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wo er hatte erziehen und bessern wollen ... Der Guardian dieses Klosters musste in SanGiovanni solange die Messen übernehmen, während die übrigen pfarramtlichen Handlungen von Spezzano aus verrichtet wurden ...

Rosalia Mateucci wusste gegen die Auffassung des Pfarrers von Spezzano und des Signor Scagnarello über ihren Bruder an sich nichts einzuwenden ... Doch behauptete sie, dass ihr Bruder, wenn auch eine Zeit lang von Zauberern verblendet, doch nie im stand gewesen wäre, in die unkatolischen Greuel mit einzustimmen ... Dass Paolo Vigo beschuldigt wurde, vorzugsweise gegen Einen, den auch Scagnarello vollkommen als einen gefürchteten Hexenmeister kannte, Nachsicht geübt zu habendas alles liess sich nicht wegleugnen ... Auch nicht die haarsträubende geschichte von einem feuerschnaubenden, geradezu aus der Hölle gekommenen Hunde, welcher auf dem Markt von San-Giovanni in Fiore einst laut geredet und die Seele des Pfarrers in seine Gewalt zu bekommen begehrt haben sollte, obgleich derselbe ihn dann mit eigener Hand todtschoss ... Scagnarello wusste das alles und sagte beim Anstreifen an diese unheimlichen Erinnerungen: Bitte! Bitte! – fragte aber doch, ob sich die Frau noch des Skeletts erinnerte, das dazumal ihren Bruder um den Tod des höllischen Hundes so in Harnisch gebracht hätte? ...

Des Frâ Hubertus! sagte die Frau mit einem halb beklommenen, halb freudigen Tone ... Er lebt noch ... Ich weiss es ja –! ...

An seinen Knochen kann man zwar von Fleisch kein Pfund mehr zählen! entgegnete Scagnarello, abergewiss lebt er nochund ich will Euch nur gestehenich hatte mich nicht heute Nacht noch in den Wald gewagt, könnten wir nicht hoffen, noch den Bruder Hubertus einzuholen ...

Heilige Mutter Gottes! rief die Frau freudig erregt und wagte die gefährlichste Stellung von der Welt in Scagnarello's zweirädrigem Karren. Sie stand auf, hielt ihre schlafende Marietta mit Gefahr, selbst überzustürzen, im Arm und reckte spähend den Hals in die Weite ... Saht Ihr denn den Frâ Hubertus? rief sie und lugte in die dunkle Ferne ...

Beruhigt Euch! sprach Scagnarello und bezog diese Aufregung misverständlich auf eine Anwandlung von Furcht ... Wenn ich meiner Frau, meinen Kindern und dem Pepe zugemutet habe, mich bis Mitternacht noch auf die Strasse zwischen Spezzano und San-Gio hinauszulassen, so ist es, aufrichtig gesagt, geschehen, weil ich hörte, dass Frâ Hubertus uns ein paar hundert Schritte voraus ist ... Denn was der Frate nun auch sein mag, ob ein Russe oder von Geburt ein Türke, wir alle haben ihn hier anfangs gleichfalls für den leibhaftigen Boten der Hölle gehaltenja da erst gar, als er den fremden Mann nicht weit von hier in den Neto gestossen –! ...

Ich bitte Euch! ... sagte die Frau sich niedersetzend ...

Aber habt darum keine Furcht! fuhr Scagnarello fort ... Holen wir den Bruder ein, so haben wir mit ihm ein Regiment Soldaten ... Der Pfarrer von Spezzano, im Vertrauen gesagt, mag ihn noch jetzt nichtaber darum hat der Bruder, der soeben in Neapel war, doch hohe gönner und Beschützer und, was seine Leibeskräfte anlangt, so kenn' ich manchen, der ihm noch jetzt abends aus dem Wege geht – ...

Er war in NeapelUnd ist zurück! ... Ich weiss es jaweiss alles – ... rief Rosalia freudig und verstummte dann. Letzteres zum Aerger Scagnarello's ... Er merkte, dass es etwas ganz Neues aus dem Leben seiner Passagierin zu erfahren gab ... Diese wich seinen fragen aus und versank in eine wehmütige Stimmung ...

Es knüpften sich ihr aus der Zeit, wo sie vor Jahren ihres Bruders Wirtschaft in San-Giovanni geführt hatte, an diesen "Bruder mit dem Todtenkopf" Erinnerungen voll Schrecken ... Ihr Bruder Paolo hatte lange liebevoll für die Seinigen gesorgt, hatte ihnen jede Ersparniss nach Salerno, wo sie her waren, geschickt, hatte, der gute Sohn, die Gebühren seiner ersten Messen nur seiner Mutter verehrt ... Zwei Jahre war sie dann bei ihm im Silaswalde gewesen und hatte das Ihrige getan, ihm einen so traurigen Aufentalt einigermassen erträglich zu machen ... Aber Paolo Vigo verfiel in Melancholie, zumal durch die Nähe des Klosters San-Firmiano selbst ... Seinem Gemüt musste es schmerzlich sein, so viel verabscheuungswürdige Priester kennen zu lernen, die in jenem in Felsen eingezwängten, eine melancholische Aussicht in eine düstere Waldgegend bietenden Kloster leben mussten ... Ausserdem lebten hier alle ehrlichen Leute damals im Kampf mit Giosafat Talarico ... Die Räuber der Abruzzen, die Genossen des Grizzifalcone, standen mit denen Calabriens in einem Schutz- und Trutzbündniss und bedrohten unausgesetzt die Sicherheit der Einsamwohnenden ... Schon waren aus dem Kirchlein in San-Giovanni die heiligen Gerätschaften des Opferdienstes gestohlen worden ... Kein Wunder, dass der Pfarrer sich mit Waffen versah und zu jeder Zeit eine geladene Flinte über seinem Bett hängen hatte ... Nun geschah es aber eines Tages, dass die Bewohner von San-Giovanni in der grössten Aufregung durcheinander rannten, auf dem Marktplatz, dicht vorm Fenster des Pfarrers auseinander flohen und sich in ihren Häusern versteckten ... Rosalia und ihr Bruder traten ans Fenster und erkundigten sich nach dem Grund des lauten Geschreis ..