstrebende leidenschaft macht hundert Einwürfe, die wenigstens dem viel gelten, der sie macht. Oft ist's auch an sich wahr und in sich konsequent, was gegen manche moralische Beweggründe gesagt wird.

Es wirkt nicht immer gut, wenn man von seinen Rechten etwas nachgibt; nicht immer schwächt sich der Wollüstling; und der Trunkenbold wird nicht immer ungesund. - Man versuche es nur, auf eine Dorfgemeinde mit lauter vernünftigen Beweggründen zu wirken, und man wird erfahren, wie wenig es geht. Aber wodurch denn sonst wirken? wodurch bewegen das schwer zu bewegende Volk zu Erfüllung der Pflichten, die meist gegen seine Neigung sind? - Wir finden in Familien: alles geschieht um des Vaters willen-, weil er es gesagt hat; auf sein Wort! Der Vater ist in der Familie so eine wichtige person geworden, dass er nur zu reden braucht, und es gilt mehr, als wenn ein anderer hundert Gründe vorgebracht hätte. Wir finden in einem ordentlichen Staat: alles geschieht um des Herrn willen; weil er es befohlen hat; auf sein Wort! Der Herr ist im Staat eine so wichtige person geworden, dass er nur zu befehlen braucht, und es ist mehr, als wenn ein anderer hundert Gründe vorgebracht hätte. In einer guten Familie wird gehorcht, weil die person des Vaters, in einem ordentlichen Staat, weil die person des Herrn wichtig ist. Wie, wenn sich nun ein Wesen fände, das für ein ganzes Volk das wäre, was ein Vater in seinem Haus, ein Regent in seinem Land ist? –

Mit diesem Wesen bekannt machen; Ehrfurcht