1836_Immermann_045_17.txt

damit auf sich hat. Heutzutage muss, wenn der Autor sich verpudelt hat, ein ordentlicher Buchbinder ein bisschen auf das Verständnis wirken, durch Winke auf den Rückentiteln, oder, wo sie sonst sich anbringen lassen.

Die Schriftsteller sind etwas konfuse geworden. Die jungen Leute lesen und lernen zu wenig, aber unsereins, dem sozusagen, die ganze Literatur unter das Beschneidemesser kommt, und der alle die Nachrichten "für den Buchbinder" durchstudieren muss, deshalb aber genötigt ist, noch rechts und links von den Nachrichten sich umzuschauen, o der gewinnt ganz andre Übersichten. Da muss man denn helfen, so gut man kann, und oft lässt sich der rechte Gesichtspunkt für ein Buch feststellen, bloss dadurch, dass man einen Punkt oder ein Komma weglässt, oder zusetzt, wie denn gerade die Sachen sich verhalten.

Bei dem buch von Karl Gutzkow tat es die Weglassung des Punktes hinter "geschichte". Ew. Wohlgeboren! Ich habe Spittler eingebunden und Schlözer, und Herders "Ideen zur Philosophie der geschichte der Menschheit" sind mir wenigstens hundertmal unterm Falzbein gewesen, und jetzt binde ich Ranke viel einich sage Ihnen, die Männer schrieben so schöne dicke Bücher, und so viele Noten und Zitate stehen in den Büchern, dass man sieht, wie die Verfasser sich's haben sauer werden lassen mit der Philosophie und der geschichteich sage Ihnen, es ist rein unmöglich, dass man auf 305 Seiten, wie Karl Gutzkow getan, den Gott, und die Revolutionen und den Teufel und seine Grossmutter in der geschichte abhandeln kann. Aber das ist auch gar nicht seine Absicht gewesen, wie sich aus dem Vorworte ergibt, welches ich lesen musste, weil ich einen Karton einzulegen hatte. Denn darin sagt der Autor, er habe keine andere Quellen zur "Philosophie der geschichte" benutzen können, als höchstens einige an die Wand gekritzelte Verwünschungen der Langenweile, oder einige in die Fensterscheiben geschnittne Wahlsprüche zahlloser unbekannter Namensinschriften. Wenn er nun das Buch, was er vermutlich auch nur schrieb, um sich die Langeweile zu vertreiben, dennoch herausgab, so konnte das nur in der einzigen Absicht geschehen, Memoiren über seine schlechten und mangelhaftigen Studien zu liefern, und der Titel, wie ich ihn mit goldenen Lettern setzte, ist ganz richtig, nämlich: "Zur Philosophie der geschichte von Karl Gutzkow".

Warum ich aber die letzten Kapitel Ihres Buches zu den ersten machte, das sollen Sie auch gleich vernehmen. Sie hatten die Münchhausenschen Geschichten wieder so schlicht angefangen, wie Ihre Manier ist: "In der deutschen Landschaft, worin ehemals das mächtige Fürstentum Hechelkram lag, erhebt sich eine Hochebene" usw., hatten dann von dem schloss und seinen Bewohnern berichtet, und waren endlich nach und nach auf den Helden dieser Erzählungen gekommen.

Ew. Wohlgeboren, dieser Stylus mochte zu Cervantes' zeiten gut und erspriesslich sein, wo die Leser so sacht und gelind in eine Erzählung hineinkommen wollten, wie in eine Zaubergrotte, von der die Märlein singen, dass eine schöne Elfe davor sitzt, und den Ritter mit wunderleisen Klängen in die karfunkelleuchtenden Klüfte lockt. Sie stösst auch nicht in die Trompete, oder bläst die Bassposaune, oder macht Pizzicato, sondern sie hat eine kleine goldne Laute im Arm; aus deren saiten quellen unschuldige, naive Töne, wie harmlose Kinder, die um den Ritter Blumenfesseln schlingen, und eh' er sich's versieht, ist er umsponnen und durch den Grotteneingang gezogen, und steht mitten in dem Reiche der Wunder, bevor er nur gemerkt hat, dass er aus der Welt da draussen hinweggegangen ist.

Aber heutzutage passt die Magie eines solchen süssfesselnden Stils gar nicht mehr.

Ew. Wohlgeboren, heutzutage müssen Sie noch mehr tun, als die Bassposaune blasen. Sie müssen den Tam-Tam schlagen, und die Ratschen in Bewegung setzen, womit man in den Schlachtmusiken das Kleingewehrfeuer macht, oder falsche Quinten greifen, oder vor die Dissonanz die Konsonanz schieben, wenn Sie die Leute "packen" wollen, wie es genannt wird.

Ew. Wohlgeboren, die ordentliche Schreibart ist aus der Mode. Ein jeder Autor, der etwas vor sich bringen will, muss sich auf die unordentliche verlegen, dann entsteht die Spannung, die den Leser nicht zu Atem kommen lässt, und ihn par force bis zur letzten Seite jagt. Also nur alles wild durcheinander gestopft und geschoben, wie die Schollen beim Eisgange, Himmel und Erde weggeleugnet, Charaktere im Ofen gebacken, die nicht zu den begebenheiten stimmen, und begebenheiten ausgeheckt, die ohne Charaktere umherlaufen, wie Hunde, die den Herren verloren haben! Mit einem Worte: Konfusion! Konfusion! – Ew. Wohlgeboren, glauben Sie mir, ohne Konfusion richten Sie heutzutage nichts mehr aus.

Ich habe, soweit ich vermochte, in diesem Stücke bei den Münchhausianis für Sie gesorgt, und ein bisschen Konfusion gestiftet, soviel es sich tun liess, damit die benötigte Spannung entstehe. Sehen Sie, so wie jetzt das Heft gebunden ist, kann kein Mensch bisher erraten, woran er ist, wer der alte Baron ist, und das fräulein und der Schulmeister, und wo sich die Sache zuträgt? Hat sich aber ein tüchtiger Leser erst durch einige Kapitel hindurchgewürgt, dann würgt er sich auch weiter, denn es geht den Leseleuten so, wie manchem Zuschauer in der Komödie. Er ärgert sich über das schlechte Stück, er gähnt, er möchte vor Ungeduld aus der Haut fahren, aber dennoch