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doch ein Freistaat in eine Oligarchie aus und dann sei man schlimmer daran als unter der unumschränkten herrschaft eines einzigen. Wenn doch die guten Leute nur einen blick auf die Regierungsform in Hamburg werfen und sagen wollten, ob es möglich ist, bei der grössten Ordnung und strenger Aufrechterhaltung der gesetz freier, ungekränkter zu leben als dort! Und diese Verfassung hat nun unverändert, so manches Menschenalter hindurch, also fortgedauert. Man hört von keinen Klagen, von keinen Bedrückungen; man hat keine stolze Patrizierfamilien, die, wie in andern Reichsstädten, den Ton angeben, die kleinen Fürsten spielen und vor deren unmündigen Knaben der bessere Bürger sklavisch den Hut abzieht. Man würde in Hamburg kaum wissen, dass es einen Adel in Deutschland gibt, wenn nicht einige Menschen dieser Art dort wohnten, die auf ihre Kutschen allerlei bunte Bestien gemalt haben, wodurch sie ihre Abstammung beweisen. Man lässt diesen Leuten ihren Wert; sind sie übrigens verständige Menschen, so wird ihnen mit achtung begegnet, ohne dass man ihnen den elenden Vorzug einer adligen Geburt beneidet. Ich habe nie gehört, dass sich ein hamburgischer Bürger einen Adelsbrief gekauft hätteund dennoch bemerkt man einen feinen Ton in allen Gesellschaften; und dennoch gehen alle Geschäfte ihren ordentlichen gang; es herrscht keine Anarchie; die kleine Republik steht bei auswärtigen Mächten in hohem "Ansehen; Kaiser und Könige schicken ihre Gesandten, und sie bleibt ungekränkt von ihren eifersüchtigen Nachbarn. – Warum sollte es unmöglich sein, dass diese wohltätige Verfassung in allen deutschen Staaten nach und nach, wenigstens in den Reichsstädten, allgemein eingeführt würde?

Wir sahen des Abends die Bürgerwache aufziehen, die des Nachts, zu Bewachung der Stadt, die Lohnsoldaten ablöset. Mein junger Prinz erlaubte sich einige mutwillige Scherze über die Verschiedenheit der Kleidung und Bewaffnung dieser guten Leute; ich hielt es für Pflicht, ihm hierüber einen kleinen Wink zu geben. "Diese Menschen", sprach ich, "scheinen mir tausendmal ehrwürdiger als die bezahlten Krieger in den einförmigen Sklavenröcken mit ihren mechanischen Uhrwerksbewegungen. Jene bewachen ihr und ihrer Brüder Eigentum und ihre Rechte, und es ist ziemlich einerlei, in welchem Rocke sie das tun; es ist wahrlich ein närrisches Vorurteil, dass man denjenigen höher achtet, der ernährt und gekleidet wird, als denjenigen, welcher ihn ernährt und kleidet; allein ich begreife wohl, dass es zum Systeme des Despotismus gehört, da man nun einmal dieser künstlichen Werkzeuge so notwendig bedarf, einen hohen äussern Wert darauf zu legen, um, durch den Reiz der Ehre, freie Menschen anzulocken, sich für wenig Geld zu Unterjochung ihrer Brüder missbrauchen zu lassen. Der von Vorurteilen freie Mann nennt die Sache bei ihrem rechten Namen; er verlangt nicht umzustürzen, was auf einmal nicht zerstört werden kann, aber er will, dass man das notwendige Übel (wenn es denn wirklich notwendig ist) nicht höher schätze als das ursprüngliche Gute; dass man nicht hochmütig mit seinen Ketten prahle und nicht diejenigen höhne, die so glücklich sind, dieses traurigen Schmucks nicht zu bedürfen."

Ich merkte wohl, dass, ausser Soban (so hiess der Hofnarr) und mir, nur wenige von unsrer Gesellschaft Sinn für solche Wahrheiten hatten und dass die Hofschranzen mächtig die Nase rümpften; aber ich hielt es für Pflicht, so zu reden, und werde es immer für Pflicht halten. Man bekehrt die Despoten und ihre Kinder nicht, aber man erweckt doch ernstafte Gedanken in ihnen, dass sie sich vielleicht scheuen, noch weiter zu greifen, indem sie ahnden, es könne einmal dem ganzen volk einfallen, ihre Rechte und Pflichten ein wenig näher zu beleuchten. Erlangt man das, so hat man doch wahrhaftig schon viel gewonnen; es wird dann wenigstens nicht ärger, als es jetzt ist; und am Ende muss man doch auch dafür sorgen, dass gewisse natürliche Begriffe unter dem Haufen von konventionellen nicht gänzlich verlorengehen.

Ich habe oben gesagt, dass wenige von unserer Gesellschaft Sinn für kühne, unverstellte Wahrheit hatten. Ich muss doch aber hiervon den geheimen Sekretär des Kronprinzen ausnehmen, der Manim hiess, ein sehr verständiger Mann und richtiger Beobachter war. Er fing in Hamburg ein Tagebuch an, in welchem er alles aufzeichnen wollte, was ihm in Deutschland im Guten und Bösen merkwürdig vorkommen würde, und ich werde zuweilen etwas daraus anführen.

Dem Plane gemäss, den ich zu unsrer Reise entworfen hatte, wollten wir von Hamburg über Braunschweig und Berlin durch einen teil von Sachsen nach Frankfurt am Main, dann in den Rheingegenden umher, hierauf nach Bayern und Österreich reisen und zuletzt zurück bis Kassel, wo der Kronprinz in Kriegsdienste treten, und zwar, nach Peter des Grossen Beispiele, von unten auf dienen sollte. Da ich indessen Vollmacht hatte, diesen Plan nach Gutdünken zu verändern, so beschloss ich, die Reise zu teilen, gleich von Berlin aus nach Kassel zu gehen und dort den Prinzen in Tätigkeit zu bringen. Ich hatte oft gehört, welche klägliche Rolle zuweilen die Fürstensöhne spielen, wenn sie unmittelbar aus der väterlichen Residenz in die grosse Welt kommen und sich an fremden Höfen zeigen, welche lächerliche Prätensionen sie dann mit sich herumtragen und wie wenig Nutzen sie von ihren Reisen ziehen. Da ich doch gern einige Ehre mit meinem Prinzen einlegen wollte, so hielt ich es für besser, dass er erst im Dienste ein bisschen geschmeidig gemacht, mit verschiednen menschlichen Verhältnissen bekannt und an militärische Subordination gewöhnt würde. Wenn die Leser sich zu erinnern belieben, welche Schilderung ich im fünfzehnten Kapitel des