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Vorteile verschaffen und Vorrechte anmassen könne, die ihnen nach der Ordnung der natur nicht zukommen. In den zeiten der Barbarei nun, wo unter hundert Menschen kaum einer fähig ist, über seine Verhältnisse nachzudenken, wo dicke Nebel die Augen des grossen Haufens umhüllen und alle Ressorts, aus welchen das Maschinenwerk des Despotismus besteht, ihre volle Kraft haben, da lässt sich eine solche Gewalt über die Menge erlangen. Auch beruht diese Gewalt auf dem heiligen, in der natur gegründeten Rechte des Stärkern; denn wenn der Schwächere in den Kräften seines Geistes und in seiner Geschicklichkeit Hülfsquellen findet, die ihm den Mangel an körperlicher Prästanz ersetzen, oder wenn er den Stärkern dahin bringen kann, dass er freiwillig oder aus ungegründeter Furcht ihm ein Übergewicht zugesteht, so wird er ja dadurch der Mächtigere. Allein sobald jener die Augen öffnet und anfängt, sich selber zu erkennen und zu fühlen, dann ist die Zeit der Täuschung aus, und das künstliche Regiment hat ein Ende. Töricht wäre es, verlangen zu wollen, dass in einem Zeitalter, wo Kultur und Wissenschaften in allen Ständen zugenommen haben, die alten Gängelbänder, an welchen man unwissende und dumme Menschen leitet, nämlich Vorurteil, Autorität, Täuschung und blinder Glauben, noch immer den Haufen der Starken im Zaume halten sollten. Und doch verlangen wir nicht nur, diese Albernheit durchzusetzen, sondern wir wollen sogar die Sache per modum contrarium treiben, das heisst: indes das Volk täglich klüger, täglich abgeneigter wird, sich im Blinden führen zu lassen, werden die Ansprüche der Herrscher auf blinden Gehorsam täglich grösser. – Das Kind behandelte man mit Glimpf, und den Mann will man mit der Rute züchtigen. Ist es möglich, ist es denkbar, dass dies dauern könne? Nein, gewiss nicht! und ohne Prophet und ohne Aufwiegler zu sein, kann man es voraus verkündigen, dass allen europäischen Staatsverfassungen eine nahe Umkehrung bevorsteht.

Siebenter Abschnitt

Welche Art von Revolution in den

Staatsverfassungen zu erwarten, zu befürchten oder

zu hoffen sei

Man sage doch ja nicht, dass die französische Revolution das Feuer des Aufruhrs in allen Gegenden von Europa anblase, noch dass selbst die kühnsten und unvorsichtigsten Schriftsteller, welche den Rechten der Menschen und der Freiheit das Wort reden, ruhige Völker zu Empörungen verleiten! Ich werde mich bemühn, das Gegenteil solcher Behauptungen in diesem und den folgenden Abschnitten darzutun.

Ich meine hinlänglich bewiesen zu haben, dass alle europäische Staatsverfassungen von der Art, dass sie so, wie sie beschaffen sind, bei der jetzigen Stimmung des Zeitalters nicht dauern können. In Frankreich nun war das Übel am ärgsten, der Despotismus auf den höchsten Grad gestiegen; zugleich hatte die gegenwirkende Kultur in allen Ständen zugenommen, indes Armut und Elend das Volk zur Verzweiflung brachte. Frankreich war also der teil des Geschwürs, der zu seiner ganzen Reife gelangt war und der daher zuerst aufbrechen oder durchgestochen werden musste. Statt darüber zu jammern, sollten wir uns freuen, wir andern Europäer, dass nicht zuerst uns die Reihe getroffen, dass wir, wenn wir es nur recht anfangen, uns den Schmerz einer ähnlichen Operation ersparen und durch zerteilende Mittel die materia peccans fortschaffen können. Das Beispiel unsrer Nachbarn kann für Regenten und Volk heilsam werden. Jene mögen sich daran spiegeln und gewahr werden, was der grosse Haufen vermag, wenn man ihn aufs äusserste treibt, und wie wenig die alten Quacksalbereien gegen ein so eingewurzeltes Übel wirken; das Volk aber mag durch den Anblick aller Greuel der Anarchie bewogen werden, sich zu keinen übereilten Schritten verleiten zu lassen, nicht, ohne die äusserste Not, zu gewaltsamen Mitteln zu schreiten und einen leidlichen Zustand von konventioneller Ruhe und Glückseligkeit nicht gegen die ungewissen Folgen einer gänzlichen Umstürzung auf das Spiel zu setzen!

Also ist es nicht die französische Revolution, welche den Ton von Unzufriedenheit unter den übrigen Völkern anstimmt, sondern umgekehrt, die allgemeine Unzufriedenheit ist zuerst in Frankreich ausgebrochen. Auch sind es nicht die Schriftsteller, die sogenannten Aufklärer und Apostel der Freiheit, nach denen Hoffmann, elenden und jämmerlichen Andenkens, mit Gassenkot wirft, diese Schriftsteller sind es nicht, welche Aufruhr erwecken; sondern die allgemeine stimme des volkes ist es, die durch diese Schriftsteller redet. Noch nie haben Bücherschreiber grosse Weltbegebenheiten bewirkt, sondern die veränderte Ordnung der Dinge wirkt im Gegenteil auf den Geist der Bücherschreiber. Jeder fühlt dann dunkel das Bedürfnis zu reden, bis einer endlich den Mund öffnet. Und wäre er es nicht, so würde es ein andrer sein. – Es ist aber Wohltat, dass dergleichen zur Sprache komme und von allen Seiten beleuchtet werde, weil es noch Zeit ist. Geht die Tat vor dem Räsonnement her, so ist das Übel unendlich grösser. Luter hat die Reformation bewirkt; aber was für eine Reformation? Eine solche, die nicht ausbleiben konnte, wovon das Bedürfnis in allen christlichen Staaten gefühlt wurde. Ohne dies allgemeine Bedürfnis würde sein Toben und Wirken ohne Nutzen und ohne Schaden geblieben sein. Man würde ihn wie einen Schwärmer behandelt und seinen Reformationsplan, zugleich mit jenes französischen Abts Vorschlägen zu einem ewigen Frieden, belächelt haben.

Wollt ihr aber wissen, welche Schriftsteller das Volk zum Aufruhre reizen könnten? Solche Skribler, solche Schmeichler wie Hoffmann3 und seinesgleichen, die sind es, welche, indem sie gegen die gesunde Vernunft und den freien Untersuchungsgeist zu feld ziehen, jedem bessern mann, der noch gern geschwiegen hätte, den Mund öffnen. Sie missleiten und verblenden schwache Fürsten, die sonst im Begriffe sind, über