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überwuchert, des Efeus, der aus dem kalten Boden hervorspriesst, unermüdlich hinaufklettert an der öden Mauer, bis er die Sonne erblickt, und dann gleich wieder hinabsteigt, mit weit reichenden Ranken nach der feuchten, düsteren Tiefe verlangt? Gestern war der Himmel blau, heute rubinfarb und smaragden, und dort im Westen, wo er die Erde deckt, jagt er das Licht im Safrangewand vor sich her aus der Schlafstätte. Einen Augenblick kann sich die sehnende Liebe ergötzen daran, dass die ganze natur schlummernd saugt; ja, ich fühl's: wenn die Nacht einbricht, dass jedes Würzelchen trinkt, in jedem liegt Begierde, sehnsucht nach Nahrung, und diese Anziehungskraft zwingt die Erde, die ihre Nahrung nicht versagt jedem lebenden Keim; und so liegt in jedem Blumenhaupt schwärmende Begeistrung, die aus dem Licht der Sterne Träume herabzieht, die es umweben; geh über einen Wiesenteppich in stiller sternenflimmernder Nacht, da wirst Du, wenn Du Dich herabbeugst zur Flur, die Millionen Traumbilder gewahr werden, die da wimmeln, wo eins oft vom andern Eigenheiten, Farben und Stimmungen entlehnt; da wirst Du es fühlen, dass diese Traumwelt sich hinaufschwingt in den Busen des Beschauenden und in Deinem Geist sich als Offenbarung spiegelt; ja, die schöne Blume des Gedankens hat eine Wurzel, die saugt aus dem warmen, verborgnen Boden der Sinne ihre Nahrung und steigt aufwärts zum göttlichen Licht, dem sie ihr Auge öffnet und es trinkt und ihm ihren Duft zuströmt; ja die Geistesblume ersehnt sich die natur und die Gotteit, wie jede Erdenblume.

Bruchstücke aus Briefen in Goetes Gartenhaus

geschrieben.

Anno 18

Ich habe Dich heute nur wenig Augenblicke gesehen, und mir deucht, das ganze Leben gehöre dazu, um Dir alles zu sagen. Musik und Kunst und Sprache, alles möchte ich beherrschen, um mich drin auszusprechen.

Ich sehne mich nach Offenbarung; Du bist's! – Nach Deinem inneren strebt die Liebe, sie will sich in seinen Tiefen empfinden.

Deine Gegenwart erschüttert mich, weil ich die Möglichkeit empfinde, Dir eine Ahnung meiner sehnsucht zu geben.

Deine Nähe verändert alles äusserlich und innerlich, dass der Atem, den Du aushauchst, sich mit der Luft mische, die auch meine Brust trinkt, das macht sie zum Element einer höheren Welt; so die Wände, die Dich umfassen, sind magnetisch; der Spiegel, der Dein Bild aufnimmt, die Lichtstrahlen, die an Dir hinstreifen, Dein Sitz, alles hat eine Magie; Du bist weg, aber diese bleibt und vertritt Deine Stelle, ich lege mich an die Erde, wo Deine Füsse standen, an diesem Fleck und an keinem andern ist mir wohl. – Ist das Einbildung? – Tränen fühl ich in der Brust, Deiner so mir Wollust, ich fühle mich in ihr erhoben über's ganze Erdenleben, und das ist meine Religion. – Gewiss! Der Geliebte ist das Element meines zukünftigen Lebens, aus dem es sich erzeugt, und in dem es lebt und sich nährt. – O hätte ich Geist! – Hätt ich den, was für Geheimnisse wollt ich Dir mitteilen!

Offenbarung ist das einzige Bedürfnis des Geistes; denn das Höchste ist allemal das einzigste Bedürfnis.

Geist kann nur durch Offenbarung berührt werden, oder vielmehr: alles wird zur Offenbarung an ihm.

So muss sich der Geist sein Paradies begründen. – Nichts ausser dem Geist. – Himmel und Seligkeit in ihm. – Wie hoch steigt Begeistrung, bis sie zum Himmel sich steigert!

Wenn das ganze Leben des Geistes Element wird, so hat er Gewalt über den Himmel.

Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe, sie bereitet vor zur Freiheit. – Freiheit ist Geisterleben.

Denken ist Inspiration der Freiheit. –

Der hat Geist oder ist geistig, der mit sich selbst zusammenkommt. Inspiration dringt darauf, dass der Mensch zu sich selbst komme. – Wenn Du mich begeisterst, so forderst Du Dich selber von mir, und meine Begeistrung geht darauf aus, Dich Dir selber zu geben. – Wahre Liebe gibt dem Geliebten sich selber. – Wie wahr ist dies, da ich Dich nur denken kann und doch Dir alles geben muss.

Was ist Lieben? – Der Wächter auf der Zinne ruft die nahe Morgenstunde. Der regsame Geist ahnet schlummernd den Tag, er bricht aus seiner Traumwelt hervor, und der junge Tag umfängt ihn mit seinem Licht, – und das ist die Gewalt der Liebe, dass alles Wirklichkeit ist, was vorher Traum war, und dass ein göttlicher Geist dem in der Liebe Erwachten das Leben erleuchte, wie der junge Tag dem aus der Traumwelt Erwachten.

Liebe ist Erkenntnis, und die ist Besitz.

Liegt der Same in der Erde, so bedarf er der Erde. Nun er zum Leben angeregt ist, müsste er sterben, wenn er ihr entnommen würde. In der Erde erst wandelt sich der Same um ins Leben, und die Erde wird erst Geist im Samen. – Wenn Du liebst, dringst Du ans Licht wie der Same, der in der Erde verborgen war. – Warum verbirgt die natur den Samen im Schoss der Erde, eh sie sein Leben ans Licht entlässt? – Auch das Leben liegt im geheimen Schoss des Geistes verborgen, ehe es als Liebe ans Licht dringt. – Der Boden, aus dem die Liebe entsteigt, ist Geheimnis.

Geheimnis ist Instinkt der Phantasie; wessen Geist diesen Instinkt hat, der hat den befruchtenden Boden für den