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Absicht hat.

- »Die Aufklärung ist nichts anderes, als die Bemühung des menschlichen Geistes, alle Gegenstände - ins Licht zu setzenUnd mehrere Ausdrücke, z. B. (S. 12) »die aufklärende Vernunft«, beweisen, dass dieser Verfasser die Tätigkeit, durch welche die Aufklärung, als Zustand genommen, bewirkt wird, der Vernunft zuschreibt.

XIV. Beförderung der gemeinen Erkenntnis überhaupt

Es ist ausgemacht, dass ein Mensch bei dem andern die Tätigkeit des Verstandes und der übrigen Geisteskräfte nie bewirken, höchstens befördern oder veranlassen kann. - Dass mein Zuhörer oder Leser das denkt, was ich durch meine Worte ausdrücken will, das ist möglich, in gewissen Fällen wahrscheinlich, aber nie notwendig, welches die Erfahrung lehrt. Gleichwohl müsste diese Tätigkeit seines Verstandes notwendig erfolgen, wenn meine Rede zu ihr sich als wirkende Ursache verhielte. Folglich gehören alle menschlichen Handlungen, die man unter dem Lehrgeschäft im weitesten Sinn begreift, nur zu den Beförderungsmitteln oder Veranlassungen der Aufklärung bei andern Menschen. Indessen nennt man nach einem bekannten Tropus in allen Sprachen sehr oft den Erfolg für die befördernde oder veranlassende Ursache. Man sagt sehr gewöhnlich: Der Arzt hat den Kranken geheilt, und der Lehrer hat den Verstand des Knaben entwickelt. Beide haben das nicht wirklich getan, was man ihnen zuschreibt; sondern der Körper des Kranken heilte sich selbst, und der Verstand des Knaben entwickelte sich selbst: Arzt und Lehrer wandten bloss äusserliche Mittel an, wodurch jene Erfolge befördert, erleichtert, veranlasst wurden. Ebenso sagt man auch aufklären, wo man, um ganz eigentlich zu reden, nur sagen sollte: die Aufklärung befördern. Man macht sich kein Bedenken, zu sagen: Der Prediger hat seine Gemeinde, der Schriftsteller hat sein Publikum aufgeklärt. Gleichwohl haben beide nur bei einem teil ihrer Zuhörer und Leser die Aufklärung befördert, und es ist höchst wahrscheinlich, dass bei einem andern teil derselben dieser Erfolg ausgeblieben ist. Ich glaube, es ist manches falsche Urteil dadurch veranlasst worden, dass man diese Bemerkung übersah, dass man voraussetzte: da sei schon Aufklärung, wo doch nur erst Aufklärung befördert werden sollte. - Doch jetzt rede ich bloss vom Namen. - Ich sage: Oft bedeutet Aufklärung soviel, als die Beförderung der gemeinen Erkenntnis überhaupt oder die Bemühung, welche jemand anwendet, um die Vermehrung der historischen Kenntnismasse bei andern zu befördern. In diesem Sinn müssen es wohl diejenigen nehmen, welche von übertriebener Aufklärung reden. - Was heisst übertreiben? - Von einer freien Handlung gebraucht, heisst es, denke ich, mehr Mittel anwenden, als zur Erreichung eines gewissen vorgesetzten Zwecks nötig sind. Wenn wir nun also sagen: Die Aufklärung übertreiben, so können wir hier unter Aufklärung nicht die Entstehung klarer Begriffe im Verstände denken, denn wie kann ein Mensch diese übertreiben? Sie steht ja nicht in seiner Gewalt. Auch kann Aufklärung da nicht die auf jene klarheit der Begriffe abzielende Bemühung anzeigen; denn da die Erkenntnis des Menschen nie zu klar werden kann, da das höchste Ideal der Aufklärung, nämlich der Zustand des Menschengeschlechts, da alle Gegenstände des menschlichen Erkenntniskreises von allen mit völliger klarheit erkannt werden, - da dieses Ideal, sage ich, nie erreicht werden wird, so kann auch das Streben nach immer wachsender klarheit nie übertrieben werden; sondern der Ausdruck ist so zu verstehen: Weil manche meinen, dass für jeden Stand und für jeden Menschen nur ein gewisses Mass von Kenntnissen gehöre und dass alle dieses Mass übersteigende Kenntnisse dem Menschen schädlich und der Gesellschaft gefährlich seien, so nennen sie es die Aufklärung übertreiben, wenn mehr Kenntnisse und Meinungen allgemein verbreitet werden, als nach ihrer Meinung allgemein sein sollten; wenn also einigen Ständen mehr Kenntnis zugemessen wird, als ihnen von jenen Verstandsmessern bestimmt ist.

Eben diese Bedeutung muss das Wort Aufklärung haben, wenn von Grenzen der Aufklärung geredet wird. Wenn die Frage ist: Ob jemand - und wer - das Recht habe, der Aufklärung Grenzen zu setzen? Die Aufklärung, insofern man darunter das Klarwerden oder Klarerwerden des menschlichen Erkenntniskreises (Nr. VII.) versteht, hat gewiss ihre Grenzen, nämlich ihren bestimmten höchsten Grad, den sie nach den Gesetzen der Menschennatur niemals übersteigen kann. Ebenso die Aufklärung in Beziehung auf den individuellen Gesichtskreis jedes einzelnen Menschen. Die Aufklärung, als Tätigkeit des Verstandes (Nr. XIII.) genommen, muss auch ihre Grenzen oder Schranken haben: widrigenfalls müsste man ja annehmen, dass das Denkvermögen des Menschen unendlich wäre. Aber alle die hier erwähnten Grenzen der Aufklärung sind nicht durch Menschen bestimmt: auch steht es niemals in der Gewalt eines Menschen, sie zu bestimmen. Wenn also die Frage ist: Ob der Aufklärung von Menschen Grenzen gesetzt werden können? dürfen? sollen? - so kann Aufklärung da nichts anderes heissen, als: Beförderung der Aufklärung durch Anwendung äusserer Mittel, welche in der Gewalt des Menschen stehen: denn diese Anwendung äusserlicher Beförderungsmittel und nur diese ist's, welcher von andern Menschen Grenzen oder Schranken gesetzt werden können: nur diese kann gemeint sein, wenn die Frage ist: Ob Staat, Kirche sie hindern oder ihr gesetz vorschreiben können? - Ferner: »Wenn es Aufklärung ist, dem Volk den Glauben zu nehmen, den es an den Priester hatte, so ist's eine von denen (Aufklärungen), die ein weiser Mann nicht wünschen sollte73 - Aufklärungen in der Pluralität kann nur von Beförderungsmitteln der Aufklärung verstanden werden; denn