fähig ist. Wölfe, Tiger, Hyänen und Drachen wären also in Vergleichung mit dem Menschen sehr holde und gutartige Wesen; der letztere hingegen wäre das unnatürlichste aller Ungeheuer, die der Tartarus ausgespien hätte. – Welcher Unsinn? und doch ist es nichts, als was herauskommt, wenn wir annehmen, Unrecht tun, oder beleidigen sei an sich, oder seiner natur nach etwas Gutes. Bedarf es einer andern Widerlegung einer so wahnsinnigen Behauptung – als sie auszusprechen?
Demungeachtet ist und bleibt es Tatsache, dass der rohe Stand der natürlichen Gleichheit für die Menschen, die sich darin befinden, eine Art von Kriegsstand Aller gegen Alle ist; nicht, als ob die Menschen, ohne einen Grad von Ausartung, der sie tief unter die wildesten Tiere erniedrigen würde, jemals das Gefühl, dass es unnatürlich, folglich unrecht sei einander zu beleidigen, verlieren könnten; sondern weil die sinnlichen Triebe und Leidenschaften, wodurch sie zu Beleidigungen hingerissen werden, im Augenblick der aufbrausenden leidenschaft oder eines unwiderstehlich dringenden Bedürfnisses stärker sind als jenes Gefühl, welches im grund nichts als die stimme der Vernunft selbst zu sein scheint. Aus dieser Tatsache folget nun freilich, dass die Menschen sich durch eine gebieterische notwendigkeit gedrungen finden, in gesellschaftliche Verbindungen zu treten, und sich Gesetzen zu unterwerfen, die ihrer aller Erhaltung und Sicherheit beabsichtigen, und insofern ihrer aller gemeinsamer Wille sind; aber diese Verbindungen, diese gesetz sind nicht die Quellen, sondern Resultate des allen Menschen natürlichen Gefühls von Recht und Unrecht, welches einem jeden sagt, dass alles was nur Einem und allenfalls seinen Mitgenossen und Spiessgesellen nützt und allen übrigen schadet, unrecht sei. Es ist also Unsinn, zu sagen: die Menschen machten sich durch den gesellschaftlichen Verein nur insofern zu Beobachtung der gesetz anheischig, als sie solche nicht ungestraft übertreten könnten; auch bedürfen wir keiner solchen, die allgemeine Vernunft in Widerspruch mit sich selbst setzenden Hypotese, um zu begreifen, wie es zugeht, dass in jedem Staat nicht wenige, und in einem sehr verdorbenen die meisten, in der Tat so handeln, als ob sie sich die Freiheit zu sündigen, sobald sie keine Strafe befürchten, ausdrücklich oder stillschweigend vorbehalten hätten.
Wenn ich nicht sehr irre, so hätte sich also der Platonische Sokrates die Mühe, mehr als zwölf Stunden lang in Einem Zug fort zu reden, ersparen können, wenn er, anstatt die Auflösung der Frage aus dem land der Ideen herabzuholen, es nicht unter seiner Würde gehalten hätte, sich an derjenigen genügen zu lassen, die vor seinen Füssen lag. Weder unsre fünf Sinne noch unser Verstand reichen bis zu dem, was an sich selbst ein Gut oder ein Uebel ist: was mir und meiner Gattung zuträglich ist, nenne ich gut; das Gegenteil böse. Die natur selbst nötigt mich, in jedem Menschen ein Wesen meiner Gattung zu erkennen. Wenn Unrecht leiden, d.i. im freien Gebrauch meiner Kräfte zu meiner Erhaltung und zu Beförderung meines Wohlstandes gewaltsam gehindert zu werden, für mich ein Uebel ist, so ist eben dasselbe auch ein Uebel für jeden andern Menschen. Also eines von beiden: entweder der Mensch ist das einzige Ungeheuer in der Welt, dessen natürliches Bestreben unaufhörlich dahin geht, seine eigene Gattung zu zerstören: oder jede Beleidigung eines Menschen ist ein Uebel für das ganze Menschengeschlecht, und also auch (ungeachtet des augenblicklichen Vorteils, den der Beleidiger daraus ziehen mag) ein wahres Uebel für diesen selbst, indem er dadurch alle anderen Menschen reizt und berechtigt, sich auch gegen ihn herauszunehmen, was er sich gegen einen von ihnen erlaubte und gegen jeden andern, sobald er gelegenheit und Vermögen dazu hat, sich zu erlauben bereit ist. Alle Menschen haben, als Menschen, gleiche Ansprüche an den Gebrauch ihrer Kräfte, und an die Mittel, welche die natur, der Zufall und ihr eigener Kunstfleiss ihnen zu ihrer Erhaltung und zu Beförderung ihres Wohlbefindens darreichen. Wer diess anerkennt und diesem gemäss handelt, ist gerecht, ungerecht also, wer alles für sich allein haben will, und das Recht der übrigen nicht anerkennt, oder tätlich verletzt. Mich dünkt, zwei Sätze folgen notwendig und unmittelbar aus dieser durch sich selbst klaren Wahrheit: erstens, dass jeder Mensch, der einen andern vorsetzlich beleidigt, sich eben dadurch für einen Feind aller übrigen erklärt; zweitens, dass sobald mehrere Menschen neben einander leben, zu eines jeden Sicherheit entweder ein stillschweigend zugestandener oder ausdrücklich unter ihnen geschlossener Vertrag vorwaltet, "jedem auf das, was er sich ohne Beraubung eines andern erworben hat, ein unverletzliches Eigentumsrecht zuzugestehen." In dieser Rücksicht kann also mit vollkommenem grund gesagt werden: Jedem das Seinige – nicht zu geben (denn er hat es schon), sondern zu lassen und im Fall, dass es ihm mit Gewalt genommen worden, ihm entweder zur Wiedererlangung des Geraubten oder zu einer angemess'nen Entschädigung zu verhelfen, werde von allen Menschen auf dem ganzen Erdboden Gerechtigkeit genennt, oder, falls sie noch keine Worte zu Bezeichnung allgemeiner Vernunftbegriffe hätten, als Gerechtigkeit gefühlt und anerkannt.
Mit dieser kurzen Beantwortung der von Sokrates aufgeworfenen Frage könnten wir, dünkt mich, allen Sophisten und Rechtsverdrehern in der Welt die Stirne bieten; auch würde Plato selbst Mühe gehabt haben, die Untersuchung und Festsetzung dessen, was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist, über den gewöhnlichen Umfang seiner Dialogen auszudehnen, wenn er sich innerhalb der grenzen des gemeinen, dem Sprachgebrauch gemässen Sinnes der Worte hätte halten wollen. Da er aber diesem unvermerkt einen andern höhern