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e r Vater im Himmel vollkommen ist! Kein geringeres Urbild, als die Gotteit, gab er ihnen nachzuahmen, und welcher Gott ist der Gott der Christen! Kein leidenschaftliches, sinnliches, allen menschlichen Schwächen unterworfenes Phantom, wie die Bewohner des alten Olymp, kein müssiger Zuseher, der in vollkommener Apatie die Welt gehen lässt, wie sie kann, wie die Götter Epikurs. Es ist ein allmächtiger, durch sich selbst von Ewigkeit bestehender, allwissender, allgegenwärtiger Geist, der Alles, was da ist, aus dem Nichts hervorgebracht, und nur darum geschaffte hat, um seine Macht und Liebe zu verklären. Die Geogonie der Christen ist einfach erhaben, und wenigstens eben so fasslich und wahrscheinlich, als die Systeme unsrer Philosophen, ja ich getraue mir zu behaupten, dass, in dem gehörigen Lichte betrachtet, und von dem poetischen Schmucke entkleidet, der diese Erzählung aus der Kindheit des Menschengeschlechts umgeben muss, du keine den Naturgesetzen gemässer und vernünftiger finden wirst. Unbeschreiblich schön ist die geschichte des sittlichen Verfalls der Menschheit unter einem bald idyllisch-lieblichen, bald furchtbar-ernsten Bilde dargestellt. Ja, die erkenntnis des Guten und Bösen war es, das erwachende Gewissen, das Gefühl des Rechts und Unrechts, das den schönen Traum ewiger Unschuld und Jugend zerstörte! Du siehst hier ein goldenes Zeitalter, und die Ursache seines Verschwindens tief und weise in den innersten Trieben des Menschen aufgesucht und dargestellt. Was in der Fabel von Amor und Psyche mehr bildliche Darstellung eines platonischen Traumes ist, ist hier die geschichte des Menschen, der Menschheit, ihrer individuellen und allgemeinen entwicklung zur kultur.

Diesen Gott nun, aus dessen Hand die Sonne, die Sterne, alle uns bekannten Wesen hervorgingen, der ihr Schicksal nach ewigen Gesetzen lenkt, diesen Gott nennen die Christen ihren Vater. In diesem KindesVerhältniss denken sie sich zu ihm, und nichts ist, womit sie sich ihm gefällig machen können, kein Opfer, keine Büssung, nichts als ein reiner Sinn, und ein menschlichgutes Herz. Alle Sterbliche sind ihnen Brüder; sie zu lieben, wie sich selbst, K e i n e m z u tun, was man nicht sebst leiden m ö c h t e , ist ihr Hauptgesetz. Je mehr man diesem einfachen Gedanken nachforscht, je mehr muss man den Lehrer bewundern, der in wenig Worten alle gesetz der Moral zusammenzufassen wusste, dass in allen schulen und Sekten unsrer Philosophen nicht mehr, und nichts Besseres gelehrt wurde. L i e b e Gott über Alles und deinen Nächs t e n w i e d i c h s e l b s t ! Wer kann mehr fordern als dies? Und was würde die Welt sein, wenn alle Menschen diese einfache Vorschrift beobachteten? Aber die Christen gehen noch weiter, sie dringen nicht bloss auf Liebe gegen diejenigen, die wir zu hassen keine Ursache haben, sie fordern Ueberwindung unsrer Selbst, und Bezähmung der heftigsten Leidenschaften, Zorn und Rachgier. S e g n e t , d i e euch verfolgen, betet für die, die e u c h h a s s e n . In welcher Schule, Phocion! ward je reinere Tugend gelehrt?

Noch einmal, die christliche Moral ist mehr als

menschlich! Aber indem sie eine Höhe fordert, die wir nicht zu erreichen fähig sind, spornt sie uns wenigstens an, das Aeusserste zu tun. Und was kann nicht der Mensch, wenn er alle seine Kräfte braucht? Das Höchste muss der Mensch sich vorsetzen, wenn er das Hohe erreichen, und nicht im Gemeinen versinken will; nach dem Unendlichen muss er streben: dann bewährt er sich als einen unsterblichen Geist, dem diese Hülle zu eng, dem diese Erde nur eine Herberge ist. Das haben unsre Philosophen schon gesagt; auch der Christ sagt es, nur unendlich einfacher.

Aber bei der Schwäche unseres halb sinnlich halb geistigen Wesens, das, zwei Welten angehörig, ewig zwischen beiden schwankt, was bliebe uns für Hoffnung übrig, den hohen Befehlen gehorchen, und das Ideal erreichen zu können, das jene Lehren von uns fordern? Müssten wir nicht daran verzweifeln, den strengen Gesetzen genug zu tun? Hier könnte das Gewissen uns nicht beruhigen, dort würde ein unendlich heiliges Wesen den schwachen Sohn der Sinnlichkeit strafend von sich weisen. Aber liebend und erbarmend tritt die geheimnissvolle Lehre von der Versöhnung, von einem unbefleckten, heiligen, der ganzen Strenge jener Forderungen genugtuenden Opfer dazwischen, von einem Opfer, das, die Schuld des ganzen Menschengeschlechts auf sich nehmend, freiwillig sich der göttlichen Gerechtigkeit darbot, und für Alle litt, blutete, starb. In seinen Verdiensten findet der schwache Mensch vollendenden Ersatz für seine unvollkommenen Bestrebungen, sie eignet er sich zu, und durch ihre Vermittelung darf er dem Trone des allerreinsten Wesens mit minderer Schüchternheit nahen.

Du siehst aus diesen leichten Umrissen, die ich dir mitzuteilen im stand bin, wie erhaben und den Bedürfnissen des Herzens angemessen diese Lehre ist. Noch kenne ich sie nicht vollständig; was ich aber kenne, überzeugt meinen Verstand, und befriedigt mein Gefühl. Und wenn diese überzeugung einst vollendet sein wird, wer kann mich tadeln, ja, wer kann mich der entgegengesetzten Handlungsweise fähig halten, wenn ich sie annehme, und ganz werde, was ich ohnehin schon zum Teile bin? – Uebereilen aber will ich nichts. Der Schritt ist wichtig, er fordert vollkommene Geistesfreiheit, und gewissenhafte Prüfung. Die erste fehlt mir noch ganz, mein Gemüt ist