allein mit Dir.
Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in ihm.
Du erwirbst, Du hast Dich selbst – wo Du liebst; wo Du nicht liebst, entbehrst Du Dich.
Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius.
Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius.
Gott lieben, ist Gott geniessen; wenn Du das Göttliche anbetest, so gibst Du Deinem Genius ein Gastmahl.
Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel.
Eine Kunst erwerben, heisst dem Genius einen sinnlichen Leib geben.
Eine Kunst erworben haben, bedeutet dem Geist nicht mehr Verdienst, als dem Vater eines bedeutenden Kindes. – Die Seele war da, und der Geist hat sie in die sichtbare, fühlbare Welt geboren.
Wenn Du einen Gedanken hast, der Dich belehrt, so fühlst Du wohl, es ist Dein liebender Genius, der Dir schmeichelt, der Dir liebkost. Er will Dich bewegen zur leidenschaft für ihn.
Und alle Wahrheit ist Eingebung, und alle Eingebung ist Liebkosung, ist Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn überzugehen.
Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an.
Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst – es ist das Ideal Deiner eignen höheren natur, was Du im Geliebten berührst.
Die wahre Liebe ist keiner Untreue fähig, sie sucht den Geliebten, den Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung.
Geist ist göttlicher Kunststoff, in der sinnlichen natur liegt er als unberührtes Material. Das himmlische Leben aber ist, wenn Gott ihn als Kunststoff benützt, um seinen Geist in ihm zu erzeugen.
Drum ist das ganze himmlische Leben nur Geist, – und jeder Irrtum ist Verlust des Himmlischen. Darum ist jede Wahrheit eine Knospe, die durch die himmlischen Elemente blühen und Früchte tragen wird. Darum sollen wir die Wahrheit in uns aufnehmen, wie die Erde den Samen; als Mittel, durch welches unsere sinnlichen Kräfte in ein höheres Element hinüberblühen.
Indem Du denkst, sei immer liebend gegen Deinen Genius, so wird Dir die Fülle des Geistes nie ausgehen.
Die echte Liebe empfindet den Geist auch im Leib, in der sinnlichen Schönheit. Schönheit ist Geist, der einen sinnlichen Leib hat.
Aller Geist geht aus Selbstbeherrschung hervor.
Selbstbeherrschung ist, wenn Deinem Genius die Macht über Deinen Geist gegeben ist, die der Liebende dem Geliebten über sich einräumt.
Mancher will sich selbst beherrschen, daran scheitert jeder Witz, jede List, jede Ausdauer; er muss sich selbst beherrschen lassen durch seinen Genius, durch seine idealische natur.
Du kannst den Geist nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.
Du berührst Dich mit dem Geliebten in allem, was Du erhaben über Dich fühlst.
Du bist im Geheimnis der Liebe mit ihm, in allem, was Dich begeistert.
Nichts soll Dich trennen von diesem göttlichen Selbst, alles, was eine Kluft zwischen Dir und dem Genius bildet, ist Sünde.
Nichts ist Sünde, was mit ihm nicht entzweit, jeder Scherz, jeder Mutwill, jede Kühnheit ist durch ihn sanktioniert, er ist die göttliche Freiheit in uns.
Wer sich durch die Äusserung dieser göttlichen Freiheit beleidigt fühlt, der lebt nicht in seinem Genius, dessen Weisheit ist nicht Inspiration, sie ist Afterweisheit.
Die Erkenntnis des Bösen ist ein Abwenden aus der Umarmung der idealischen Liebe; die Sünde spiegelt sich nicht im Auge des Geliebten.
Du saugst göttliche Freiheit aus dem blick der Liebe, der blick des Genius strahlt göttliche Freiheit. –
Es gibt ein wildes Naturleben, das durch alle Abgründe schweift, den göttlichen Genius nicht kennt, aber ihn nicht verleugnet; es gibt ein zahmes, kultiviertes Tugendleben, das ihn von sich ausschliesst.
Wer die Tugend übt aus eigner Weisheit, der ist ein Sklave seiner kurzsichtigen Bildungsanstalt; – wer dem Genius vertraut, der atmet göttliche Freiheit, dessen Fähigkeiten sind zerteilt in alle Regionen, und er wird sich überall wiederfinden im göttlichen Element.
Ich habe oft mit dem Genius gespielt in der Nacht, statt zu schlafen, und ich war müde, und er weckte mich zu vertraulichen Gesprächen und liess mich nicht schlafen.
So sprach der Dämon heute nacht mit mir, da ich versuchte, Dir deutlich zu machen, in welchen wunderlichen Mitteilungen ich in diesen Kinderjahren begriffen war; er setzte Gedanken in mir ab, ich erwog sie nicht, ich glaubte an sie, sie waren wohl andrer Art, aber das Eigene hatten sie, wie auch noch jetzt, dass ich sie nicht als Selbstgedachtes, sondern als Mitgeteiltes empfinde.
***
Du bist gut, Du willst nicht, dass ich dies süsse Geschwätz mit Dir abbreche, es ist doch allenfalls so schön und so verständlich wie das Blinken der Sterne, was ich Dir hier sage; und wenn es auch nur wär eine Melodie, die sich durch meinen Geist Luft machte – sie ist äusserst lieblich, diese Melodie, und lehrt Dich träumen.
O lerne schöne Träume durch mein Geschwätz, die Dich beflügeln und mit Dir den kühlen Äter durchschiffen.
Wie herrlich schreitest Du auf diesen Traumteppichen! Wie wühlst Du Dich durch die tausendfältigen Schleier der Phantasie und wirst immer klarer und deutlicher, Du selber, der da verdient geliebt zu sein; da begegnest Du mir und wunderst Dich über mich und gönnst es mir, dass ich zuerst Dich fand.
Schlafe! Senke