All_Enlightenment_113.txt

von der Abhängigkeit des Geschöpfs von seinem Schöpfer, von der Güte und Sorgfalt des Schöpfers für seine geschaffenen Menschen ausgeht und sich in Pflichten der Liebe, Ehrfurcht, Dankbarkeit und Gehorsams gegen seinen Willen, Befehle und Anstalten in seiner grossen Weltregierung zurückzieht, die den Menschen seinem eigenen Willen, Dünkel und Leidenschaften überliefert, ihn mit Luzifers Stolz begeistert, um sich selbst für seinen alleinigen eigenen unabhängigen Herrn zu halten und ein selbstbeliebiges Naturrecht zu machen, ist nicht nur der Weg zu Verderbnis, Sittenlosigkeit und Lastern, sondern auch zur Auflösung und Zertrümmerung aller bürgerlichen Gesellschaft, zur Befehdung des menschlichen Geschlechts unter sich selbst, die mit Philosophie anfangen und mit Skalpieren und Menschenfressen aufhören würde.

Jede Aufklärung, teologische, philosophische und politische, die nicht, um das wenigste zu sagen, gleichen Schritt hält mit der zeitlichen und ewigen Glückseligkeit des Menschen, ist verdächtig; jede Aufklärung, religiöse und politische, die dem Menschen das nimmt, was er zu Trost, Licht, Stab und Ruhe in dem jetzigen Erziehungsstand dieses Erdenlebens braucht, oder die ihm mehr geben will, als er nach seinen Geistes- und Verstandeskräften zu gebrauchen, zu benutzen und zu verwalten vermag, ist Täuschung, Betrug, Schwärmerei, Treulosigkeit am Menschen und durchaus nicht die Handlung eines verständigen und rechtschaffenen Mannes, ist so schlimm und gefährlich, als Aberglauben, Unglauben und Despotismus immermehr.

Die Wahrheit liegt in der Mitte; wohl dem, der diesen Weg findet, Segen dem, der ihn wahr, richtig, deutlich bezeichnet. Es lässt sich, meines Bedünkens, eher negativ beantworten, was nicht wahre Aufklärung sei, als allgemeine positive Satze aufstellen, als Grenzsteine setzen, wie weit und breit es hell werden soll und dürfe, wo der Tag aufhören und Nacht werden und bleiben müsse. Wir schwachen, kurzsichtigen Fragmenten-Menschen! Was man vor fünfzig, vor hundert, zweihundert Jahren kaum ahnen, hoffen, wünschen, sich kaum ins Ohr sagen durfte, wird nun auf allen Kanzeln und Dächern gepredigt, worüber man vor zehn Jahren noch als ein Majestätsschänder fiskalisiert worden wäre und sich, wie Hütten dem Erasmus, das Fuge! Fuge! hätte zurufen lassen müssen, wird nun auf allen Katedern behauptet, unter kaiserlichen und landesherrlichen Privilegien gedruckt, von den Häuptern der Völker selbst erkannt, bekannt, gelobt, gepriesen und, gern oder ungern, auch danach gehandelt. Wir können wohl berechnen: wann, wo, wie und durch wen Licht und Erleuchtung angefangen habe; wann, wo, und wie sie sich endigen werde, möchten wir wohl erst bei und nach der allgemeinen Verwandlung aller Dinge erfahren.

Jedes Jahrhundert hat seine eigene Weisheit und Torheit, seine eigenen Wahrheiten und Irrtümer, man beginnt manchmal mit dem Debit einer grossen Wahrheit und hört mit einem noch grösseren Irrtum auf; oft auch umgekehrt, lernt man durch Fallen gehen und gelangt unter Verirrungen und Mutmassungen doch zuletzt auf den rechten Weg. So mag es auch mit den Lieblingsideen gehen, welche gegenwärtig auf dem grossen französischen National-Markt der klugen und närrischen Menschheit feilgeboten werden und von ihren An- und Nachbetern als philosophisch-politische Assignaten aufgeschwätzt und aufgedrungen werden wollen.

Johann Gottfried von Pahl

Über eine neuerlich empfohlene Einschränkung der Pressefreiheit

Alle Dinge in der Welt haben eine gedoppelte Seite, - und man kann nichts richtig beurteilen, was man nur aus einem Standpunkt betrachtet hat. Denn man sieht alsdann entweder nur das Gute oder das Schlimme der Sache und fällt ein Urteil, das notwendig unrichtig sein muss, weil es einseitig ist. So ging es manchen guten, wohlmeinenden Menschen, wenn die Frage über die Einschränkung oder Ausdehnung der Pressefreiheit aufgeworfen wurde. Sie betrachteten nur die schädlichen Folgen, die aus dem Missbrauch dieser Freiheit entstehen können, und hie und da auch wirklich entstanden sind, und urteilten, da die wohltätigen Wirkungen des zweckmässigen Gebrauchs derselben ihren Blicken entschlüpften, dass sie überhaupt in enge Grenzen einzuschränken sei.

Es ist nicht zu leugnen, dass eine ganz uneingeschränkte Pressefreiheit vieles besorgen lässt, was der menschlichen Gesellschaft eben nicht zum Vorteil gereicht. Die Verirrungen des menschlichen Geistes sind ungeheuer und die Ausbrüche unserer Leidenschaften, wenn ihnen nicht Schranken gesetzt sind, oft sehr gefährlich. Ohne solche Schranken liesse sich besorgen, dass Schriftsteller Grundsätze ausbreiten dürften, die die Religion untergraben, die Sitten verschlimmern, die Moralität über den Haufen werfen und die Ruhe des bürgerlichen Lebens stören würden; - ohne sie würden vielleicht die schändlichsten Pasquille über Leute von Würde und Verdienst verbreitet; - öffentliche Schriften würden Tummelplätze der menschlichen Leidenschaften. Schränkt man aber diese Freiheit ein, was lässt sich dann erwarten? Dass das Recht, dasjenige was ich mit voller Überzeugung für Wahrheit halte, auch öffentlich zu bekennen, natürliches, unveräusserliches Recht der Menschheit sei, - davon will ich jetzt nichts sagen. Die Feinde der Pressefreiheit würden diesen Grundsatz als eine unrichtige Voraussetzung verwerfen und mich beschuldigen, dass ich den Knoten nicht aufgelöst, sondern zerhauen habe;

- aber dies darf ich sagen, dass die Einschränkung dieser Freiheit weit schädlichere und gefährlichere Folgen befürchten lasst, als die ungebundenste Ausdehnung derselben, und diese Folgen notwendig, jene aber bloss zufällig sind!

Die Kultur der Wissenschaften schreitet immer fort, und der Horizont des menschlichen Geistes erweitert sich von Generation zu Generation. Man kann nie in irgendeinem Fach sagen, dass man alle Untersuchungen vollendet und das non plus ultra erreicht habe. Neue Untersuchungen eröffnen neue Aussichten und berichtigen oder erweitern oder befestigen die Beobachtungen derer, die uns vorgearbeitet haben. Bliebe man