1858_Gutzkow_031_896.txt

herrschte, nur Eine stimme und Alle wussten, dass Dom Sebastiano darüber nicht reden konnte, ohne so zornig zu werden wie ein Puterhahn ... Nach einer seiner letzten Predigten gab es Tugenden, die bloss vom Teufel kämen – ... Doch war Scagnarello vorsichtig und hielt seine Meinung zurück ...

Die Einsamkeit, welche dann und wann nur vom Gruss eines Hirten oder eines mühsam ausbiegenden Eseltreibers unterbrochen wurde, hörte bei Annäherung an San-Giovanni auf ... Es wurde lebhafter rings im Gebirge ... Zwar war die Nacht nun ganz hereingebrochen, Nebel stiegen auf, welche die Feuchtigkeit der Luft so vermehrten, dass Scagnarello und Rosalia ihre braunen Mäntel übernahmen; der mondscheinblaue Luft- und Nebelhauch gab den grünen Waldabhängen, den einzelnen Wiesenteppichen eine geisterhafte Beleuchtung; aber, wo der Strom der Gewässer am Wege nicht zu rauschend stürzte, da hörte man deutlich und von mannichfachem Echo weitergetragen, das Locken und Rufen der Hirten an ihre Heerden, die zur Nachtruhe unter den mächtigen Eichen sich lagerten, hörte das Blasen einer einsamen Schalmei oder an einer andern Stelle das unaufhaltsame und unerschöpfliche Lungen voraussetzende Schnurren eines Dudelsacks ... Jagdschüsse erschollen sogar zuweilen dicht über den Häuptern der gefährten und machten den Pepe stutzig und unterbrachen dann die Reise durch ein Intermezzo von Apostrophen, die Scagnarello an die Vernunft des Tieres richtete ... Tüchtige Peitschenhiebe unterstützten die Beweiskraft ...

Um ein verhältnissmässiges Stück war man schon ganz in die Nähe San-Giovannis gekommen ... Rosalia erkannte die Gegend ... Die mit Früchten überladenen Kastanienbäume, die zuweilen am Wege standen, rauschten ihr wie mit vertrautem Gruss ... Dort stand ein altes Gemäuer, das der urältesten Zeit Gross-Griechenlands angehörte ... Der Mond schien durch die zerklüfteten Fenster ... Sie kannte jeden dieser, bald als Aufbewahrungsort des frischgemähten Heus, bald als Versammlungsort der Hirten bei Unwettern benutzten Orte ... Ihr Herz wurde ihr immer frohbanger und zagendhoffnungsvoller ...

Scagnarello erzählte jetzt von einem Stein, an welchem sie bald angekommen sein müssten, wo Frâ Hubertus vor Jahren mit jenen zwei Männern gerungen hätte, die im Silaswald umirrten und die "Freimaurer", welche später in Cosenza erschossen wurdendie Bandiera und ihre Genossenverraten wollten ... Denen begegnete "dort oben am Kreuz", erzählte er, der Bruder mit dem Todtenkopf, redete den einen, den er kannte, in fremder, ich glaube russischer Sprache an und warf ihn jählings von oben da am Kreuz hinunter in den Neto ...

Die Bürgersfrau von Nocera, die sich auf Betrieb des Bruders vorteilhaft mit einem Verwandten verheiratet hatte, war in diesen Ereignissen bewandert ... Sie konnte lesen und schreiben und führte ihrem Mann sein Hauptbuch ... Was im Silaswald vorging, hatte sie seit Jahren um des geliebten Bruders willen mit dem grössten Interesse verfolgt ... Lebhaft stand ihr in Erinnerung, wie man sich damals gewundert, warum der fremde Mönch, ein Sohn des heiligen Franciscus, wiederum auch für diese wilde Tat so heil und ungestraft davonkam ... Diesmal wie bei gelegenheit der immerhin bedenklichen Todesart des Grizzifalcone ... Rosalia sprach noch jetzt dies Erstaunen nach ...

Er hat gute Freunde, sagte Scagnarello ... Er hat sie da, wo sie am meisten nützen könnenin Rom ... Und wenn man Rom hat, hat man Neapel ... Damals, als der Freimaurer in den Neto flog, sah und hörte man lange nichts mehr vom Frâ Hubertus ... Mit Einem mal war er wieder da und der Sindico von Spezzano zog den Hut vor ihm ab ... Hätte der Bruder die Weihen, er wäre längst in San-Firmiano Guardian ...

Rosalia kannte alles das und schwieg, in Hoffnung auf die Geltendmachung eines so grossen Einflusses in Neapel ...

Nach einer Weile fragte Scagnarello:

Signorawart ihr denn auch schon dazumal andenich meine, an den Bluteichen –? ...

Die Frau erschrak über diese Frage und schwieg ...

Ich meine, habt Ihr ihn nie gesehen? fuhr Scagnarello leise und lächelnd fort ...

Die Frau wusste vollkommen, was und wen Scagnarello mit seiner Frage meinte ...

Hm! Hm! räusperte er sich und fuhrt fort: Ich möchte' es, bei San-Gennaro, auch einmal wagen und ihn besuchen ... Nur um die Nummern zu hören, die ich im Lotto spielen soll ... Da war ein Mann von Cotronewisst Ihr, was er dem gesagt hat, als der die nächsten Nummern hören wollte, die herauskommen –? ...

Er sollte arbeiten und auf Gott vertrauen –? ... antwortete Rosalia ...

Nein, entgegnete ScagnarelloDas kann sich Jeder selbst sagen –! Dem Mann von Cotrone hat er gesagt: Wer gab dir früher deine Nummern? ... "Der Pfarrer von San-Geminiano in Cotrone!" ... Kamen sie heraus? ... "Nein! Auch die auf den Namen Mariä nicht!" ... Warum nicht auf den Namen Mariä? ... "Der Pfarrer rechnete die Nummern nach den Buchstaben aus – M. war 12. Sie kamen aber nicht heraus" ... Ich verstehe! Kannst du lesen? ... "Nein!" ...