All_Enlightenment_142.txt

der hat auch keine Wahrheit, selbst wenn er sie hätte. Das meiste beruht auf blosser Wahrscheinlichkeit. Meinungen sind in den meisten Fällen unstrafbar und unschädlich und die Tugend von ihnen unabhängig. Überhaupt kommt es nicht auf Meinungen an, sondern auf Taten. Den Irrenden muss man ertragen, nicht verfolgen, belehren, nicht verketzern, überzeugen, nicht mit Zwang bekehren. Das letzte wäre nicht nur vergeblich, sondern auch unmenschlich. Einsichten können und müssen sich immer ändern. Jeder muss annehmen, dass er nach zehn Jahren über viele Punkte anders denken wird, als jetzt.

Nichts ist leichter, als aus diesen grundsätzen auf seine Handlungsart zu schliessen. Misstrauisch gegen sich und andere, glaubt er die Wahrheit noch nicht ergriffen zu haben, sondern nur auf ihrer Spur zu verfolgen, und entschlossen, nichts anzunehmen, wovon er nicht vorher sich überzeugt hat, zweifelt er, prüft, verwirft, nimmt an und verwirft gleich darauf wieder. Gleich einem Wechsler, welchem kein Agio zu hoch ist, tauscht er unaufhörlich die gesammelten Münzen gegen bessere um. Gleich fern, ohne Gründe etwas anzunehmen und zu verwerfen, hält er wenig für wahr, weil er das Gegenteil so oft erfuhr, aber auch nichts leicht für so abgeschmackt, was nicht zum wenigsten eine Prüfung verdiente. Eben die Grundsätze, welche ihm die beständige Verbesserung seiner Einsichten zur Pflicht machen, erlauben ihm sogar auch, dieselben zu verschlimmern. Wie oft macht Alter oder Krankheit aus einem Aufgeklärten einen Schwärmer.

Nicht so der verfinsterte Geist. Indem er ausser seiner sekte keine Wahrheit und ausser seiner Wahrheit keine Seligkeit anerkennt, oder seine Meinungen für wichtiger hält, als seine Pflichten, oder jede Sache überhaupt schon so entschieden glaubt, als sie es in seinen Augen ist, oder Zweifel für sündlich, Prüfung für unnötig, andere zu bekehren für Verdienst und sie zu verfolgen für Menschenliebe erklärt, was tut er da anders, als dass er die Veränderung seiner Einsichten unmöglich macht? Hierzu kommen nun noch andere besondere Gründe. Bald glaubt er nichts aufopfern zu dürfen, wofür die Vorfahren stritten, lebten, starben, bald hält er seine Gründe deswegen für wahr, weil sie unzählige Male schon vorgebracht wurden, oder weil er das ganze Altertum und also die meisten für sich hat, bald findet seine Eigenliebe es beschimpfend, andern und besonders jüngeren nachzugehen, bald fühlt er, dass er unter den Neueren kaum bemerkt werden würde, da er doch unter den Verteidigern alter Meinungen noch immer glänzen kann, bald kann er andere Vorstellungen und Gründe weder fassen noch beurteilen, oder hofft von den seinigen, als den stärksten an der Zahl, noch immer den leichtesten Sieg. Selbst mit den Jahren wird der Geist ebenso unbiegsamer, wie sein Körper. Welcher Zufall konnte nun wohl Gründe erschüttern, welche einmal so lange und tief eingewurzelt sind? Welcher Streit Einsichten wankend machen, über welche schon so zuverlässig entschieden ist? Und was sollte auch

jeder Streit in diesem Falle, da beide Teile der Rechtenden nicht einerlei Gesetz und Richterstuhl anerkennen?

Wenn die Welt im ganzen künftig das bleibt, was sie bisher j war, so kann der Aberglaube bisweilen in ihr herrschend werden, aber der Unglaube nie. Der erste kann die Welt zerrütten, der zweite würde sie ganz zerstören. Daher scheint die natur schon darauf gedacht zu haben, dass er nie siegen könne. Fürs erste ist teoretischer Unglaube nur immer das Werk weniger, welche Zeit, Vermögen, Kraft und Willen genug haben, ihren Verstand zu missbrauchen. Da der Freigeist überdem weder zu einer Art von Überzeugung je gelangen, noch auch die so vielfache laute stimme der Wahrheit in der natur ganz unterdrücken kann, so glaubt er nicht nur immer noch vieles, sondern kann auch sogar wieder auf das Gegenteil hinüberfallen. Wie mancher leugnete die Vorsicht und glaubte doch an seine Träume. Ein anderer spottete über die Unsterblichkeit seines Geistes, und hörte vor seinem Krankenbett ängstlich die Erzählungen seiner Wärterin. Noch ein anderer fand es im ganzen Leben nicht nötig, sich um die Gotteit zu bekümmern, und nahm im Angesicht des Todes sehr andächtig die letzte Ölung. Überhaupt ist der kluge Freigeist geneigter, das Vorrecht des Unglaubens für sich zu behalten, als es andern aufzudringen. Auch würde es ihm nicht gelingen, wenn er es wollte. Denn wenn es ihm auch nicht an gewaltsamen Mitteln fehlte, so fehlt es ihm doch an dem nötigen Schein des Rechts. So wie der Aberglaube sich in das Vorurteil einhüllt, als wolle er den Himmel beschützen, so kann hingegen der Unglaube dem Verdacht, den Himmel bestürmen zu wollen, nie ausweichen. Zu den Fahnen des Aberglaubens schwuren schon oft ganze Heere. Vor seinem ausgestellten Panier würden sie mutlos zurückfliehen. Denn was hat er nicht alles wider sich? Das Urteil des Vernünftigen sowie des Blödsüchtigen, das edle Herz ebenso wohl als das schwache. Schon sein blosser Name ist Beschimpfung, und sein Anblick ist die gefürchtete Erscheinung eines verpesteten Menschen. Selbst die Politik nahm schon oft den Aberglauben in Schutz. Aber gegen den Unglauben wird sie sich immer erklären. Leichter kann freilich praktische Freigeisterei sich über ein Volk und Zeitalter verbreiten. Aber doch nie leichter als eben an der Seite der Schwärmerei. Da Genuss ihr Hauptzweck ist, so ist sie gleich geneigt, alles zu glauben, was sie nicht stört, und alles zu verwerfen, was sie hindert. Ein Beweis hiervon ist Rom, unter seinen Kaisern sowohl als unter seinen Päpsten.

Geflissentliche Ausbreitung und geflissentliche Bestreitung des