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. Oder was meinst du, Kritobul, (fuhr er fort, sich auf einmal an diesen wendend), hältst du es für so leicht, dich von der Pflicht gegen Aten loszusagen?

Das kann und darf ich nicht, antwortete Kritobul, so lange ich in Aten lebe und Gutes von Aten empfange und erwarte.

S o k r a t e s . Solltest du nicht Pflichten gegen Aten haben, die dir gar nicht erlauben, ohne den Willen der Atener anderswo zu leben?

K r i t o b u l (stutzte und antwortete nach einigem Zögern): Wenn ich Vermögen genug hätte zu leben wo es mir am besten gefiele, und es gefiele mir an einem andern Orte besser, warum sollte ich an Aten gebunden sein?

S o k r a t e s . Von wem hast du dein Vermögen?

K r i t o b u l . Das meiste ist von meinen Voreltern erworben; einen teil hab' ich vielleicht mir selbst zu danken.

S o k r a t e s . Wie kommt es, dass die missgünstigen und ungerechten Menschen, deren es so viele in der Welt gibt, Diebe, Strassenräuber oder andere Feinde, so guterzig waren, deinen Voreltern und dir Zeit und Mittel zum Erwerben zu lassen, und, wenn ihr etwas erworben hattet, es euch nicht wegzunehmen?

K r i t o b u l . Davor schützten uns die gesetz und die bewaffnete Macht von Aten.

S o k r a t e s . Diesen hättet ihr also die Möglichkeit des Erwerbs und die Erhaltung eures Vermögens zu danken?

K r i t o b u l . So scheint es.

S o k r a t e s . Nun möchte' ich wohl wissen, was die Atener bewegen könnte, euch zu schützen, und um dazu immer bereit zu sein, grossen Aufwand zu machen, wenn ihr ihnen nichts dagegen tun solltet?

K r i t o b u l . Auch fehlt sehr viel dass wir ihnen etwas schuldig blieben. Wir gehorchen ihren Gesetzen, wir steuern nach unserm Vermögen zu ihren gemeinsamen Ausgaben bei, ziehen in den Krieg oder rüsten eine Galeere aus, wenn sie uns dazu auffordern, und was dergleichen mehr ist.

S o k r a t e s . Denkst du aber nicht, die Atener haben damals, da sie es auf sich nahmen, euch bei dem Vermögen, das ihr unter dem Schutz ihrer gesetz erwarbet, so viel in ihren Mächten ist, zu erhalten, darauf gerechnet, dass auch ihr euch den Pflichten nie entziehen würdet, die euch schon die natürliche Dankbarkeit gegen den Staat, als euern ersten und grössten Wohltäter, auferlegt?

K r i t o b u l . Ich denke in der Tat, das haben sie.

S o k r a t e s . Und wenn nun, z.B. dem Kritobul die Lust ankäme, seinem vaterland die Pflicht aufzukünden, könnt' er das, ohne sich als einen undankbaren und gegen sein Vaterland ungerechten Menschen darzustellen?

K r i t o b u l . Ich sehe, dass ich Unrecht hatte, Sokrates.

S o k r a t e s . Ueberlege die Sache noch weiter mit dir selbst, und sage mir deine Meinung, wenn wir uns wiedersehen.

So viel, Aristipp, den Punkt der Weltbürgerschaft betreffend. über den andern Hauptpunkt deiner Rechtfertigung habe ich dir noch weniger zu sagen; denn natürlicher Weise hängt es gänzlich von dir ab, ob du lieber in der Gesellschaft einer schönen und dich angenehm unterhaltenden Hetäre, oder im Umgang mit Sokrates und seinen Freunden leben willst.

19.

Aristipp an Ebendenselben.

Ich liebe den Lakonism89 im Reden und Schreiben, guter Antistenesdas will sagen, ich liebe ihn zuweilen, wo Zeit, Ort, Personen und andere Umstände seinen Gebrauch erfordern oder schicklich machen. Ich will mich also, da ich jetzt wirklich so wenig Zeit zu verlieren habe als irgend ein Spartanischer Ephor90, in der Antwort, die ich euch schuldig zu sein glaube, so kurz als möglich fassen. Ich gestehe, dass ich mich nicht so leicht überwunden gegeben hätte als Kritobul. Da mir aber die Abwesenheit nicht gestattete, ihm zu hülfe zu kommen, oder an seinen Platz zu treten, so habe ich über den mitgeteilten Dialog eine Art von Selbstgespräch angestellt, wovon Folgendes das Resultat ist.

Die natur, meine und aller Dinge Mutter, weiss nichts von Cyrene und Aten. Sie machte mich zum Menschen, nicht zum Bürger: aber, um ein Mensch zu sein, musst' ich von jemand gezeugt und irgendwo geboren werden. Das Schicksal wollte, dass es zu Cyrene und von einem Cyrenischen Bürger geschehen sollte. Aber man wird nicht Mensch um Bürger zu sein, sondern man wird Bürger damit man Mensch sein könne, d.i. damit man alles das sichrer und besser sein und werden könne, was der Mensch, seinen Naturanlagen nach, sein und werden soll. Der Mensch ist also nicht, wie man gemeiniglich zu glauben scheint, dem Bürger, sondern der Bürger dem Menschen untergeordnet. Hingegen steht die Pflicht des Bürgers gegen den Staat, und des staates gegen den Bürger in genauem Gleichgewicht. Sobald meine Voreltern Bürger von Cyrene wurden, übernahm diese Stadt die Pflicht, sie und ihre Nachkommen bei ihren wesentlichsten Menschenrechten und bei ihrem Eigentum zu schützen, und wir sind ihr für die Erfüllung dieser ihrer Pflicht keinen