die fürchterliche Stille, welche vor dem Ungewitter vorangeht, mehr zu scheuen, als den scharfen Nordwind, der uns zuweilen etwas Schneegestöber in die Augen jagen mag. Dort dient diese Freiheit statt des von Montesquieu gepriesenen Gegengewichts, welches ebensooft den nützlichen, als den schädlichen Äusserungen der königlichen Gewalt entgegen wirket.
Auf Subordination beruht die unwiderstehliche Gewalt des preussischen Kriegsheeres. Von der Subordination hängt die Ordnung ab, welche im preussischen Zivilstande herrscht. Subordination ist die Seele des ganzen preussischen staates. - Diese auf der einen Seite so unentbehrliche, auf der andern so lästige Subordination, wird durch die Freiheit laut zu denken gemässigt, aber nicht gehemmt. Kein Vorgesetzter wird dadurch gehindert, zu tun was er will, sondern, nur zu wollen, was er nicht soll. - Scheu vor dem Urteile des Publikums kann unter solchen Umständen die Stelle des Patriotismus vertreten. Der Untergebene wird freilich dadurch von der Pflicht des Gehorsams nicht entbunden, und was geschehen soll, geschieht; aber man wird doch nur gezwungen den Befehl zu befolgen, nicht, zu billigen; zu tun, nicht, zu urteilen; nachzugeben, nicht, beizustimmen. Der kühne Räsonneur verbeugt sich so tief, und gehorcht eben so hurtig, wie andere; aber man fürchtet die Verwegenheit seines Urteils, und hütet sich, ihm Blössen zu geben. Man setze den Fall, der Anführer eines Kriegsheeres sei mit Offizieren umgeben, welche alle seine Massregeln auf das strengste beurteilen. Was ist die wirkung ihres Räsonnements? Wird dadurch die Vollziehung der gegebenen Befehle aufgehalten? Räsonnieren sie erst, ehe sie gehorchen? Nichts von dem allen! Ihre hintendrein folgende Räsonnements haben nur die Folge, dass der Anführer, wenn er ihre Geschicklichkeit kennt, sich ihres Beifalls entweder durch Ratfrage, oder durch eine genaue Überlegung aller seiner Schritte zu versichern sucht.
Es scheint freilich, als ob dergleichen Räsonneurs den Fürsten und ihren Dienern die Kunst zu regieren erschweren; und es ist wahr, wenn man darunter die grössere Anstrengung versteht, welche erfordert wird, um grossen Posten mit Ehren vorzustehen. Ein träges mutloses Volk erträgt die schlechteste, so wie die beste, Regierung auf gleiche Weise. Es murrt über die gute aus Unverstand, und über die schlechte, weil es die Folgen davon empfindet; aber in beiden Fällen nur heimlich. Unter solchen Umständen ist es freilich leicht, seinem Titel, aber schwer, seinem amt ein Genüge zu leisten. Denn der Regent wird in dem einen falle nicht ermuntert, in dem andern nicht gewarnt. Er betreibt sein Geschäft wie ein Handwerker auf dem dorf, der es nicht der Mühe wert hält, seine Arbeit besser zu machen, weil seine Kunden doch auch mit der schlechtem zufrieden sind.
Wenn daher Preussens Beherrscher die Schriften gegen den Staat von der Zensur unterdrückt wissen will; so versteht er nur solche, welche den Staat selbst angreifen, ihn an seine Feinde verraten,- die Untertanen von der Pflicht des Gehorsams lossagen, und bürgerliche Unruhe verursachen; aber nicht bescheidene Urteile über die von dem Fürsten und seinen Dienern getroffenen Massregeln. Wenn er die Religion schützt, so versteht er darunter nur die allgemeine Religion, ohne Rücksicht auf den besonderen Namen, womit sie prangt, oder wodurch sie verhasst gemacht wird. Eine solche Druckfreiheit ist das unterscheidende Merkmal einer weisen Regierung. Ihr sanfter Einfluss teilt der unumschränkten Monarchie alle Segnungen der politischen Freiheit mit, ohne sie den zerstörenden Ungewittern blosszustellen, welche so oft die Morgenröte der republikanischen Freiheit verdunkeln, und ihren Mittag beunruhigen.
Aber wenn die Druckfreiheit ein so unschätzbares Kleinod ist: so müssen wir uns auch hüten, solches durch einen unbehutsamen oder unedlen Gebrauch in Gefahr zu setzen. Wir müssen den Grossen sogar den Vorwand benehmen, uns solches als Unwürdigen zu entziehen. Wir müssen nicht gleich mutwilligen Knaben unsere Freiheit missbrauchen, um die Vorübergehenden zu besudeln. - Schriftsteller! wenn ihr Lehrer der Menschheit sein wollt, so beweist, dass ihr diesen erhabenen Titel verdient. entfernt allen Verdacht niedriger Absichten, oder übereilter Hitze. Streift nicht die Personen, sondern trefft die Sache. Zeigt nicht nur Witz und Kühnheit, sondern auch Überlegung und Edelmut. Denkt, wenn ihr schreibt, nicht bloss an den Ruhm, den ihr erwerben, sondern vorzüglich an den Nutzen, den ihr stiften wollt. Nicht jede Wahrheit ist zu allen zeiten, und unter allen Umständen gleich nützlich. Was jetzt eben zu sagen oder noch zu verschweigen sei, müsst ihr eben deswegen selbst überlegen, weil es sich durch keine gesetz oder Beamten des staates bestimmen lässt. Eure Schrift ist ein Pfeil, dessen wirkung ihr nicht mehr aufhalten könnt, sobald ihr ihn abgeschnellt habt. Ihr könnt euch nicht mehr vor dem Publikum verbeugen, und die Hand auf den Mund legen, sobald der Verleger sich eures Manuskripts bemächtiget hat. Erscheint daher mit schüchterner Ehrfurcht vor der Versammlung eurer Richter. Und wenn Patriotismus oder Menschenliebe euch begeistern, so lasst die Weisheit eure Schritte leiten. Kämpft mutig gegen die Vorurteile aller Art; aber nicht mit dem Schwerte Alexanders, sondern mit der Lanze Minervens.
Über die Frage: Was heiβt Aufklären?
Die Worte Aufklärung, kultur, Bildung sind in unserer Sprache noch neue Ankömmlinge. Sie gehören vor der Hand bloss zur Büchersprache. Der gemeine Haufe versteht sie kaum. Sollte dies ein Beweis sein, dass auch die Sache bei uns noch neu sei? Ich glaube nicht. Man sagt von einem gewissen volk, dass es kein bestimmtes Wort für Tugend, keins für Aberglauben habe