schüttelte er zwar als alter Freund die Hand und nahm das jetzt erwachte, schreiende Kind auf den Arm, versichernd, dass seine sehnsucht, den trefflichen Bruder der Signora nach sechs Wochen wiederzusehen, nicht minder gross, als die ihrige nach so vielen Jahren wäre – ja er kannte das schöne dem Bruder winkende Gotteshaus zu San-Spiridion in Nocera vollkommen und gab zu, dass der Erzbischof von Cosenza hinlänglich heilig wäre, um auch weissagen zu können ... Gewiss! Gewiss! Es wird alles gut werden! wiederholte er zum öftern ... Aber – dem ganzen Wesen fehlte die rechte, von Innen kommende Freudigkeit ...
So kommt Ihr von Neapel und habt noch nichts Bestimmtes erfahren? fragte die Frau voll Bestürzung über dies Benehmen und lud den frommen Bruder ein, neben ihr Platz zu nehmen ...
Hubertus folgte dieser Aufforderung, nahm die noch an Schönheitsanschauungen nicht gewöhnte und wenig vor ihm erschreckende kleine Marietta auf den Schoos, sang ihr eine alte holländische Liedstrophe und versicherte, die Hoffnung wäre das schönste Lebensgut, das sich der Mensch nur immer frisch in allen Nöten bewahren müsse ...
Die Hoffnung? ... Bei San-Gennaro! rief die Frau und zitterte ... Weiter bringt Ihr nichts von Neapel zurück, als – Hoffnung? ...
Und schöne Feigen! Seht die Feigen! erwiderte Hubertus und reichte deren aus seiner Kutte Marietten eine Hand voll, während die Frau ihm bereits ihre Esswaaren angeboten hatte ...
Was kann mir alles das helfen? wehklagte Rosalia Mateucci ... Hab' ich darum so viele Jahre die Reise von Nocera nach Cosenza gemacht? ... Haben wir darum zwanzig Ducati an die Mutter Gottes Della Salute und abermals funfzehn an den heiligen Gennaro von Cosenza bezahlt? ...
Das wird sich einbringen, Frau ... Hofft in Gottes Namen! wiederholte Hubertus ...
Inzwischen fing er mit einem bei weitem dringlicheren Interesse an, dem Meister Scagnarello sein Erstaunen über die neue Garnison von Spezzano auszudrücken ... Was wollen nur all diese Reiter und Jäger wieder? Geht der Weg nach Frankreich durch den Silaswald? ...
Scagnarello deutete an, dass nicht gut von solchen Dingen zu reden wäre, seitdem hier schon die besten Leute zu den "Canarienvögeln" in Neapel gekommen wären ...
Guter Bruder, was bringt Ihr von Neapel? ... drängte die Frau ... Ihr redet von Canarienvögeln ... Nur zu wohl weiss ich, die Raben, die schwarzen, die hacken dem heiligen Franciscus gern die Augen aus ...
Steht das wo geschrieben? entgegnete Hubertus und schien betroffen von dieser Rede, die er vollkommen verstand und für ebenso prophetisch hielt, wie sie wohlgesetzt war ... Die Jesuiten (diese nur konnte Rosalia unter den schwarzen Raben verstanden haben), hatten allerdings hier die Hauptentscheidung ... Auf den Spruch der Jesuiten hatte der Erzbischof von Cosenza als die letzte Instanz verwiesen, von welcher hier alles abhängen würde ... Alle Welt wusste, dass zwar in den Bewegungstagen zwanzig Kutschen voll Jesuiten aus Neapel hatten entfliehen müssen, sie waren aber in vierzig wiedergekommen und die rechte Hand des Herrschers über dies unglückliche Land blieb des Königs Beichtvater, Monsignore Celestino Cocle, Erzbischof von Neapel, ein fanatischer Agent des Al Gesú, eben jener "rechte Mann", von welchem die Wünsche der Bewohner San-Firmianos abhängen sollten ...
Zehn Jahre, erzählte wehklagend die Frau, hab' ich meine Kniee gebeugt vor dem heiligen Erzbischof von Cosenza ... Jeden Quatember, wenn neue Priester geweiht wurden, lief ich zu Fuss die zehn Miglien von Nocera nach Cosenza und beugte meine Kniee auch nach der Messe noch ... Wenn der heilige Herr in seinen Palast ging, rief ich ihn um Gnade an für meinen unglücklichen Bruder ... Und immer gab er mir seinen Segen und sagte: Ihr seht ja, liebe Frau, die Pfarre von San-Giovanni bleibt ihm offen; das Sacro Officio prüft lange, aber gründlich –! ... Heiliger Gennaro! ... Zehn Jahre prüfte das Officio –! ... Ich wusste nicht, ob mein Bruder noch lebt –! ... Wir schickten – mein Dionysio ist gut – was wir nur vermochten – bald an den ehrwürdigen Guardian, bald an den heiligen Erzbischof – aber meines Paolo Briefe meldeten nichts von seiner baldigen Freiheit ... Sogar damals, als doch alles frei wurde, als selbst die, denen zeitlebens die Kugel am Fuss zu tragen besser gewesen wäre, zu Ehren kamen, kehrte mein Bruder nicht aus dieser traurigen Einöde zurück ... Damals hatte nur Marietta leider das Fieber, mein Dionysio musste unter die Guardia civica, Jeder war froh, wenn in seinem Garten noch die Feigen wuchsen – Verdienst gab es nicht ... Dann aber, als die Ruhe wiederkehrte, als alle Welt erzählte, wie die Gefangenen und Verwundeten in San-Firmiano christlich verpflegt wurden, da fiel ich vor dem heiligen Erzbischof in der Kirche selbst auf die Kniee und bat vor allem Volk um Paolo's Freiheit ... Zum Glück – verzeih' mir's die heilige Jungfrau! – war gerade unser Pfarrer von San-Spiridion gestorben und weil ich hörte, dass sich zehn Pfarrer um die Stelle bewarben und sie vorerst keiner bekommen sollte, weil auf ein Jahr die Einkünfte auch dem heiligen