All_Enlightenment_34.txt

Materie und Form besteht, so gibt es auch eine doppelte, eine materielle und formelle Aufklärung.

Was ist nun formelle Aufklärung? Sie ist die durch die Entwicklung und Ausbildung aller Anlagen des Menschen ihrem Naturzweck gemäss erworbene Tauglichkeit und Fertigkeit aller Kräfte zu jedem selbsttätigen Gebrauch. Kultur und Aufklärung sind hier gleichbedeutend. Sie ist ebenso vielfach, als es verschiedene ursprüngliche Anlagen und daher Wirkungsarten des menschlichen Geistes gibt. Nun hat der Mensch drei Anlagen. Die erste Anlage ist für die Tierheit, die sich auf einen sinnlichen Genuss beschränkt. Der Aufgeklärteste ist hier derjenige, der auch die dauerndsten, mannigfaltigsten und angenehmsten Vergnügen raffiniert und sie zu geniessen weiss. Auf dieser Stufe der Kultur verhält sich der Mensch ganz leidend, denn alle Stoffe zum Genuss erwartet und empfängt er von der (inneren oder äusseren) natur durch unwillkürliche Eindrücke. Die zweite ist die Anlage für die Vernunft, die sich durch Denken äussert, und die durch das Empfangen des Stoffes bald noch an die Tierheit gefesselt ist, bald ihn sich selbst gibt, aber ihn stets selbsttätig und frei verarbeitet. Nicht gezwungen und mit dunklen Gefühlen, sondern mit Selbstbewusstsein verfährt die Vernunft in ihrem Geschäft, gebietet als Herrscher und prägt allem, was sie berührt, den Charakter ihrer natur - unbedingte Einheit und Vollständigkeit - auf. Den höchsten Grad der Aufklärung hat hier der Mann erreicht, der den Mut und die Kraft hat, sich allentalben seines eigenen Verstandes zu bedienen. Er ist daher eigentlicher Selbstdenker: er hat sich von jedem Fürwahrhalten, das nicht die eigenste Form seines Geistes durch Freiheit angenommen hat, losgerissen. Die dritte Anlage, die den Menschen gänzlich der Naturnotwendigkeit entreisst und ihn in das Reich der Freiheit versetzt, ist die Anlage für die Personalität. Diese äussert sich in zwei selbsttätigen Handlungen, einmal als praktische Vernunft, das andere Mal als freier Wille. Unabhängig von allem inneren und äusseren Zwange bestimmt sie sich für sich selbst und durch eigene reine Tätigkeit. Sie gibt sich ein Gesetz und befolgt oder übertritt es aus Freiheit. Hier ist nun der Aufgeklärteste der, der bei allen seinem Tun und Lassen mit dem Bewusstsein des Gesetzes handelt. Dieser hat allen Zufall aus seinem Leben verdrängt und ist kein Spiel äusserer oder innerer Eindrücke, wobei er sich leidend verhielte, mehr, sondern er besitzt Charakter, d. i. die Kraft und Besonnenheit, immer einerlei Maxime bei seinen freien Handlungen zu ergreifen und alles unter seine Selbsttätigkeit zu beugen.

Die materielle Aufklärung bezieht sich auf ein bestimmtes Objekt und ist ebenso vielfach, als zahlreich die Gegenstände der sinnlichen und übersinnlichen natur sind, daran sich Menschen versuchen und die sie als innerhalb der Grenzen ihres Erkennens und Handelns liegend bearbeiten können. Daher ist oft ein Mensch in einer Wissenschaft verständig und von Vorurteilen frei, in der anderen bigott und abergläubisch, z. B. bei allem wagt er selbst zu denken, nur in teologischen und religiösen Dingen gibt er allen freien Gebrauch seiner Vernunft auf.

Nunmehr können wir unserer Aufgabe, ob Aufklärung Revolutionen bewirke, näherrücken. Unter einer Revolution verstehe ich hier weder eine sinnliche (physische), noch eine intellektuelle, sondern eine moralische, und zwar nicht eine moralische (in das Gebiet des Gewissens gehörige), sondern eine politisch rechtliche (unter dem äusseren Recht stehende). Ich unterscheide sie von Aufruhr und Aufstand. Sie ist daher kein Widerstand Einzelner gegen die Obrigkeit, kein Ungehorsam der Mehrheit gegen die verschiedenen Gewalten, sondern eine gewaltsame und gänzliche Umänderung der Grundsätze einer Verfassung. Was ist nun die Ursache einer solchen Umwälzung? Mir scheint sie von doppelter Art zu sein: i) eine veranlassende (äussere) und 2) eine hervorbringende (innere). Die äusseren Ursachen mögen immer wirken, sie werden nie eine Revolution hervorbringen, solange nicht die inneren mit ihnen zusammentreffen. Sie schlagen an leblose Körper, die höchstens ihre Lage verändern und liegen bleiben. Alles Äussere und Innere bezieht sich nun entweder auf den sinnlichen Genuss oder auf das Denken oder auf das Recht.

Die Nation, deren Bedürfnisse sich bloss auf die Sinnlichkeit erstrecken, mag noch so sehr gedrückt und ihr Genuss noch so sparsam und kärglich, ihre Denkkraft in ihren Wirkungen unterdrückt und ihr Gewissen gekränkt sein, sie kann und wird nie eine Revolution unternehmen. Aufruhr kann unter ihr ausbrechen, aber sobald Gewalt gegen sie auftritt, sinkt sie in ihre Schlafsucht und in ihre entehrende Geduld zurück. Ihre ganze Existenz beschränkt sich auf die blosse Sinnlichkeit: Furcht und Hoffnung sind die einzigen Triebfedern, die auf sie allmächtig wirken. Sie ist daher feig, trag, an Unterdrükkung und Despotismus gewöhnt, und fürchtet bei jedem leisen Wehen, das ihr guter Genius in ihr zum Widerstand gegen Unrecht aufregt, ihr Leben auf dieser Erde zu verlieren. Aber da alle auf sie einwirkenden Ursachen vorübergehen und wandelbar sind, so vergisst sie augenblicklich alle vorigen Leiden und sucht die jetzigen in Trägheit und Sinnentaumel zu betäuben und zu ersticken. Die geschichte gibt uns jetzt noch Beispiele von Völkern, die alles dulden, wenn sie nur leben und sich kleiden können. Die Türken und alle asiatischen und afrikanischen Völker stehen auf dieser Stufe der Kultur, wo jede Kränkung der unveräusserlichen Rechte der intelligibelen natur so lange geduldig ertragen wird, als ihr sinnliches Leben nicht gänzlich gefährdet und ihr Untergang da ist. Revolutionen zugunsten des äusseren Rechts sind bei ihnen unmöglich, obschon oft Aufruhr ausbrechen und ein Despot den anderen mit Hilfe seiner Sklaven vom Tron stossen kann.

Die zweite Veranlassung zu Revolutionen ist Unterdrükkung der