Standpunkt aus überschauen kann, der also die vom gedachten Standpunkt aus durch den Sinn des Gesichts erkennbaren Gegenstände in sich begreift, so stellen wir uns unter dem intellektuellen Gesichtskreis nichts anderes vor, als den Inbegriff der Gegenstände, welche von einem gewissen Standpunkt aus durch den Gebrauch des Verstandes erkennbar sind. Die nähere Vergleichung der beiden Gegenstände wird diese Vorstellungs- und Sprechart rechtfertigen; wird zeigen, dass die beiden Begriffe wirklich mehrere Merkmale unter sich gemein haben, dass also die Homonymie sich auf eine nicht bloss eingebildete, sondern objektiv reelle Ähnlichkeit gründet. Beides sind extensive Grössen: denn sie können nicht anders, als teilweise oder sukzessiv wahrgenommen werden, nur mit dem Unterschied, dass die Gegenstände des physischen Gesichtskreises durch den äusseren Sinn, die Gegenstände des intellektuellen aber durch den inneren Sinn empfindbar sind; dass jene sich dem Auge in gewissen nebeneinander liegenden Raumpunkten, diese aber sich dem Verstand in gewissen aufeinander folgenden Zeitpunkten vorstellen. Sowohl als für das sehende Auge, müssen wir uns auch für den denkenden Verstand einen gewissen Standpunkt denken; und auch diese Benennung ist ein teil der Allegorie, die aus der Vergleichung des Denkens mit dem Sehen entsteht. Wir verstehen aber unter dem intellektuellen Standpunkt die Bestimmung der Kräfte, Anlagen und Fähigkeiten des Menschen durch dessen Verhältnis zu den übrigen Teilen des Universums, und diese Begriffe des Standpunkts und des intellektuellen Gesichtskreises können auf die Menschheit, auf die menschliche natur sowohl als auf die Individuen, bezogen werden. Die Höhe des physischen und moralischen Standpunkts, verbunden mit der Schärfe des Auges und des Verstandes, bestimmt die Weite oder Ausdehnung des physischen und intellektuellen Horizonts für jedes Individuum. Da nun jedes Individuum seinen eigenen physischen und intellektuellen Standpunkt hat, jedes Individuum in Absicht auf die Schärfe des Auges und des Verstandes von allen übrigen verschieden ist, so muss auch jedes Individuum seinen eigenen und intellektuellen Gesichtskreis haben. Dieser Gesichtskreis ändert seine Grenzen, so oft der Mensch seinen Standpunkt verändert; diesen verändert er aber, in Beziehung auf den physischen Gesichtskreis, mit jedem Schritt, den er tut, und in Beziehung auf den intellektuellen mit jedem Augenblick seines Lebens. Die Grenzen sowohl des physischen als des intellektuellen Gesichtskreises sind nicht rein abgeschnitten, sondern verlieren sich in immer dunkleren und dunkleren Gegenständen. Auch erscheinen die innerhalb der Sphäre liegenden Gegenstände nicht alle und nicht immer mit gleicher Deutlichkeit; sondern diese verschiedenen Grade der Deutlichkeit werden durch mancherlei teils objektive, teils subjektive Gründe bestimmt.
Wir legen ferner diesem intellektuellen Gesichtskreis so gut wie dem physischen die Beschaffenheit trübe und hell bei, je nachdem die Gegenstände desselben vom Verstand verworren oder klar erkannt werden: ein Zeichen, dass wir uns die Ursachen, welche die klarheit und Deutlichkeit unserer Verstandeserkenntnis hindern oder befördern, unter Vergleichung mit den Ursachen vorstellen, welche die klarheit und Deutlichkeit unserer sinnlichen Erkenntnis hindern oder befördern. - Wenn der physische Gesichtskreis trüber ist, so erkennt das Auge die innerhalb desselben befindlichen - besonders die entfernteren Gegenstände - entweder gar nicht, oder doch nur dunkel und verworren - klarer aber in dem Masse, in welchem der Gesichtskreis sich aufheitert. Wenn nun der Verstand seine Gegenstände auch nur dunkel und verworren erkennt, so nennen wir die individuelle Sphäre desselben Verstandes auch trübe, umwölkt, nebelig, finster u. dgl. Weil wir nämlich von den Ursachen jener klarheit oder Verworrenheit der Begriffe eine anschauende Vorstellung weder haben noch haben können, gleichwohl aber doch diese Ursachen denken und davon sprechen wollen, so vergleichen wir sie in der Vorstellung mit den Ursachen, die wir anschauen, und entlehnen auch von diesen letzteren die Wörter, um uns über jene auszudrücken. Das ist der natürliche gang der menschlichen Vorstellungsweise, welche mit der Sprechart in so genauer Verbindung steht, dass wir ihren gegenseitigen Einfluss aufeinander unmöglich verkennen können.
Wenn nun fast alle die Vorstellungen, aus denen der Begriff des physischen Gesichtskreises zusammengesetzt ist, auch bei dem Begriff des intellektuellen Gesichtskreises stattfinden, warum sollte nicht bei eben demselben auch das Prädikat der Aufklärung stattfinden? Wir schreiben dem Verstand sowohl als dem Auge einen Gesichtskreis zu; wir legen dem intellektuellen sowohl als dem physischen Gesichtskreis die Beschaffenheiten trübe und klar bei: diese Beschaffenheiten sind wie bei dem einen so bei dem andern zufällig; es findet also auch bei dem einen wie bei dem andern eine Veränderung derselben, ein Übergang aus der einen in die andere statt. Der Übergang unseres physischen Gesichtskreises aus der Trübheit in die klarheit hat, unter Voraussetzung eines gesunden Sehvermögens, die deutlichere Erkenntnis der innerhalb desselben befindlichen Gegenstände zur Folge. Und gewiss für die zunehmende Vollkommenheit unserer vernünftigen Erkenntnis ist es ein sehr schickliches Bild, wenn wir sie uns als den sukzessiven Übergang unseres intellektuellen Gesichtskreises aus der Trübheit, aus dem Nebel und dem düstern Zustand in die klarheit vorstellen. Da wir nun jenen Übergang des physischen Gesichtskreises die Aufklärung desselben nennen, was in aller Welt kann analogischcr, natürlicher, passender sein, als dass wir das Wort Aufklärung eben das in Beziehung auf den intellektuellen Gesichtskreis metaphorisch bedeuten lassen, was es in Beziehung auf den physischen Gesichtskreis eigentlich bedeutet.
Aus dieser bisher angestellten Vergleichung entspringt nun diejenige metaphorische Bedeutung unseres gegebenen Worts und aller damit verwandten Wörter, die ihnen nach der Analogie der Sprache am bequemsten zukommt, die ich also um dieser Konvenienz willen zur Aufnahme in den allgemeinen Gebrauch vorschlagen möchte. Ihr zufolge bedeutet klar diejenige Bestimmteit einer Vorstellung, vermöge derer wir uns so vieler Merkmale derselben bewusst sind, als nötig ist, um den Gegenstand derselben von allen andern Gegenständen zu unterscheiden. Wenn mehrere klare Vorstellungen