, als du schliefst."
RINALDO Welchem Glück verdanke ich meine Rettung?
ALTER Ich kam eben dazu, als die Schlange auf dich zuschoss, und – sie ist tot.
RINALDO Du hast sie getötet? – Mit welchen Waffen? Ich sehe dich ganz unbewehrt.
ALTER Es gibt auch wohl Worte, die die Kraft der Waffen doppelt ersetzen. – Ich setzte mich dir gegenüber, damit dir, solange du schliefst, kein ähnliches Unglück begegnen möchte.
RINALDO Nimm meinen besten Dank und schenke deinen Namen meiner dankbaren Erinnerung.
ALTER Namen machen die Menschen weder merkwürdiger noch besser, als sie wirklich sind. Erinnere dich meiner Gestalt, und ich werde in deinem Andenken auch ohne Namen fortleben.
RINALDO Du sprichst die neuere Sprache dieser Insel, und dein Gewand zeigt dich mir in der Gestalt der Weisen der Vorzeit dieses Landes. Wie soll ich mir das erklären?
ALTER So einfach wie möglich. – Man ist nicht immer, was man zu sein scheint; man scheint nicht immer zu sein, was man ist.
RINALDO Nochmals! wer bist du?
ALTER Was du ebensogut sein kannst als ich: ein Freund der Weisheit.
RINALDO Ist die Weisheit eine so allgemeine Freundin?
ALTER Die Weisheit ist uns allen so wohltätig gemein wie die Sonne. Ihre Strahlen erwärmen jedes empfängliche Herz. Doch die Seligkeit, diese Wärme zu fühlen, erfordert freilich eine Organisation, die nicht allen Menschen eigen ist. Ein böser Mensch ist nicht wert, die Pfade zum Tempel der Weisheit zu kennen, denn was dem Frommen Segen der Menschheit in der natur ist, würde dem Bösen Fluch der Welt werden. Wer keinen Geruch hat, dem duften diese blühenden Matten vergebens. So wie jedes Element von dem Geschöpfe, welches dasselbe bewohnt, eine besondere Organisation fordert, so fordert auch der Tempel der Weisen eine gewisse Organisation dessen, der sich ihm nahen, der ihn bewohnen will.
RINALDO Hier walten hohe Geheimnisse!
ALTER Der Tempel der Weisheit ist der Tempel der natur, und in der natur walten keine Geheimnisse. Das, was man gemeinhin Geheimnisse der natur nennt, sind gesetz, die in dem buch der natur selbst zu lesen sind. Dieses liegt aufgeschlagen vor jedermanns Augen. Lies in diesem Buch! lies mit dem Auge der Seele. Dieses Auge ist Beobachtung. Aber das Auge muss heiter sein. Diese Heiterkeit ist ein Kind der Ruhe von allen Leidenschaften. Nur der reine Quell zeigt dir das vollkommne Bild der allesbelebenden Sonne. Trübe Bäche sind keine Spiegel. Ebenso ist es mit der Weisheit. – Die natur gleicht einer Schönen, die nachlässig zuweilen ihre kleinsten und verborgensten Reize zeigt und die übrigen sorgfältig verhüllt. Wer denken, fühlen, prüfen, merken und ahnen kann, der ist wert, sie ganz zu entschleiern. Die natur spricht nur mit dem, der feine Organe hat, zu hören ihre stimme. Verfeinerung der Sinne ist Annäherung zu den Geheimnissen der natur. Wer sich ihr mit reinem Herzen und mit scharfen Blicken nähert, den heisst sie, die erhabene Priesterin, wie eine freundliche Wirtin willkommen und führt ihn in den Tempel ihres Heiligtums. Dort fällt die Decke von seinen Augen. Das Unbegreifliche wird ihm begreiflich. Alles Unbegreifliche für diese Körperwelt liegt in der Kraft der Assimilation; und diese Kraft ist es, welche die wenigsten Menschen kennen. Der Magnet wirkt nur auf Ähnliches, und seine Ausströmung ist wunderbar. Diese Kraft ist nur ein Wink; es gibt verborgene Kräfte, – Kräfte der Seele, und die Art ihrer Attraktion ist wunderbarer als die des Magnets.
RINALDO Und diese Kraft liegt in jeder Menschenseele?
ALTER In jeder. Aber sie muss geweckt werden. Am besten, sie weckt sie sich selbst.
RINALDO Dies gehört in die Sphäre der Tätigkeit des Menschen.
ALTER Wohl bemerkt, mein Sohn! Jeder Mensch hat seine Bestimmung zum Ganzen.
RINALDO So liegt auch vieles ausser ihm.
ALTER Er suche es zu sammeln.
RINALDO Zeit und gelegenheit des menschlichen Daseins sind so beschränkt, dass der Mensch sich oft erst kennenlernen will, wenn er schon aufhört zu sein.
ALTER Das Dasein der Menschen ist dem Dasein der Sonne ähnlich. Sein Erwachen ist der Morgen; der Mittag ist sein irdisches, tätiges Leben; der Abend ist sein Tod. Die Sonne verlässt den Horizont und ihr Licht wird unsern Augen zur Dämmerung. Doch erleuchtet dieses Licht noch manche Hütte oder wird noch immer gesehen von manchem, der höhere Gegenden bewohnt. So der Mensch im Verschwinden. Er wirkt rückwärts. Ist diese wirkung gleich schwächer, so wird sie doch manchem bemerkbar.
RINALDO Dies sagt wohl auch, es gebe eine Rückwirkung Abgeschiedener auf Lebende?
ALTER Was hindert dich, das zu glauben? Es gibt der Dinge so viele, die nicht einmal scheinen, aber dennoch sind. Dein schwaches Auge, gestärkt durch Gläser, entdeckt deinen Blicken unbekannte Dinge; was kann das Auge deiner Seele dir nicht alles entdekken, hast du die Kunst gelernt, es zu verstärken!
Der Alte steckte sein Buch in den Busen und stieg auf. Rinaldo sah ihn mit zweifelhaften Blicken an. Die Pause war kurz.
ALTER Gehabe dich wohl, mein Sohn? Lass die Kräfte, die in dir liegen, nicht länger schlummern. Erwecke sie. Es bedarf eines Hauches und das Fünkchen wird zur Flamme. – lebe' wohl!
RINALDO Wohin gehst du?
ALTER Woher ich gekommen bin. In die Gebirgstäler zurück, wo ich wohne.
RINALDO Darf ich dich besuchen