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einen Knaben ... Letzterer war es, der die Flöte blies ...

Der Hirt war ein wohlbekannter alter Freund ... Er gehörte zu den Nachkommen des von den Waldensern hochgefeierten Negrino4... Ein äusserlich schlichter, doch kluger und allgemein geachteter, auch wohlhabender Ziegenhirt, der alte Ambrogio Negrino aus San-Gio ... Oft reiste der schlichte Mann mit seinen Heerden bis Salerno und trieb einen einträglichen Handel mit den Gerbern selbst von Palermo und Messina ... Heute, als Hubertus in seinem haus vorsprechen wollte, hatte man ihn auf der Messe zu Rossano geglaubt ... Inzwischen kam er heim und hatte Veranlassung gefunden, sofort wieder die Flinte überzuwerfen, mit seinem jüngsten Sohn Matteo aufzubrechen und, wie er ankündigte, nach den Bluteichen zu eilen ...

Ihr Herren! rief er den Ankommenden entgegen. Gott segn' es, dass ihr kommt! ... Ich sage euch! Es gibt eine grosse Gefahr für unsern Vater Federigo ... Die Soldaten in San-Gio wissen von nichts, als von Morden, Brennen und Gefangennehmen ... Und wen? – Das haben Offiziere im Weinrausch ausgeplaudert ... Um vier Uhr brechen sie auf und umzingeln die Bluteichen – ... über den Aspropotamo her kommen die andern – ... Wer mag ihnen verraten haben, dass heute der zwanzigste des Monats ist! ... Bleibt daheimHerr Pfarrer, und auch ihr, guter Hubertus ... Nur deshalb raubte ich euch die Nachtruhe, weil ich euch warnen wollte, falls euch der Geist getrieben hätte, heute auch an den Eichen zu erscheinen ...

Nimmermehr, wir gehen mit Euch! fielen Hubertus und Paolo Vigo in banger Besorgniss ein ...

Beide achteten der Bitten Ambrogio Negrino's nicht ... Sie verharrten dabei, sich ihm anschliessen zu wollen – ... Unwiderstehlich zöge sie ihr Verlangen, dem greisen Freunde in einer Stunde so grosser Gefahr nahe zu sein ... Ohne Clausur, wie sie eben waren, wollten sie die glücklicherweise ihnen zu Gebote stehende Freiheit nach dem Bedürfniss ihres Herzens benutzen ...

Matteo! rief Paolo Vigo dem nach San-Gio zurückgeschickten Knaben nach; geh sogleich zu Meister Pallantio, meinem Küster, wecke die Signora, die diesen Abend bei ihm angekommen ist und sprich zu ihr: Sie sollte unter keinerlei Antrieb morgen hinauf nach San-Firmiano gehen ... Morgen in erster Frühe, so Gott will, um acht oder neun Uhr würde' ich schon selbst bei ihr vorsprechen – ...

Ambrogio Negrino unterbrach:

Heiliger Priester, wenn man Euch an den Bluteichen träfe – ...

Wirst du ausrichten, Matteo, wiederholte Paolo Vigo, was du gehört hast? Willst du einen herzlichen Gruss an meine liebe Schwester und die kleine Marietta bestellen? ...

Matteo gab jede Beruhigung und wandte sich mit diesen Aufträgen nach San-Gio zurück ...

Die drei Verbundenen gestatteten sich keinen längern Aufentalt, sondern machten sich sofort auf den mühevollen Weg, der zu den Bluteichen führte ...

Fussnoten

1 Ein Factum. 2 Mazzini hat über die Vorwürfe, die ihm wegen seiner mangelhaften Ausrüstung der Bandiera'schen Expedition gemacht wurden, eine eigene Rechtfertigungsschrift herausgegeben. 3 Gleichfalls Factum. 4 Starb den Hungertod in Cosenza.

11.

Paolo Vigo's Wort: "Er nahm Abschied von mir wie auf ewig" wurde nun auch von dem alten Ziegenhirten wiederholt ...

Es fiel ihnen allen auf die Seele, als würden sie den Geliebten nicht wiedersehen, wenn sie sich nicht eilten, es noch einmal jetzt zu tun ...

Dass sie zu dem Ende die Würfel ihres eigenen Looses warfen, kümmerte sie wenig ...

Sie hofften jedoch auf ihr zeitiges Eintreffen ... Wenn noch Zeit zum Ergreifen und Ausführen eines Entschlusses gelassen war, so sollte sich ihr Freund, nach Negrino's Meinung, am sichersten über den Monte Gigante hinweg nach dem Meerbusen von Squillace begeben oder im äussersten Fall in einer in der Nähe befindlichen Höhle verbergen ...

Jährlich nur einmal, am 20. August, fanden sich die letzten Trümmer der einst so zahlreich im unteren Italien ausgebreiteten Söhne des Peter Waldus zusammen ... drei Jahrhunderte waren seit jenen Scheiterhaufen verflossen, die auch die Fortschritte der Reformation in Calabrien geendet hatten ... Frâ Federigo fand davon im Silaswalde keine andern noch ersichtlichen Spuren, als die "Bluteichen", wo einst Hunderte der Reformirten und Waldenserwie die Schafe mit dem Messer abgestochen wurden ... Zufällig begegnete ihm dort ein alter Ziegenhirt, Ambrogio Negrino, der ihm diese Dinge erläuterte und sich dann selbst als einen Nachkommen des Märtyrers Negrino zu erkennen gab ... Ihm verdankte der Einsiedler die Bekanntschaft mit noch einigen andern Trümmern der alten sekte ... Gehörten sie auch alle der herrschenden Kirche an, so hatten sich doch alte Gebräuche, Erkennungszeichen, Gebete, letztere meist in provençalischer Sprache in ihren Familienkreisen erhaltenAmbrogio Negrino besass ein altes Buch, das er selbst nicht lesen konntedie waldensische Nobla Leiçon ... Federigo übersetzte sie ihmanfangs allein; bald brachte Negrino andere mit, die gleichfalls diesen Gruss ihrer Vorvordern aus alten Jahrhunderten aus seinem mund vernehmen wollten ...

Der Kreis von Verehrern und Freunden des Einsiedlers, der seinerseits noch unter dem besonders über ihm wachenden Schutze des Mönchs Hubertus zu San-Firmiano stand