nichts übrig bleibt, wenn das Glas durch die Laterne gezogen ist.
O Jugend! die du die Hoffnung der Nation bist; die du einstmals beitragen sollst, sie glücklich zu machen; was erwartet dich unter dem Wirrwarr der Schriften unseres Jahrhunderts?
Versenke dich nicht zu früh ins Chaos literarischer Verwirrung; lies und überlies, und durchdenke das grosse Buch der natur. Bewundere ihre Schönheiten, ihre Reichtümer, und betrachte das Original selbst, ehe du die Zuflucht zu ihren Kopien nimmst.
Wenn ich hier von der Schädlichkeit der Lektüre rede, so ist es nicht, um die Lektüre ganz zu verdammen; ich kenne ihren Nutzen; nur will ich, dass sie gemässigt sei und nicht ausarte, dass sie nicht bloss Modelektüre sei, sondern Bildung zur Nachahmung. Ich will, und Staat- und Menschenwohl wollen es auch, dass sie verhältnismässig mit unseren Pflichten sei, dass sie eine Führerin, eine Freundin für uns sei, die uns zur Wahrheit, zum Glück führe und uns nicht von Wahrheit und Glück entferne. Sie muss nicht ihre Grenzen überschreiten, sie muss nicht der Willkür der Jugend überlassen werden; sie muss nicht die Unterhaltung einer müssigen Einbildungskraft sein; denn unwissend unser verändert sie unseren natürlichen Charakter, verlöscht unsere Grundtriebe zum Guten und kann uns durch unsere falschen Ideen irreführen. Der Verirrung des Verstandes folgt so gern die Verirrung des Herzens; leicht verführt die Lektüre zur Rechtaberei, zur Parteilichkeit; sie erstickt manchmal unsere Einbildungskraft oder täuscht sie durch falsche Bilder und erstickt durchs Gift ihrer Leidenschaften den Keim des Guten, des Nützlichen und des Grossen.
Nur die Lektüre, die nach den Regeln unserer Pflichten und unserer Vervollkommnung geordnet wird, kann gut sein; jede andere ist unmittelbar schädlich; die geordnete Lektüre ist eine glückliche Stütze unseres Verstandes, sie allein kann unser Trost in den Mühseligkeiten des Lebens werden, eine vernünftige Führerin in unserem Unglück, eine Leuchte für unsere Unwissenheit und eine Gesellschafterin in den Stunden der Langeweile. Sie ist ein Mittel für tausend Leiden der Seele; allein sie muss die sein, die sie sein soll.
Es würde mir leid tun, wenn man glaubte, dass ich den Künsten und Wissenschaften zu nahe treten wollte; ich habe immer öffentlich ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die sie verdienen, und ich wiederhole es, dass ohne sie der Mensch ein elendes geschöpf wäre, dass die Last der Unwissenheit und des Elends schwer auf ihm liegen würde: meine Absicht ist daher nicht, die Wissenschaften zu unterdrücken oder die Lektüre auszumerzen; ich bin überzeugt, dass Unwissenheit zum Laster führt und dass der Unwissende hart die Wege verlässt, die er geht, weil er keine edleren kennt. Ich bin überzeugt, dass nur Kenntnisse den Menschen zum Guten führen können, aber ich möchte gern, dass man den Weg der Wissenschaften von den Dornen reinigte, die ihn bedecken.
So sehr ich die Wissenschaften liebe, so sehr hasse ich die falschen Kenntnisse, diese eiteln Wörterwissenschaften, die der Stolz und der Eigennutz für die wahren ausgibt, um die Menschen in Irrtümer zu fuhren; ich wünschte, dass die Menschen, die lesen wollen, nur solche Bücher lasen, die sie wirklich besser machten und nicht in Irrtümer führten, die ihrem Verstand wahres Licht gäben und ihn nicht in Verwirrung brächten.
Wenn der Mensch die ersten Jahre seiner Kindheit verlässt, wenn er anfängt, Geschmack an der Lektüre zu finden, so ist dieses der wichtigste Zeitpunkt zur Bildung seiner Seele. Seine Denkart richtet sich nach den ersten Begriffen, die in seinen Geist übergehen; nach dieser Denkart verhalten sich seine Sitten, nach diesen seine Lebensart.
Was haben wir in unserem Zeitalter von der Geistesbildung der meisten jungen Leute zu erwarten? Selbststolz ist das erste Laster, das die meisten durch die Lektüre einsaugen; dann Verachtung gegen Moralität und Religion, und so bilden sie sich stufenweise zum sinnlichen Egoismus. Das Lesen der Alten wird vernachlässigt, sie irren in dem unübersehbaren Labyrint von Büchern und Broschüren herum, und vergebens reicht ihnen die Vernunft den Faden, um aus diesen Irrgängen zu kommen. Vergebens ruft ihre stimme: Söhne der Klugheit! überseht im Grossen den Geist der Jahrhunderte, den herrschenden Charakter der Nationen, die Wissenschaften und Künste, die bewunderungswürdigen Monumente unserer Stärke und unserer Schwäche. Wendet eure Blicke auf die Männer, die sich durch Tugend und Weisheit gross machten, und nicht auf jene kriechende Menge der Sterblichen, die die Wissenschaften und Künste durch ihre Kleinheit schändeten. Nur jene grossen Seelen, jene erhabenen Geister, die die natur zur Bewunderung nachkommender Jahrhunderte erzeugte, verdienen bewundert zu werden; nur ihre Schriften sind unserer Betrachtung, nur ihr Leben unserer Nachahmung würdig.
Studiert die geschichte und lernt aus dieser den natürlichen Menschen kennen; sucht den natürlichen Menschen unter den Völkern auf, die noch roh, ungekünstelt und unverdorben sind; lernt bei diesen den Menschen kennen mit seiner Wildheit, seinem Hang zur Freiheit, mit seiner Grösse und seinem Elend. Geht dann zurück und durchdenkt die Handlungen der Menschen, die euch die geschichte liefert; lernet aus diesen, wie die Tugend allein zur Glückseligkeit führt; wie mit ihr Staaten aufkeimten, ohne sie Staaten verfielen, und bald werdet ihr den Wert der Sitten und die Wohltat der Religion einsehen. Die Dichtkunst hat keinen Wert, wenn sie nicht zu Sitten und Tugend führt; das Buch eines Fenelons würde uns schadlos halten, wenn Biblioteken von Dichtern verbrennen würden. Mit den Büchern verhält es sich wie mit den Menschen; der Gute wählt