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auf fremde Märkte zu bringen, jedoch zu einem niedrigern Preise, abliefern und empfängt bares Geld dafür.

Die grössten und wichtigsten Magazine dieser Art haben wir an den vornehmsten Grenzörtern angelegt. Dort werden auch zu gewissen zeiten im Jahre grosse Märkte gehalten, wodurch wir zu bewirken hoffen, dass die Fremden die Kaufmannsgüter, deren sie bedürfen, dort abholen und dass nicht, unter dem Vorwande des Handels, müssige Ausländer in dem inneren unsers Reichs herumschleichen.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Wissenschaften und Künste

Wieviel Wissenschaften und Künste zur moralischen Bildung einer Nation, zu Beförderung wahrer menschlicher Geselligkeit, zu Erweckung wohlwollender Gesinnungen und überhaupt zu Gründung der bürgerlichen Glückseligkeit beitragen, davon liefert die geschichte aller Zeitalter die Beweise; und es kann keinem Zweifel unterworfen sein, ob es zu den Pflichten einer weisen und sorgsamen Regierung gehöre, Wissenschaften und Künste zu befördern und wahre Gelehrte zu unterstützen. Allein wir machen billigerweise, ohne einem einzigen Studium seinen Wert benehmen zu wollen, einen Unterschied unter den verschiednen gelehrten und andern Kenntnissen und Talenten. Wir halten diejenigen hauptsächlich unsrer Aufmerksamkeit und Unterstützung würdig, die einen unmittelbar vorteilhaften Einfluss auf das Wohl des staates und überhaupt der menschlichen Gesellschaft haben. An den Fortschritten der bloss spekulativen Wissenschaften hingegen und solcher Künste, die nur zur angenehmen Unterhaltung oder Beschäftigung der Phantasie dienen, nehmen wir weniger tätigen Anteil.

Es ist vorhin gesagt worden, dass wir den Stand eines Gelehrten nicht eigentlich für einen besonderen Stand im staat anerkennen, sondern dafür halten, dass der, welcher sich den Wissenschaften widmet, schuldig sei und auch Musse genug übrigbehalte, nebenbei seine Pflichten im geselligen und bürgerlichen Leben zu erfüllen und irgendein Geschäft zu treiben, das ihn in die Reihe der arbeitenden Mitbürger klassifiziert. Wenn indessen ein Mann von grossen Gaben, Fähigkeiten und Kenntnissen, durch seine Schriften oder durch Unterricht der Jugend, eine lange Reihe von Jahren hindurch vorteilhaft auf sein Zeitalter gewirkt oder eine Wissenschaft mit neuen Entdeckungen bereichert, darneben aber auch treulich seine Pflichten als Mitbürger erfüllt hat, so hält es die Regierung für gerecht, einem solchen ein ruhiges Alter zuzubereiten. Zu diesem Endzwecke sind in drei der grössten Städte des Reichs geräumige Häuser erbauet, die teils auf Kosten des staates, teils von den freiwilligen Beiträgen unterhalten werden, welche man an dem jährlichen zur allgemeinen Gottesverehrung bestimmten Tage unter allen Klassen des volkes einsammelt.

In diese Gebäude werden zuerst überhaupt alle Greise, die durch Alter und Schwachheit ausserstand gesetzt sind, ihr Gewerbe ferner zu treiben, nebst ihren Weibern aufgenommen. Doch wird ein grosser teil dieser Veteranen auch zu Aufsehern in den öffentlichen Arbeitshäusern, Fabriken und Manufakturen angestellt. Sodann nimmt man darin diejenigen auf, die im Kriege verstümmelt worden. (Die wirklich Kranken finden in den Hospitälern ihre Verpflegung.) Endlich werden jene Häuser, wie gesagt worden, von Gelehrten bewohnt, denen man in ihrem Alter, zum Preise ihrer Verdienste um das Menschengeschlecht, eine glückliche Musse verschaffen will. Sie werden an grossen Tafeln gespeiset, haben in den angrenzenden Gärten gelegenheit, frische Luft einzuatmen und sich eine gelinde Bewegung zu machen, und werden überhaupt, bei einem kleinen Jahrgelde, das sie erhalten, in wohnung, Kleidung und allem, was zu einem von Sorgen freien, angenehmen, doch philosophisch mässigen Leben gehört, so gepflegt, dass sie Zufriedenheit und Ruhe geniessen können. Hat einer von ihnen bares Vermögen, so muss er bei seinem Eintritte eine Summe, die sehr geringe angesetzt ist, welche aber zu erhöhen seiner Grossmut überlassen bleibt, zu dem Fonds dieser wohltätigen Anstalt zuschiessen.

Ein teil der Einkünfte dieser Häuser wird verwendet, Büchersammlungen, Naturalienkabinette, Maschinen, Modelle und dergleichen anzuschaffen.

Eine gewisse Anzahl junger Leute, die sich den Wissenschaften widmen, die Biblioteken und den Umgang erfahrner Männer nützen wollen und denen es ein Ernst ist, in ihrem Fache gross zu werden, erhalten die Erlaubnis, wenn sie Zeugnisse ihres bisherigen Fleisses beibringen können, gegen Erlegung eines gewissen Kostgeldes drei Jahre lang in diesen Häusern zu wohnen. Die Greise sind nicht verbunden, ihnen Unterricht zu geben; es müssen aber die Jünglinge, durch bescheidne Bitten und fragen, durch Proben von Lehrbegierde und durch edle Aufführung, zu erlangen suchen, dass ihnen die Wohltat eines guten Rats und einer belehrenden Zurechtweisung nicht versagt werde.

Es ist erwähnt worden, dass bei uns alle junge Leute bis in ihr funfzehntes Jahr in den öffentlichen schulen eine gleiche Art des Unterrichts geniessen, folglich alle gleich vorbereitet sind, neben dem Gewerbe, dem sie sich alsdann widmen, auch die gelehrte Laufbahn zu betreten. Zu Fortsetzung der Studien nun für diejenigen, welche sich den Wissenschaften ergeben wollen, ist das zweckmässigste Mittel, dass sie einen Gelehrten, zu dessen Kenntnissen, in dem Fache, das sie gewählt, sie das grösste Zutrauen haben, bewegen, sie als Schüler anzunehmen; denn wir haben keine Universitäten, und sowenig als wir Handwerkszünfte haben, sowenig gibt es bei uns Gelehrtenzünfte oder Fakultäten.

Die Ursache, weswegen wir keine Fakultäten haben können, ist sehr begreiflich. Die Teologie ist in Abyssinien keine positive, autorisierte Wissenschaft; die Rechtsgelehrsamkeit ist gleichfalls bei uns kein besondres Studium, da jeder Mitbürger verbunden ist, sich mit den sehr einfachen Landesgesetzen bekannt zu machen, wozu er schon in der Schule die erste Anweisung erhält. Eine philosophische Fakultät oder Zunft ist vollends eine Albernheit, da Philosophie auf freiem Nachdenken beruht und jeder verständige, nachdenkende Mann sich sein eigenes besondres philosophisches System, wie es für seinen Kopf und sein Herz passt, bauen wird. Matematische,