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.. Er hat Recht: Nichts hass' ich wie das Coliseum! Ich kann es nicht mehr sehen ... Er hat Recht: Wie wenig kann ich mich mit Michel Angelo befreunden! So oft ich von ihm ein Werk erblicke, hab' ich das Gefühl, er hätte etwas geben wollen, worauf die gewöhnlichen Vorstellungen vom Schönen nicht passenRaphael hat allein das Einfache und Richtige! Was ein Ding sein muss, das ist es bei Raphael; bei Michel Angelo ist's immer etwas anderes, als das natürliche Gefühl erwartet ... Raphael's Bilder betrachtete sie nun stundenlangdie Madonnen waren dann Armgartsüsser heiliger Friede senkte sich auf Augenblicke in ihre BrustDann fuhr sie wieder auf und ängstigte sich um die Ahnung, dass sie Benno nicht wiedersehen würde ... Nun fehlte ein Brief schon seit Wochen von ihm ... Und ihr Herz, ihre ganze Seele war so vollso übervoll –! ...

Es war die Zeit, wo in Rom jeder, der nur irgend kann, auf dem land lebt ... Die Herzogin musste sich diesen Schutz gegen die Wirkungen der "Malaria" versagen ... Neulich war sie in ihrem vom Schrecken des Gemüts gehetzten "Wiederaufsuchen Roms nach Benno's Anschauungen" beim Kloster der "Lebendigbegrabenen" angekommen ... Sie fand da einen schönen, luftreinen Garten ... Oefters schon war sie hinübergegangen zu diesen Schwestern der "reformirten" Franciscaner; sie wohnten an Piazza Navona, nahe der Tiber ... Sie, die Mitwisserin eines schweren Geheimnisses, blieb dort gut aufgenommen, aber um achtundert Scudi jährlich kauften die Andern ihr Schweigen ab ... Sie, sie war es nun, die diesem Kloster die Last Olympiens abgenommen ... Nicht alle Gründe hatte sie Benno erzählt, die die fromme Genossenschaft damals bestimmten, eine so gewagte Handlung zu begehen wie die, eine Nonne einzukleiden, die ihnen eine geheime Commission des peinlichen Tribunals als eines Attentats auf den Inquisitor Ceccone verdächtig überwiesen hatte und die schon allein deshalb abzuweisen war, weil sie möglicherweise niederkommen konnte. Nichts seltenes, dass Verbrecher den Klöstern zur Aufbewahrung übergeben werden; aber eine Braut des Himmals, die gesegneten Leibes warvon einem Monsignore, der einen Mordanfall unter Umständen von ihr erlitten hatte, die keine nähere Untersuchung des Frevels wünschen liessen ... Das Kind blieb am Leben und wurde nicht aus dem geräumigen Kloster entfernt. Man hatte Gründe für diese Zurückbehaltung. Vorzugsweise fürchtete man, solange man ein pflegbefohlenes Kind lieber selbst hütete, weniger für den Ruf des Klosters, das leicht seine gegenwärtige Auszeichnung, die Pallien weben zu dürfen, verlieren konnte und sie an andere abtreten musste, die auf diese Ehre und den Gewinn eifersüchtig waren ... Ausserdem hatte dies Kloster noch eine Ehrenaufgabe, auf welche die jungen Prälaten neulich anspielten ... In der zu ihm gehörigen Kirche befand sich eine "Mumie" ... Dies war der Leichnam der Stifterin des Klosters, einer Franciscanerin, die im Jahr 1676 die strengere Regel Peter's von Alcantara angenommen hatte. Bei zufälliger Oeffnung ihres Sarges im Beginn dieses Jahrhunderts fand man die Schwester Eusebia Recanati nicht verwest. Der Leichnam hatte sich in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten, während die Gewänder, der braune Rock, der schwarze Schleier, das weisse Kopf- und Halstuch zusammenfielen. Ohne Zweifel ein Wunder. Seit dreissig Jahren petitionirte das Kloster um die Heiligsprechung der Eusebia Recanati, die in einer Kapelle der Kirche, in einem verschlossenen Schrank, unter Verglasung, in sitzender Stellung an gewissen Tagen dem Volk gezeigt wurde. Seit dreissig Jahren bestand eine Commission zur Prüfung der Ansprüche, die Eusebia Recanati auf den Schmuck des Heiligenscheines hatte. Dem Kloster wäre die wirklich erfolgte Heiligsprechung und ein unversehrter Heiligenleib zur Quelle des grössten Gewinns geworden. Aber die Orden regten sich voll Eifersuchtdie schwarzen Oblaten und Ursulinerinnen, die weissen Camaldulenserinnen und Kartäuserinnen, die hellbraunen Olivetanerinnen, die schwarzweissen Philippinen, die schwarzbraunen Augustinerinnen die weissschwarzen Dominicanerinnen, die braunen Karmeliterinnen und Kapuzinerinnen, die blauen Annunciaden, die roten Sakramentsanbeterinnen und hinter ihnen die entsprechenden Mönchsorden mit allen ihren Generalen. Die geringere blosse "Seligsprechung" der Mumie genügte den "Lebendigbegrabenen" nicht, sie wollten der Christenheit eine h e i l i g e Eusebia geben, die in der Tat dem Kalender noch fehlte. Sie bewiesen, dass diese schrecklich anzusehende, verschrumpfte, braunem Leder gleichkommende Eusebia Recanati, ein Grauenbild, geschmückt mit den glänzendsten Kleidern und mit goldenen Spangen befestigt, Wunder verrichtete, Lahme gesund machte, Blinde sehend. Die Opposition blieb aber zu stark ... Dreissig Jahre schmachteten die Nonnen schon nach Entscheidung der Cardinäle! Als einen vorläufigen Ersatz erhielten sie das Pallienweben, in dem sie sich, dreissig an der Zahl, auszeichneten wie Penelope auf Itaka; Ceccone war es, der sie so in ihren Hoffnungen auf die Heiligsprechung der Mumie, die sie nicht aufgaben, ermunterte. Auch wären sie gewiss schon durchgedrungen, seitdem sie das Meisterstück ihres guten Willens, die Verheimlichung eines Prälatenkindes, durchführten; wenn nur nicht auch Fefelotti und die Jesuiten ihre Feinde geworden wären. Diese beschützten die neuen vornehmen Orden, die Salesianerinnen, die Annunciaden, die Sakramentsanbeterinnen, vorzugsweise die Damen vom Herzen Jesu. Die Jesuiten liessen mit jenem Schein "wahrer Aufklärung", der ihnen überall an geeigneter Stelle so geläufig ist, alle Wunder, die die Mumie vollzogen haben sollte, ärztlich