All_Enlightenment_146.txt

finden, oder sich damit beruhigen, dass der, welcher das Recht hat zu befehlen, auch das Recht habe, Wahrheiten zu machen. Der kleinere aufgeklärte teil hingegen würde in der Stille seufzen, sich Glück wünschen, dass Gedanken weder befohlen noch gestraft werden können und in der guten Absicht, alte Rechte zu beschützen, eine Entschuldigung finden. Nicht ebenso im zweiten Fall. Der Verständige würde es für einen Eingriff in die Menschenrechte und der Unwissende für einen Eingriff in die Rechte Gottes und der Religion und für ein ausgestelltes Panier des Unglaubens ansehen. Auch schon aus dem grund würde die Welt lieber den ersten als letzteren Fall sich gefallen lassen, weil ihr dort etwas gegeben oder gelassen, hier aber etwas genommen wird. Keinem Fürsten fehlt es an Macht zur Verfinsterung. Er hat schon alles für sie getan, wenn er nichts wider sie tut. Aber die Aufklärung liegt grösstenteils ausser dem Gebiet seiner Macht. Sein Arm ist gebunden durch die Verträge, durch welche er Religion und Gewissen seines volkes für unabhängig erklärt hat. Was Verträge erzwingen, das tun gute Fürsten freiwillig. Der Held, dessen Geist keine Unmöglichkeiten kannte und überall siegte, wie seine Heere, der Sieger bei Rossbach und Lissa, wich vor dem Schatten eines Teologen. Völker werden von einer wahren oder falschen Politik beherrscht. Jene ist tolerant, mild und weise. Sie befiehlt zu tun, aber nicht zu glauben und zu denken. Gern erkennt sie die Rechte des Geistes und der Menschheit. Weil sie kein Glück ohne Tugend und keine Tugend ohne Weisheit kennt, sucht sie ihre Völker zu erleuchten, desto sicherer auf dem Tron, je heller es um denselben wird. Aber ihr Licht geht einen sanften unmerklichen gang. Sie zwingt keinen, es zu bemerken und straft keinen, welcher es nicht annahm. Ganz anders handelt die falsche Politik. Da sie ihr menschenfeindliches Spiel nur im Dunkeln spielen kann, so muss sie vor jeder Aufklärung zittern. Daher wird sie dieselbe bald durch manche gewaltsame und listige Mittel, bald auch dadurch zu verhindern suchen, dass sie dieselbe als gefährlich und schädlich 'vorstellt. Sie wütet nach ihrer Meinung im Gallier und rebelliert im Belgier. Zwar wenn Befreiung vom Despotismus und Wiederherstellung der Freiheit und Menschenrechte die Folge davon wäre, so könnte sie diesen Vorwurf ertragen. Denn er wäre sogar Lob. Aber sie kann auch ein Lob nicht annehmen, an welchem sie so sichtbar keinen Anteil hat. Denn im Gallier rebelliert der Magen und im Belgier der Fanatismus. Der Mönch mit dem Kruzifix tritt der Aufklärung entgegen, um auch sogar ihre ersten Strahlen abzuhalten. Es ist der Streit der Nacht mit dem Tage, nicht des Tages mit der Nacht. Die künftige geschichte hat also einen Beweis mehr, dass verfinsterte Staaten eben diejenigen sind, welche jede Art von Unordnung und Aufruhr am meisten begünstigen. Ein Leibniz findet am leichtesten alle Unbequemlichkeiten und Unvollkommenheiten in der natur. Aber er überzeugt sich auch am vollkommensten, dass sie bald in der nötigen Einschränkung der Welt ihren Grund haben, bald nur scheinbare oder kurze Übel sind, bald von unzähligen grösseren Vollkommenheiten so ganz aufgewogen werden. Daher hindert ihn seine Weisheit nicht, ein ruhiger und guter Untertan zu sein in dem grossen Reich Gottes. Der Tor ist es aus Gewohnheit und nur im Glück, aber der Weise ist es aus Überzeugung und immer. Und in Staaten, wo Menschen herrschen, sollte das Verhältnis umgekehrt sein?

So vielfach sind im allgemeinen die Hindernisse, mit welchen die Aufklärung kämpfen muss. Und doch hat sie deren noch mehr, zufällige und ungewöhnliche, welche desto gewaltsamer wirken, je seltener sie sind. Oft hatte es die Weisheit so weit gebracht, dass sie von einem Volk gehört wurde. Aber plötzlich erscholl die wilde stimme des Aufruhrs, und sie - verstummte. öfter noch schwang der Krieg seine verheerende Fackel. Vor ihr verlosch das sanfte Licht der Weisheit. Den Krieger im Panzer scheuen die friedlichen Künste. Und wenn er ihn ablegt, ist er entweder Sieger oder Besiegter. Nur selten dürfen sie den Sieger bei seinem Einzug empfangen, wie sie den einzigen Friedrich empfingen, öfter eilte er im Schösse der üppigen Ruhe dem Genuss seiner erstrittenen Schätze zu, indes der Besiegte mutlos das Joch der Sklaverei und der Armut trägt. In beiden Fällen sterben die Künste. Dort an der Wassersucht, hier an der Auszehrung. Manche Nation ward durch öffentliche Unglücksfälle und allgemeine Plagen an den Fortschritten ihres Geistes gehindert, indes eine andere vom Glück begünstigt und vom Geist des Gewinns und der Handlung beherrscht ihre Segel spannte, um die Schätze der Welt einzuführen. Sie stand jetzt eben auf der ersten Stufe der Aufklärung. Aber sie ging so schnell zur üppigen Schwelgerei über, dass die langsamere Weisheit sie nicht wieder einholen konnte.

Man darf sich daher nicht wundern, dass man so wenig aufgeklärte Nationen in der geschichte findet und dass selbst diejenigen es so wenig waren, welche es doch am meisten schienen. Der Bürger zu Aten und Rom sprach wie ein Künstler und wie ein Staatsmann. Aber ein Bürger Deutschlands würde manchen Archonten beschämt haben, wenn er ihm über die natur und Bestimmung des Menschen Unterricht gegeben hätte. Wie gross war der Konsul, wenn er im Senat ging und wie schwach, wenn er aufs Kapitol hinaufstieg! Das Verhalten gegen seine Gladiatoren, Sklaven, Kinder, Gattin und Besiegte wirft einen sehr nachteiligen Schatten auf Roms gerühmte Aufklärung. Mir war der Römer nie kleiner, als da, wo er am grössten sich