All_Enlightenment_159.txt

, zu vernageln und zuzustopfen; werden nicht ermangeln, uns andern, die wir uns zu unserm und andrer Leute notdürftigem Gebrauch mit etwas Licht versehen, die Laternen zu zerschlagen, sobald sie die stärkern sind, und,

wo sie das nicht sind, alle nur ersinnliche Mittel anwenden, die Aufklärung wenigstens in ein böses Geschrei zu bringen. Ich denke nicht gern Arges von meinem Nebenmenschen: aber ich muss gestehen, die Sicherheit der Aufklärungsmittel, die unserm Frager so sehr am Herzen liegt, konnte mir seine Lauterkeit wider Willen verdächtig machen. Sollte er etwa meinen, es gebe respektable Dinge, die keine Beleuchtung aushalten können? Nein, so übel wollen wir von seinem verstand nicht denken! Aber er wird vielleicht sagen: »Es gebe Fälle, wo zuviel Licht schädlich sei, wo man es nur mit Behutsamkeit und stufenweise einfallen lassen dürfeGut! nur kann dies mit der Aufklärung, die durch Unterscheidung des wahren und Falschen bewirkt wird, in Teutschland wenigstens, der Fall nicht sein; denn so stockblind ist unsre Nation nicht, dass sie wie eine person, die am schwarzen Star operiert worden ist, behandelt werden müsse. Es wäre Spott und Schande, wenn wir, nachdem wir schon dreihundert Jahre lang nach und nach einen gewissen Grad von Licht gewohnt worden sind, nicht endlich einmal imstande sein sollten, hellen Sonnenschein ertragen zu können. Es greift sich mit Händen, dass das blosse Ausflüchte der lieben Leute sind, die ihre eigenen Ursachen haben, warum es nicht hell um sie sein soll.

V. »Wer ist berechtigt, die Menschheit aufzuklären

Wer es kann! - »Aber wer kann es?« - Ich antworte mit einer Gegenfrage, wer kann es nicht? Nun mein Herr? da stehen wir und sehen einander an? Also, weil kein Orakel da ist, das in zweifelhaften Fällen den Ausspruch tun könnte (und wenn eines da wäre, was hälf´ es uns ohne ein zweites

Orakel, das uns das erste erklärte?), und weil kein menschliches Tribunal berechtigt ist, sich einer Entscheidung anzumassen, wodurch es von seiner Willkür abhinge, uns so viel oder wenig Licht zukommen zu lassen, als ihm beliebte: so wird es wohl dabei bleiben müssen, dass jedermannvon Sokrates oder Kant bis zum obskursten aller übernatürlich erleuchteten Schneider und Schuster, ohne Ausnahme, berechtigt ist, die Menschheit aufzuklaren, wie er kann, sobald ihn sein guter oder böser Geist dazu treibt. Man mag die Sache betrachten, von welcher Seite man will, so

wird sich finden, dass die menschliche Gesellschaft bei dieser Freiheit unendlichmal weniger gefährdet ist, als wenn die Beleuchtung der Köpfe und des Tuns und Lassens der Menschen als Monopol oder ausschliessliche Innungssache behandelt wird. Nur wollte ich allenfalls raten, ne quid Res publica detrimenti capiat - eine höchst unschuldige Einschränkung dabei zu verfügen; und diese wäre: das sehr weise Strafgesetz der alten Kaiser des ersten und zweiten Jahrhunderts gegen die heimlichen Konventikel und geheimen Verbrüderungen zu erneuern, und demzufolge allen, die nicht berufen sind, auf Kanzeln und Katedern zu lehren, kein anderes Mittel zur beliebigen Aufklärung der Menschheit zu gestatten als die Buchdruckerpresse. Ein Narr, der in einem Konventikel Unsinn predigt, kann in der bürgerlichen Gesellschaft Unheil anrichten: ein Buch hingegen, was auch sein Inhalt sein mag, kann heutzutage keinen Schaden tun, der entweder der Rede wert wäre oder nicht gar bald zehnfältig und hundertfältig durch andere vergütet würde.

VI. »An welchen Folgen erkennt man die Wahrheit der Aufklärung

Antwort: Wenn es im ganzen heller wird; wenn die Anzahl der denkenden, forschenden, lichtbegierigen Leute überhaupt, und besonders in der Klasse von Menschen, die bei der Nichtaufklärung am meisten zu gewinnen hat, immer grösser, die Masse der Vorurteile und Wahnbegriffe zusehends immer kleiner wird; wenn die Scham vor Unwissenheit und Unvernunft, die Begierde nach nützlichen und edlen Kenntnissen und besonders, wenn der Respekt vor der menschlichen natur und ihren Rechten unter allen Ständen unvermerkt zunimmt; und (was ganz gewiss eines der unzweideutigsten Kennzeichen ist), wenn alle Messen einige Frachtwagen voll Broschüren

gegen die Aufklärung in Leipzig ein- und ausgeführt werden. Denn die figürlichen Nachtvögel sind, in diesem Punkte, gerade das Widerspiel der eigentlichen: diese werden erst bei Nacht laut; jene hingegen schreien am grellsten, wenn ihnen die Sonne in die Augen sticht. Sagt, hab ich recht? Was dünkt euch von der Sache Herr Nachbar mit dem langen Ohr? Timaletes.

1 ) Dies leidet einige Ausnahmen, ich weiss es wohl; aber in den meisten Fällen bleibt es doch bei

der Regel.