All_Enlightenment_148.txt

Frage zu beantworten übrig: wie die Regierung bei der verstatteten und beförderten denke- und Pressefreiheit verhüten könne, dass von derselben nicht ein verderblicher Missbrauch gemacht werde und unentdeckt, unbestraft Aufruhr gepredigt und Lästerungen und Schmähungen gegen öffentliche und Privatpersonen verbreitet werden? Das bisher in vielen Ländern übliche Mittel der Zensur scheint mir dagegen, aus wichtigen Gründen, nicht ratsam und auch nicht zweckdienlich und hinreichend zu sein. Durch die Zensur wird allemal einer oder einiger Personen Einsicht und Willkür viel zuviel überlassen, da es in diesem Falle unmöglich ist, allgemeine und bestimmte Regeln und gesetz zu geben, denen der Zensor buchstäblich zu folgen habe. Wie unendlich unbestimmt ist die den Zensoren gewöhnlich gegebene Vorschrift: nichts passieren zu lassen, was wider den Staat, die Religion oder die guten Sitten streitet! Wie unendlich schwierig ist die wirkliche Anwendung und Befolgung dieser Vorschrift, und wieviel hängt dabei lediglich von der Einsicht und der Willkür eines einzelnen Menschen ab! Ein Mensch, von dem man unmöglich im allgemeinen voraussetzen und behaupten kann, dass er verständiger, klüger, rechtschaffener sei, als jeder andere, soll also der entscheidende Richter der Erlaubteit und Rechtmässigkeit der Gedanken von tausend seiner Brüder sein?

Wodurch wird denn jener Einzelne so unendlich einsichtsvoll, so zuverlässig, so übermenschlich tugendhaft, so unfehlbar? Dadurch, dass er ein Superintendent, ein Rat, ein Sekretär oder wer weiss was sonst ist? Das ist unmöglich, denn es gibt ja noch so viele andere Superintendenten, Räte und Sekretäre, die nicht Zensoren sind, und die sich selbst müssen zensieren lassen! Also wohl dadurch, dass er nun einmal etwa von einem Minister oder Rat, die denn doch wenigstens ebenso unfehlbar wie er selbst sein müssen, zum Zensor erwählt ist? Ja das ist ganz begreiflich; wem der Zufall (ich mag das Wort und den Begriff Gott nicht missbrauchen) ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. O das ist sonderbar!

Mancher Schriftsteller denkt jahrelang, oft einen grossen teil seiner Lebenszeit hindurch, über wichtige Gegenstände der Religion, der Sittenlehre, der Staatskunst usw. nach; wendet allen möglichen Fleiss an, seine Gedanken darüber zu berichtigen, zu ordnen und auf das bestimmteste und deutlichste auszudrücken und vorzutragen - und vollendet ein Meisterwerk des Genies, der Denkkraft und des Fleisses.

Nun kommt ein Zensor über das Werk - ein Zensor, der vielleicht unfähig und unwürdig ist, ein Schüler des grossen Mannes zu werden; dem es vielleicht unmöglich ist, die Schrift zu verstehen und in ihren Sinn und Geist einzudringen - der soll nun und will nun mit seinem blöden Verstand beurteilen und entscheiden, ob etwas in dem Werk entalten sei, was für den Staat, die Religion und die guten Sitten gefährlich ist oder werden kann!

Frevelhaft genug verweigert er vielleicht dem ganzen Werk die Zensur oder verstümmelt es mit verwegener Faust.

Lässt sich wohl etwas denken, das unnatürlicher sei und widersinniger?

Man durchlaufe aber in Gedanken welchen Zeitraum der geschichte man will und untersuche: ob irgendeine ausgezeichnet vortreffliche Schrift über die Religion oder über die Staatskunst nicht unter den hochberühmten und angesehenen Männern ihrer Zeit so heftige Gegner gefunden hat, die sie als Zensoren gern würden vernichtet oder verstümmelt haben? Die Sophisten zu Aten hätten die Denkwürdigkeiten des Sokrates, die Pharisäer zu Jerusalem hätten die Lebensgeschichte Jesu, die Mönche zu Luters Zeit hätten dessen Bibelübersetzung und Schriften wider das Papsttum, Joachim Lange hätte Wolfs Werke, und mancher Teologe und Philosoph unseres Zeitalters hätte Kants Kritik nicht die Zensur passieren lassen.

In der Tat, wären Zensur- und Bücherverbot nicht in sich selbst die aller inkonsequentesten, unausführbarsten Dinge, es würde um das ganze menschliche Geschlecht, um dessen sittliche und bürgerliche Freiheit, um das Reich der Wahrheit, der Vernunft und der Tugend äusserst traurig aussehen.

Zweitens wird durch die Zensur, der in so vielem Betracht wichtige Bücherverkehr in seinem Gange gehemmt und beschränkt. Schriftstellern und Verlegern kann durch den Despotismus, den Eigensinn und die Laune der Zensoren, in einem Land oder in einer Provinz, zum ganz unersetzlichen Nachteil des Publikums aller Mut und alle Lust zur Tätigkeit genommen werden.

Drittens fruchtet die Zensur, zumal in einem Land wie Deutschland ist, ganz und gar nichts; denn es ist durchaus undenkbar, dass sich alle Regierungen und alle Zensoren in ganz Deutschland und desselben benachbarten Ländern, in denen sich ebenfalls deutsche Druckereien befinden, einverstehen und dieselben Grundsätze und Maximen annehmen, einerlei Einsichten haben und befolgen und von gleichem Interesse gleich stark beseelt sein sollten.

Daraus folgt, dass eine Schrift, die in der einen Stadt die Zensur nicht passiert, in einer anderen, zehn oder zwanzig Meilen davon entfernten, desselben Landes, ganz ungehindert gedruckt wird.

Wieviel mehr ist solches der Fall in den ihrer ganzen Verfassung, Regierung, Kultur, öffentlichem und Privatinteresse nach völlig voneinander verschiedenen Ländern?1 An wie vielen Orten ist gar keine Zensur? Und wäre sie endlich auch überall und überall gleich scharf, so erscheinen die Bücher ohne Druckort und ohne Namen des Verlegers und Verfassers.

Dürfen freie politische und religiöse Ideen nicht in Büchern, deren Titel ihrem Inhalt entsprechen, bekannt gemacht werden, so verbreiten sie sich durch Romane, Poesien, Schauspiele, Reisebeschreibungen, Feenmärchen und auf andere Arten; wodurch das in ihnen etwa liegende, vermeinte oder wirklich Schädliche, noch viel gefährlicher und giftiger gemacht wird.

Also durchaus und ganz und gar keine Zensur; denn sie nutzt und hilft schlechterdings zu nichts und ist dem Interesse des Regenten ebenso sehr als dem der