Du sollst mir das Teaterwesen auf andern Fuss bringen, so wie es in Deutschland ist, denn ich hoffe, da wird es ja besser sein.
ICH: Allergnädigster König! Ich bewundre in tiefster Demut Euer Majestät hohe Einsichten und werde diese gnädigsten Befehle zu meiner Richtschnur nehmen. Was aber unsern Geschmack in diesem Fache in Deutschland betrifft, so geht es, leider! dort ebenso damit wie hier und in allen übrigen Ländern. Der Trieb nach Neuheit jagt die Menschen ohne Unterlass weiter von dem gebahnten Wege ab, und nachher, wenn die Einbildungskraft erst an das Herumschwärmen gewöhnt ist, dann hält es schwer, sie wieder zurückzuführen. Auf einmal wird sich das auch hier wohl nicht tun lassen; allein ich denke, nach und nach wird man der Hirngespinste müde und sehnt sich wieder nach Einfalt und Wahrheit.
NEGUS: Nun, nun! wir wollen schon sehen, wie sich das Ding treiben lässt. Seitdem ich Buchdruckereien habe anlegen lassen, schreiben die abyssinischen Gelehrten ziemlich fleissig; noch ist zwar nicht viel kluges Zeug erschienen, aber ich denke, wenn sie erst ein wenig in Übung kommen, so soll es schon besser gehen. In Deutschland kommen wohl recht viel Bücher heraus?
ICH: Viel tausend jährlich.
NEGUS: Gott bewahre! Da sind wir noch weit zurück. Aber da können doch unmöglich in jedem buch neue Sachen stehen.
ICH: Nichts weniger! Einer schreibt den andern aus; was schon hunderttausendmal gesagt ist und täglich am Tische und auf der Gasse, im Wachen und Traume gesagt wird, das lässt man auf unzählige Art, anders eingekleidet, drucken.
NEGUS: Das halte ich aber wahrlich für den elendesten Zeitverlust, woran die Leichtigkeit, solches dummes Zeug durch Buchdruckereien in die Welt schicken zu können, schuld ist.
ICH: Ich halte es auch für Zeitverlust, aber was ist dagegen zu machen? Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht Leser finden sollte. Bei täglich wachsendem Luxus, Reichtume und Müssiggange steigt auch das Bedürfnis, sich die Zeit durch Lesen zu vertreiben. Eine Menge Leute, die weder Lust noch Geschicklichkeit haben, nützliche arbeiten im staat zu treiben, leben davon, dass sie Bücher machen. Das erste, was ihnen grade in den Kopf kommt, werfen sie auf das Papier. Am mehrsten Unfug wird mit den sogenannten schönen Wissenschaften getrieben; sie sollten der Gelehrsamkeit eigentlich nur das sein, was bei den Armeen die leichten Truppen sind. So wie man diesen wohl erlauben darf, auch zuweilen in Reihen und Gliedern zu fechten, sie aber, ohne von einem regulären Korps unterstützt zu werden, doch nichts ausrichten können, so sollten die soliden Wissenschaften auch die eigentliche Stärke der gelehrten Hauptarmee ausmachen. Nun aber bleibt es immer bei der Spiegelfechterei, und die literarischen Husaren verstehen nichts Gründliches vom Dienste. Weil sie nicht Lust haben, die Regeln zu lernen, die doch aus der natur geschöpft sind und ohne welche man des sichern Erfolgs nie gewiss ist, sich auch leicht zu weit verirrt, so stellen sie sich, als verachteten sie alle Regeln, als wären diese völlig überflüssig. Selbst gute Köpfe werden von diesem so bequemen Vorurteile angesteckt und leisten nicht, was sie leisten könnten. Es erscheint jetzt in Deutschland, unter dem Namen von Gedichten, Schauspielen und Romanen, ein solcher Wust von geschmacklosem Zeuge, dass wir uns dessen vor unsern Nachbarn schämen müssten, wenn es nicht, leider! in allen Ländern ebenso herginge. An fleissige Ausfeilung seiner Werke denkt niemand. In einer müssigen Stunde, oder wenn der Autor Geld bedarf, bei guter oder schlechter Laune, heiterm oder umwölktem kopf, ohne seinen Gegenstand im ganzen durchgedacht zu haben, schreibt er den Bogen voll und schickt ihn vor Abend in die Druckerei. Er muss auch eilen; denn eine Messe später, und die Form seiner Werke (worauf es mehr als auf den Inhalt ankömmt) und die Sprache, darin er schreibt, sind nicht mehr in der Mode. – Niemand würde das Buch lesen und entielte es auch eine Quintessenz von Weisheit. Da er, bei dieser Veränderlichkeit des Geschmacks, gewiss weiss, dass sein Buch spätstens nach zehn Jahren Makulatur sein wird, so spornt ihn kein Ringen nach Unsterblichkeit an; er sucht also bei seinen Lebzeiten noch einigen Vorteil von seinen Talenten zu ziehen, ein eitles Lob einzuernten, etwas Geld zu gewinnen. Dieser letzte Punkt hängt von der gefälligkeit des Verlegers ab, den er durch Nachgiebigkeit gegen den verderbten Modegeschmack, durch auffallende Titel, durch bizarre Einkleidungen und durch allerlei andre unwürdige Künste zu gewinnen, schadlos zu halten und gegen die Räubereien der Nachdrucker zu sichern suchen muss. Aus diesem allem erfolgt nun, dass der Geschmack an gründlichen Wissenschaften, die Lust, ernstafte Werke zu lesen und zu schreiben, immer geringer wird, dass das Publikum den Sinn für Wohlklang, Numerus, Würde und Eleganz im Ausdrucke, Sprachrichtigkeit und Ordnung in Gedanken und Einkleidung verliert; dass jeder schiefe Kopf oder Tagedieb, der keinen Trieb hat, etwas Gründliches zu lernen, keine Geduld, eine nützliche Hantierung im staat zu treiben, Schriftsteller wird; dass hierdurch der Stand eines Schriftstellers tief herabsinkt und mancher gute Kopf deswegen nicht schreibt, weil er sich schämt, mit jenen in eine Klasse geworfen und von einem unwissenden, undankbaren, verschrobnen Publikum beurteilt zu werden.
NEGUS: Ich erstaune; dein Vetter hat mir Wunderdinge von eurer Literatur erzählt; wenn ich wüsste, dass er mich zum Narren gehabt hätte, so