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Uebrigens kennest du meine Art zu denken. Es ist angenehm, sich zuweilen einer unschädlichen und vorübergehenden Schwärmerei der Phantasie oder des Herzens zu überlassen, so wie zuweilen eine kleine Trunkenheit angenehm und unschädlich ist: aber sein ganzes Leben durchzuschwärmen, und darüber zum blinden Werkzeuge fremder Absichten und Entwürfe zu werden, ist eine eben so undankbare als verächtliche Art von Existenz. Man gewinnt immer bei der Wahrheit, auch dann, wenn sie uns der schmeichelhaftesten Täuschungen beraubt. Der schlechte Erfolg, womit ich dir diese Philosophie vor sieben Jahren in der Villa Mamilia predigte, hätte mich billig abschrecken sollen, einen neuen Versuch zu machen: aber diessmal, Peregrin, hast du so wenig dadurch zu verlieren, dass ich dir die Augen öffne, und der Vorteil, hell in diesen Dingen zu sehen, ist dagegen so entschieden, dass ich weder deinem noch meinem Verstand ein grosses Compliment mache, wenn ich mir schmeichle, dich, noch ehe wir uns wieder trennen müssen, gänzlich zu meiner Vorstellungsart bekehrt zu haben.

Und nun fing sie an, sich in eine ausführliche Darstellung sowohl der Beschaffenheit und Lage, worin ihr Bruder die Angelegenheiten der Christianer gefunden habe, auszubreiten, als über den Plan, nach welchem er sie unvermerkt zu befestigen, empor zu bringen, und den grössten und edelsten Zweck, der jemals zum Besten der Menschheit gefasst worden, dadurch zu bewirken gesonnen sei. Sie wandte alle ihre Beredsamkeit an, mich von der Realität und Erreichbarkeit dieses Zweckes, und von der Unsträflichkeit und Unfehlbarkeit der Mittel, die er zu wirklicher Erreichung desselben zusammenspielen lasse, zu überführen. Die erhabnen Offenbarungen der unsichtbaren Welt, zum Beispiel, die du (sagte sie lächelnd) mit einer in der Tat allzu kindlichen Einfalt im buchstäblichen verstand genommen hast, scheinen mir weder mehr noch weniger als die unschuldigste Poesie: entweder bildliche Einkleidungen grosser Wahrheiten, um sie, die in ihrer reinsten Form den meisten Menschen unverständlich sein würden, anschaulich und eben dadurch geschickt zu machen auf das Gemüt dieser Menschen zu wirken; oder Versinnlichung edler Zwecke, welche, ohne dieses unschuldige Mittel, die eigennützige Trägheit sinnlicher Menschen kalt lassen würden, hingegen, sobald sie ihnen als Befriedigungen ihrer liebsten Wünsche gezeigt werden, ihre ganze Seele erhitzen und alle ihre Kräfte in Bewegung setzen. Ist nicht die natur selbst die erste und grösste Zaubrerin? Täuscht sie etwa nicht uns alle durch Phantasie und Leidenschaften? und sind, dieser Täuschung ungeachtet, Phantasie und Leidenschaften, von Vernunft geleitet, nicht unentbehrliche Springfedern des menschlichen Lebens? Mit welcher Billigkeit könnte man es also einem Gesetzgeber, einem Religionsstifter, einem von den grossen Heroen der Menschheit, die auf das Ganze wohltätig zu wirken geboren sind, verargen, wenn sie sich der Mittel, welche die natur selbst zu diesem Ende in uns gelegt hat, zu Beförderung des möglichsten und allgemeinsten Glücks der Menschen bedienen? Ich möchte nicht behaupten, dass Kerintus ein Wort mehr von der unsichtbaren Welt wisse, als ich, du, oder irgend ein anderer Erdensohn: aber wenn es höhere Wesen gibt, die sich damit beschäftigen den Menschen Gutes zu tun, so hätte wahrlich keines von ihnen einen edlern, göttlichern Gedanken in die Seele eines Sterblichen hauchen können, als die Befreiung der Menschheit von allen Arten der Tyrannei, der Vorurteile und der Leidenschaften, des Aberglaubens und des Despotismus, der Cäsarn und der Priester, welche der letzte Zweck der Teokratie des Kerintus ist. Was könnte die erhabnen Benennungen des Reichs des Lichts, des Reichs Gottes, verdienen, wenn eine solche Freiheit sie nicht verdiente? Und sogar die Einflüsse der Aeonen, und alle diese heiligen Mysterien der unsichtbaren Welt, womit Kerintus die Einbildung schwärmerischer Seelen bezaubert, sind sie etwa ohne Sinn und Bedeutung? Könnte, dürfte wohl jener grosse Zweck, eh' er wirklich erreicht ist, anders als durch unsichtbare Kräfte, als durch eine geheime Verbindung unsichtbarer Beweger verfolgt werden? Das Schwärmerische, Mystische und Wunderbare des Glaubenssystems und der religiösen Uebungen, welche Kerintus den mit ihm verbundenen Brüdern und Schwestern gegeben hat, ist um so unentbehrlicher, da sein wahrer Plan sowohl vor denen gegen welche, als vor denen, für welche er arbeitet, nicht geheim genug gehalten werden kann. Denn diese würden, wenn ihre Vorstellungen ganz geläutert würden, weder den Wert der ihnen zugedachten Güter zu schätzen wissen, noch begreifen können, dass der Weg, worauf sie geführt werden, der richtigste und sicherste ist; jene, welche den Glauben der Christianer für eine unschädliche Schwärmerei zu halten angefangen haben, würden die gewaltsamsten Mittel zu Ausrottung derselben anwenden, sobald sie wüssten, dass das Reich der Freiheit und Glückseligkeit, mit dessen Bau wir uns beschäftigen, nur auf den Trümmern des ihrigen errichtet werden könne.

Dioklea kannte mich so gut, dass sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn sie mir sowohl die verhasste Vorstellung, dass ich selbst betrogen worden sei, benehmen, als meine natürliche Abneigung, andere zu täuschen, überwinden, und mich überreden könnte, dass diese Täuschung nicht in der Sache selbst, sondern bloss in den Formen, oder vielmehr in den Hüllen liege, worin die Wahrheit sich zeigen müsse, um desto mehr Liebhaber anzulocken, und sich den Nachstellungen ihrer Feinde leichter zu entziehen. Die Scheinbarkeit ihrer Gründe, durch die Beredsamkeit ihrer Augen und den Reiz ihrer stimme und ihres ganzen Wesens verstärkt, überwältigte mich für den Augenblick: sie glaubte mich gewonnen zu haben, und genoss schon im voraus den Triumph, den ihr meine Bekehrung (