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dem er schon lange ahnte, dass er dessen Versicherungen, er wäre nicht jener Soldat, der einst im römischen Heer gestanden, zu leichtgläubig hingenommen, von dessen Verbleiben aber, Ursprung, späterer Flucht, Uebertritt, gegenwärtigem Aufentalt in London die Eremiten im winterlichen wald, die Flüchtlinge durch Deutschland und Italien, die Gefangenen von Rom nichts erfahren hatten. Klingsohr kannte diesen Terschka nicht einmal dem Namen nach ... War die Erwähnung seines Geldes praktisch? ... Wie würde diese Stelle auf den General wirken, wenn er sie läse? ... Vielleicht ganz förderlich! dachte endlich Hubertus mit einiger Pfiffigkeit ...

Gegen zehn Uhr erhob er sich von seinem Maisstroh ... Aufgeschreckter denn je ... Dachte er an Terschka, Picard, sein Geld, so erschienen ihm Eulen und Fledermäuse und Brigitte von Gülpen rang unter ihnen die hände und Hammaker's blutigen Kopf sah er und Picard hing am brennenden Dachbalken und den Pater Fulgentius, den er "richtete", indem er ihn ruhig sich selber tödten liess, sah er am Seile schweben ... Der Riegel seines Kerkers wurde klirrend zurückgeschoben ...

Der fieberkranke Laienbruder war es selbst, der, sich schüttelnd, den mächtigen Sack brachte ... Er geleitete Hubertus an Sebastus' Zelle ...

Auch hier fiel die eiserne Klammer ... Sebastus stand in erregter Spannung ... Rom und die langen Leiden hatten seinem sonst so vornehm verächtlich, so hochmütig geringschätzend in die Welt und auf andere Menschen blickenden Wesen seit einiger Zeit eine vorteilhafte Veränderung gegeben ... Er ergriff den heimlich dargereichten Brief, siegelte ihn, während Hubertus dem Laienbruder, um diesen zu zerstreuen, seine Pillen rühmte und zu grösserer Deutlichkeit das Verschwinden des Fiebers mit der Leere des mächtigen Sackes verglich ... Dann steckte Sebastus unter der braunen Kutte den Brief zu sich und folgte dem Laienbruder, der beide auf die Terrasse zu den rauschenden Wassern führte ...

Hier harrte ihrer Pater Vincente ...

Benedictus Jesus Christus! ...

In aeternum, Amen! ...

Die drei Mönche schritten den Hügel San-Pietro nieder in jene kleinen gespenstischen Schatten der Bäume und Häuser, die ein helles Mondlicht wirft ...

Alle drei schritten sie nach Rom hinunter in den gleichen Kutten ... Die Kapuze über den Kopf gezogen, um den Leib des heiligen Franz von Assisi fliegende weisswollene Schnur ... Die beiden Deutschen noch nach ihrer alten Regel in Sandalen ... Pater Vincente mit entblössten Füssen.

Fussnoten

1 Vielen dieser Einzelzüge liegen Actenstücke zu grund.

2.

Pater Vincente war wohl schon dreissig Jahre alt; doch hatte er noch alles von der weichen Jünglingsschönheit des Antinous ...

Seine Augen waren sanft braun ... Die Farbe seines Antlitzes, und nicht ganz vom Widerschein der Strahlen des orangegelb über dem Albanergebirge herausgetretenen Mondes, war fast gelblich ... Das kurzgeschnittene und die so schöngeformten kleinen Ohren grell freilassende Haar dunkelschwarz ... Der braune, jetzt von der Kapuze bedeckte Nacken schweifte sich sanftgebogen ... Sein Mund war etwas aufgeworfen und wie zum Genuss des Lebens bestimmt ... Die hohle Wange stand in Verbindung mit sanften Erhöhungen an den Winkeln und Lippen ... Seine Gestalt hatte etwas Aeterisches; sie schien, wie dies einst dem heiligen Franciscus in Wirklichkeit geschehen sein soll, in den Lüften zu schweben ... Viele, die ihn kannten, prophezeiten auf sein Hauptnoch einst die dreifache Kronewie man in der katolischen Christenheit jedem Leviten tut, der sich durch gottseligen Sinn auszeichnet ...

Die beiden Deutschen gingen hinter dem Italiener, wie seine Diener ... Doch wollte dieser nur ihr Führer sein ... Hubertus liess sich auch nichts von seinem bestimmten, festen, muntern Naturell nehmen ... Was ihm durch den Sinn kam, plauderte er aus ... Die Bäume am Wege nannte er alte Bekannte aus Indien; die Düfte, die von den botanischen Gärten herüberkamen, analysirte er nach den Pflanzen, denen sie angehörten ... Den schmetternden Nachtigallen passte er stillstehend auf; dem Mond drohte er, ihn, wenn er noch grösser und ganz wie in Java würde, vor Freude in den Sack zu stecken ... Alles das, sagte er, ist darum so prächtig hier, weil es ohne die Schlangen und die Tiger ist! ...

Die Heiterkeit des wunderlichen Alten hatte seinen Leidensgefährten schon seit Jahren aufgerichtet ... Sebastus nannte ihn schon im Kloster Himmelpfort den zweiten Philippus Neri ... Philippus Neri war jener "kurzangebundene, humoristische", römische Heilige, von dem Goete in seiner italienischen Reise erzählt ... Könnte ich Ihnen den Schamanen und indischen Gaukler austreiben, sagte Sebastus schon oft, Ihre Wunderkraft und Heiligsprechung wäre verbürgt! Philippus Neri legte sich auf das Studium, den Menschen manchmal so unausstehlich zu werden wie möglich. So auch Sie! Es gelang freilich Ihrem heiligen Vorbilde nicht immer so ganz, wie Ihnen! Je mehr Philippus verletzte, desto mehr liebte man ihn. Ja sogar die Tiere liefen ihm nach. Hunde zu tragenwar sonst eine Strafe der Verbrecher; Philippus trug sich immer mit Hunden und duldete den Spott der römischen Jugend. In die Kirchen ging er und unterbrach die römischen Fénélons und Bourdaloues seiner Zeit gerade an ihren blumenreichsten Stellen. Da wollte er ihre Demut prüfen, ob auch wohl die geistreichen Rhetoriker nun