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um ihrer Argumentation willen, wie Witzlinge um eines Einfalls willen. Jeder hat seine Weise; nur einer radotiert anders wie der andere. Höre an: dass Kant ein trefflicherer Kopf ist als ich und du, das versteht sich. Dass seine Werke voll Scharfsinn sind, mag auch sein. Wenn ich sagen wollte, ich hätte nicht daraus gelernt, so war ich undankbar, nur nicht das, was du willst daraus gelernt haben. Schon das viele Nachdenken, wodurch meine Geisteskräfte in neue Bewegung gesetzt wurden, will ich ihm gern danken. Kant hat überhaupt die in ihrer vermeinten allgemeingeltenden Weisheit sicher schlummernde Philosophie aufgeweckt und beunruhigt. Das ist recht gut; aber das ist wahrlich auch alles! Dass nun die äussersten Grenzen der Wahrheit gefunden wären, ist, mit Ehren zu melden, nicht wahr. Ich bin aber übrigens ganz wohl zufrieden, dass einmal wieder etwas Neues in die Philosophie gekommen ist; denn siehst du, neue Systeme sind wie neue Besen, sie kehren gut

»Wie kann man nur so niedrig von so erhabenen Werken reden! Und gesetzt, weil ich doch auch billig sein will, da Sie angefangen, es zu sein, ich wollte Ihnen auf einen Augenblick zugeben, Kants Kritik wäre ein neues philosophisches System: wie können Sie ein so niedriges und unpassendes Gleichnis davon brauchen

»Nicht niedrig und sehr passend! Systeme kehren Staub und Spinnweben aus dem geist wie die Besen aus den Winkeln

»So! das heisst also die hellen Köpfe, die an allem zweifeln, brauchen keine Systeme, weil schon alles in ihrem geist so zierlich und herrlich aufgeputzt ist! Da liegt also das Feine des Gleichnisses

»Nicht so, wie du meinst. Skeptiker mögen keine Systeme. Aber nicht nur der Skeptiker kann die Systeme entbehren, sondern jeder, dessen Begriffe deutlich und ordentlich aufeinanderfolgen, und wäre es auch nur Deutlichkeit durch Mutterwitz. Braucht der Matematiker ein System oder hat er eins? Wo kein Staub oder Spinnweben sich ansetzen, braucht man keine Besen. Siehst du, als es in der Teologie helle ward, wurden die Systeme überflüssig; wird sie wieder durch Spinneweben verdunkelt, gib acht, dann gehts wieder aufs System los. Neue Systeme müssen notwendig oft gemacht werden, denn sie nutzen sich ab wie die Besen

»Über Ihr Gleichnis! Wahrheit ist der Zweck jedes Systems; und zu zeigen, wie viel Wahrheit an übersinnlichen Gegenständen wir zu erkennen vermögen, ist Zweck der kritischen Philosophie. Wahrheit aber ist unveränderlich, bleibt ewig Wahrheit

»Ja! aber systematische Wahrheit nur solange die Ewigkeit des Systems dauert. Sieh, Herr Bruder! Das menschliche Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig; so lange hat noch kein philosophisches System ausgehalten, kaum ein teologisches, das doch handfester ist! Und dann ist es mit den Systemen eben wie mit dem menschlichen Leben: wenn es damit vorbei ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen. Sagt das nicht die Kritik der Philosophie selbst von allen Systemen? Und der kommt gewiss noch auch, der es von ihr sagt

»Und die ganz neue Bestimmung der Denkformen, die genaue Bestimmung des Vermögens der Vernunft, die gezogene Grenzlinie, welche das mögliche Wissen von der unerreichbaren Erkenntnis trennt, die einleuchtenden Beweise der Unmöglichkeit, vom Objekte, von dem Dinge an sich irgend etwas zu wissen

»Und der Widerspruch, dass doch das objektiv-reelle Dasein des Dinges an sich erkennbar sein soll? – Das objektiv-reelle Dasein ist doch wohl irgend etwas. – Apropos! Noch eine Gleichheit zwischen Systemen und Besen. Beide machen oft viel Staub, indem sie den Staub recht sauber abfegen sollen. So ist es mit allen Systemen von jeher gewesen, solange die philosophische Welt steht, und wird mit allen künftigen Systemen so sein. Sieh nur recht nach, du wirst es so finden

»Ich sehe weder aufs Vergangene, noch ins Zukünftige. Ich sehe auf die jetzige Kritik der Philosophie; und die wird unveränderlich wahr bleiben

»Ich merke, Herr Bruder, du bist wie Oheim Toby Shandy, der auf eine Spalte sah und dabei weder ans Vergangene noch ans Zukünftige dachte. Werde nicht wieder böse über die Vergleichung; Oheim Toby war ein Philosoph, so gut als Aristoteles und ein besserer als du!« –

Hier ward das philosophische Gespräch unterbrochen; denn das braunäugige Schätzchen und der Charadenmacher, die ein Stündchen später bestellt waren als der Sekretär, kamen nun auch zum Tee. Die Unterredung ward allgemein und aufgeweckt. Das war sie aber nicht für Anselm, der auch wenig daran teil nahm. Er entschuldigte sich wegen des Abendessens und empfahl sich; und weil man ihn entbehren konnte, liess man ihn gehen. Er ging mit grossen Schritten auf seinem Zimmer auf und ab und schmollte mit sich selbst, weil er sonst niemand hatte. Er ärgerte sich über des Herrn von Reiteim unphilosophische denkart, der sich sogar an einem Charadenmacher belustigte, und zerbrach sich den Kopf, aus welchen Ursachen dieser philosophische Edelmann bei dieser seiner denkart ihn hätte kommen lassen; denn er hatte bis jetzt nicht anders gedacht, als beide wollten miteinander philosophieren, und Herr von Reiteim wäre von ihm zur kritischen Philosophie bekehret.

Zweiundzwanzigster Abschnitt

Einige Bemerkungen über Philosophie. Entdeckungen einer Philosophie, die Anselm noch nicht kannte, und deren Folgen

Sterne, der grosse Menschenkenner, macht die Bemerkung:

»Dass