All_Enlightenment_49.txt

er zu mannigfaltige Geschäfte vor, so zerstreut, zerteilt ihn das zu sehr. Er unterlässt wohl etwas Mechanisches, was getan werden muss, um etwas Spekulativeres vorzunehmen, was nicht ganz richtig wäre. Statt seinen Dünger auszufahren, künstelt er an Bäumen; statt seinen Roggen zu rechter Zeit zu säen, macht er Versuche mit einer Sämaschine. Seine Begriffe sind eingeschränkt; sein Kopf kann nicht viel fassen, wenn es richtig, bis zu sicherer Anwendbarkeit richtig, gefasst werden soll. Er kommt in nichts zu einem hohen Grad von Fertigkeit, weil er Fertigkeit in zu vielerlei haben will. Die Geschäfte so eines hocherleuchteten Landmannes gehen schlechter, als die des eingeschränktesten, unwissendsten Bauern. Das haben hundert Beispiele von spekulativen Landwirten gezeigt.

VI.

Falsch und schädlich ist jede Aufklärung, die zu Grübelei und Zweifelsucht verführt. Religiöse Zweifel frommen keinem Menschen, und am wenigsten dem Volk. Es spornt wahrlich nicht zu Tätigkeit und flösst keine Ruhe ins Herz, wenn ich nicht weiss, woran ich bin, woran ich mich halten soll in der wichtigsten Sache des Lebens. Es ist natürlich, dass ich zwischen Recht und Unrecht schwanke, wenn ich ungewiss bin, ob auch so ein grosser Unterschied zwischen Recht und Unrecht ist. natürlich, dass ich vor Leiden und Tod zurückbebe, wenn ich nicht weiss, warum ich leide, und ob mir etwas wird nach dem Tod. Und doch kann sich der durchgrübeln, der Fähigkeit und Zeit zum Denken hat. Er kann sich zur Gewissheit emporarbeiten und weiss dann desto gewisser, was Wahrheit ist. Aber der eingeschränkte Landmann, der von Jugend auf im Schweiss seines Angesichts jeden Bissen Brot essen muss, dem die Stunden der Ruhe so kärglich zugezählt sind, der zum Denken weder Gabe noch Zeit hat -wie will er das? Er wird Zweifler sein und Zweifler bleiben und aus religiösem Grund nichts tun und nichts unterlassen; Religion wird ihm keinen Trost geben, wenn er Trost bedarf, weil ihm die Gewissheit fehlt, die allein zu Tätigkeit aufspornen und Trost und Ruhe geben kann. Ihr habt ihm den Stab genommen, woran er wandelte, unselige Aufklärer; und nun kann er gar nicht mehr gehen, da er recht frei gehen sollte! Wirklich kenn' ich nichts Widersinnigeres, und zugleich Menschenfeindlicheres, als wenn man dem Volk unter der Hand zu verstehen gibt: diese oder jene längst geglaubte Religionslehre sei nicht wahr! Das stehe nicht in der Bibel, was es Jahrhunderte lang darin gesehen hat! Es sei nicht alles so zu nehmen, wie es da stehe! Jesus und seine Apostel haben manches bestimmt gesagt, das doch bloss jüdisches Vorurteil sei, u. dgl.

- Und war' es auch ganz wahr, welche Unklugheit, es dem Volk zu sagen! Welcher Schade, wenn es so etwas glaubt!

- Nicht bloss, dass nun die eine Wahrheit bezweifelt wird, dass das Volk nun diese oder jene Äusserung der Bibel verwirft: es bezweifelt nun alle Wahrheiten, glaubt der Bibel gar nicht mehr recht, und natürlich da am wenigsten, wo sie am lautesten seiner leidenschaft widerspricht. Und nun sucht Ihr philosophische und populäre Gründe zusammen, um es zu Ehrlichkeit und Tugend, zu Keuschheit und Mässigkeit und Folgsamkeit zu bringen. Ihr werdet sehen, was sie wirken; und werdet bald erfahren, dass sie alle zusammen genommen für das Volk nicht so viel wert sind, als eine Stelle der Bibel, als das eine Wort: Gott hat's befohlen? Gott will's!- Wenn auch wirklich der Eckpfosten an einem Haus weit besser behauen und geformt sein könnte; der weise Baumeister lässt ihn lieber wie er ist, eh' er das Haus in Gefahr setzt, einzustürzen. Wenn auch unser Nachbar in einer elenden Hütte wohnt; es ist ja doch wohl weder Weisheit noch Menschenliebe, ihm sein Häuschen abzubrechen, dass er auf der Strasse schlafen muss! Wenn du etwas kannst und willst, so bau ihm ein dauerhafteres und gemächlicheres Haus, und überlass es ihm, ob er seine Hütte verlassen und da einziehen will. Er wird ja wohl von selbst so klug sein; und ihm fehlt's dann doch nie an Obdach. - Fast ebenso schädlich ist die politische Zweifelsucht; das Grübeln über die Rechte des Landesherrn und des Untertanen. Es ist mir oft von Geschäftsmännern gesagt worden: es sei mit niemand übler zurechtzukommen, als gerade mit den klügsten Bauern. Sie hätten so viel Scheingründe, wären mit so viel Schikanen bekannt, dass man mit ihnen ganz die Geduld verlöre. Man hat mir wohl solche Beispiele als Beweis von dem Schaden der Aufklärung angeführt. Und allerdings ist solche Aufklärung dem Volk durchaus schädlich. Religionsgrundsätze sind ihm nicht klar genug gemacht, nicht tief, genug eingeprägt; ein solcher Mensch baut seinen Acker, versorgt sein Vieh, führt seinen Haushalt mechanisch, ohne Nachdenken fort, wie er es von seinem Vater gesehen hat. Er hat alle die Vorurteile und den Aberglauben seiner Nachbarn, ist also von keiner Seite aufgeklärt. Nur ein paar Rabulisten haben ihm gegen bare Bezahlung etwas von seinen Rechten vorgewindbeutelt und ihm Misstrauen gegen die Obrigkeit eingeflösst. Der Mensch mag gern viel Rechte haben; mag ungern Abgaben entrichten und gehorchen. Die Vorspiegelung des After-Advokaten schmeichelt also seinem natürlichen Hang. Er nimmt sie an, weil sie ihm willkommen ist; und nimmt sie desto leichter an, je weniger gebildeten Verstand er hat, um ihre Bodenlosigkeit und die begreifliche Absicht des Rabulisten durchzusehen. Er