1778_Hippel_037_297.txt

, deine Zuhörer waren schon vor deiner Rede überzeugt; weit mehr ist's bedenklich, dass sich eine lebendige Seele über ein Buch, das ein Christ von der andern Welt geschrieben hatte, das Lebenslicht ausblies. War es Neugier? Die Neugier ist's, wenn ich nicht irre, von dieser Welt. Die Vernunft zeigt den Tod als was wünschenswürdiges, die Sinnlichkeit als einen König der Schrecken. Nicht die viel denken, sondern die viel tun, verpflichten sich mit dem Leben. Der Mensch lebt die meiste Zeit wie das liebe Vieh, und noch öfter stirbt er so. Warum? Die Vernunft ist dem Menschen gegeben, um Tod und Leben zu würzen und jedem von beiden seinen Jahreszeitgeschmack beizulegen; sie besitzt die einfachen Hausmittel, die uns im Leben und Sterben, wo nicht froh, so doch getrost zu sein lehren. Die Röte, so sehr sie einnimmt, was ist sie? Tod oder Leben? Wer, wenn er sein Urteil über das Leben abgeben soll, nicht hier und da eine schöne Stelle auswählt, sondern über das Ganze urteilt, ist weise. – Was ist aber alsdann das Leben? Wenn es köstlich gewesen ist's ein Lebensanfang. Der hat am schönsten gelebt, der am meisten gedacht, wie er leben wollte. Jener Weise, welcher behauptete, dass Tod und Leben eins und eben dass e l b e w ä r e n , war nicht in der Lage, da man ihm den Einwand machte: Warum stirbst du denn nicht auf der Stelle? Darum eben, erwiderte er, weil Leben und Sterben einerlei ist. – Es stirbt sich, wenn man's nur dazu anlegt, leichter, als es sich lebt. Lasst uns ehrlich sein; ist die Zahl unserer Freuden nicht auf augenblickliche Intervalle eingeschränkt? D e r r e c h t e n F r e u d e n , sag' ich. Dass wir so herzlich gern hoffen, beweist, dass an der grössten Lust nicht viel sein könne. Die Menschen wünschen sich ohne ende' und Ziel, weil der Wunsch ein Keim der Hoffnung ist. Schon der Mechanismus tröpfelt Tränen in den Wein unserer Freuden. Was ist der Mensch? Nackt kommen wir auf die Welt; seht, andere Tiere kommen eingekleidet und bedürfen des Schneiders nicht; wir Könige von Gottes Gnaden aber müssen die Tiere bestehlen, unsere Untertanen mit Abgaben bedrücken, um Notdürftigkeiten zu bestreiten, die schwer auf uns liegen. Vernunft, wozu braucht sie der Mensch? Dem Tiere das Fell über die Ohren zu ziehen und sich zu bedecken, sich selbst und andern das Leben abzugewinnen. Das Ziel der Vernunft ist, wenn sie einsieht, dass sie uns nicht glücklich mache, dass wir überall damit anstossen, wie ein junger Mensch, der in die grosse Welt eintritt. Je vernünftiger der Mensch ist, desto mehr zweifelt er. Die Kinderjahre sind die schönsten, weil wir mit der Vernunft in ihren Schranken bleiben. Gott, was ist der Mensch?

Diese Welt ist ein gefängnis, in das wir vielleicht wegen voriger Verbrechen verbannt sind, ein Exilium, ein wahres Sibirien. Der Tod hebt diese lebenswierige Festungsstrafe auf und lässt uns wieder auf freien Fuss. Freuden, wenn sie nahe sind, erschöpfen sie nicht mehr, als der Schmerz? Bei der Hektik kann man alt werden; ein dicker, vollblütiger Körper, wie schnell dahin! Krankheit und Schmerzen kommen unverdient, selbst wenn wir ihnen recht mühsam auszuweichen gesucht. Wer sein Leben lieb hat, verliert es; wer das Leben genossen hat, stirbt gern, das heisst: wer diess Leben kennt, kauft es nicht. Ist der Tod ein Uebel, ist er ein notwendiges Uebel? Ist es nicht eben so töricht, sich zu grämen, dass man nur zwei Augen und zehn Finger hat, als dass man sterben muss? Was nicht in unserer Gewalt ist, sollte diess uns wohl beunruhigen? Man kann es uns nicht leichter machen, als wenn uns gleich zu Anfang, ehe wir noch Hand ans Werk legen, gesagt wird: Das ist über euch.

Der Tod ist bitter? Vielleicht den Umstehenden, dem Sterbenden nicht. – Bist du denn schon gestorben, dass du die Bitterkeit des Todes auspunktirt hast? Ich habe es an Sterbenden gesehen, sagst du, ich habe es von Scheidenden gehört. Von fremden Leuten deinen Tod? Und war es der Tod, von dem sie dich unterrichten konnten? War es nicht das Leben, über das sie wehklagten? Man tut dem tod Unrecht, dass man ihn bitter beschreibt; wer hat die Ehre, ihn zu kennen? Ein Cholerischer will schnell fort, ein Phlegmatischer will absterben und nicht sterben; allein in allen Fällen hat nicht der Tod, sondern das Leben die Hektik, Schlagfluss, Krämpfe, Gichte, Beklemmungen. Der Tod hebt diese Uebel und schlägt diese Lebensfeinde in die Flucht. Der Held! Wenn dir keine böse Handlung in der Brust sticht, sei unbekümmert; warum willst du fürchten, was so und anders sein kann? Die Braminen sehen auf die Nase und weissagen. Wenn man lange auf einen Punkt sieht, ist es einem so, als sähe man nichts. Seht auf das Unrecht, das man euch in der Welt tut, auf den Acker, den euch der reiche Nachbar abgrenzte, auf eine B a t h s e b a , um die euch ein Wollüstling betrog, auf die