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: man denkt allemal an mich, wenn man sie sieht. kommt! wir wollen die Perser, Asien und Europa so lange herumprügeln, bis mich jeder kleine Junge für einen grossen Mann erkennt. Ausserdem giebts in Asien Gold und Silber die Menge; und bei mir zu haus ist mehr Sand als Gold: davon möchte' ich auch etwas, und wo es möglich wäre, alles. Ich kann es ohnehin nicht verdauen, dass der König von Persien sich den grossen König nennt, so viele Länder und Leute hat, und ich hier in dem engen Kerker so einsam sitzen soll. Die griechischen Republiken tun so gross auf ihre Freiheit und brüsten sich, dass man in Persien ihren Namen weis: sie müssen unter mich. Alles das kann ich mir und andern Leuten aber nicht so geradezu sagen: wir müssen also das Ding ein wenig übertünchen. Zu MIR will ich sagen: – das allgemeine Vorurteil hat es zu dem wahrsten Grundsatze gemacht, dass nichts so gross, so edel ist, so sehr Ruhm erwirbt, als Tapferkeit und Mut; der Krieg ist die Laufbahn grosser Seelen. Ich will sie betreten und Lorbern erndten, mein Haus und mein Vaterland bis zum Ende der Welt verherrlichen. Ich habe die gerechteste gelegenheit dazu: ich muss die Sache Griechenlands wider die Perser verteidigen, ich muss das Blut ihrer Vorväter an diesen stolzen Königen rächen. Ihr tapfern gefährten sollt für eure Begleitung Reichtum und Ehre gewinnen, die Ehre, tausende von euern Nebenmenschen umgebracht zu haben. Im grund sind wir freilich nichts als eine Bande Räuber, die sich mit einer andern Bande herumschmeissen, und ich ihr Anführer: aber im menschlichen Leben kommt alles aufs Wort und die Vorstellungsart an. Im grund ist unsre Grösse wohl auf den Untergang andrer gebaut, und ihr habt im grund nichts davon, als Gefahren, Schmerz, Strapatzen, Hunger, Wunden, Tod, ihr könntet zu haus wohl essen, trinken und ruhig schlafen, könntet euch mit eurer Arbeit nähren und nüzlich werden, euer Vaterland anbaun, glücklich sein und glücklich machen, ihr seid im grund recht herzliche Narren, wenn ihr um meinetwillen nur Einen gefährlichen Schritt tut, denn ihr habt wenig oder gar nichts davon: aber wer wird sich alles das sagen? ich will Euch und mir schon ein Blendwerk von Worten, eine Verbrämung vormachen, dass ihr Eure Köpfe nicht zu lieb haben sollt: man muss überhaupt nicht zu viel von der Sache sprechen, sonst möchte das Bischen natürliches Mitleid aufwachen; und so wäre es um die ganze Heldengrösse getan. Wohlan denn! schlagt zu und ersiegt die Lorbern der Unsterblichkeit! – Mit dieser Illusion zog er und seine Soldaten aus, und erhielt sich darinne, bis er sich zu tod trank. Guter Medardus! wenn du es zu einer solchen Illusion bringen, und die itzigen Macedonier in eine ähnliche versetzen könntest, so würdest du sie heute noch wider die Türken anführen. Die Illusion! das ist die ganze Kunst eines Alexanders; und wenn du nicht philosophische Gewissensbisse hinter drein leiden wolltest, so müsstest du dich in der Illusion bis an dein Ende erhalten: vermutlich trank und schwelgte Alexander deswegen, um nicht zur Vernunft zu kommen und das Kleine seiner Grösse zu fühlen. –

Elende Grösse, die einer solchen Stütze bedarf! rief Belphegor.

FR. Und doch ist sie zu allen zeiten die höchste gewesen, die traurige Grösse, an dem tod vieler Ursache gewesen zu sein! Wer eine Rechnung über den Abgang der Menschheit anstellen wollte, würde vielleicht unter hunderttausend Millionen achzig finden, die der Herrschsucht, dem Neide, dem Geize, dem Aberglauben von Menschen aufgeopfert worden sind, und zwanzig, die die natur selbst gewürgt hat. Gewiss, die natur muss die Menschen deswegen auf den Erdboden gesezt haben, dass sie sich in Rotten sammeln und einander von einem Flecke der Erde zur andern herumtreiben sollen

Unmöglich! rief Belphegor.

FR. Aber was haben sie bisher getan als dieses? – Die Tatarn drängen sich aus dem innersten Winkel Asiens hervor, diese verdrängen die sarmatischen Völker, die Sarmaten verdrängen die Deutschen, die Deutschen machen sich unter Galliern, Spaniern, den Einwohnern Italiens Plaz: die Mohren verdrängen Vandaler, Alanen, Sueven, Goten, die christen verdrängen die Mohren; Dänen verjagen die Britten, Angelsachsen die Dänen, Dänen die Angelsachsen, Normänner die Dänen; und wenn es auch oft nichts als eine Verwechselung des Regenten, nichts als eine Vermischung der Völker war, so musste doch beides mit Menschenblut bewerkstelligt werden. Was taten die Menschen anders als dass sie sich in Rotten sammelten und einander wechselsweise zu unterdrücken suchten? Was war es als Unterdrückungssucht, die den Dschengis-Khan durch beinahe ganz Asien herumjagte? Was brachte seine Tatarn nach der Eroberung von China auf die menschenfreundliche Beratschlagung, ob sie nicht lieber alle Einwohner tödten und das ganze Land in Weiden für ihre Bestien verwandeln sollten? Waren seine Kriege gleich weniger blutig, mochten sie gleich hinter drein einen zufälligen Nutzen wirken, so war doch dieser nicht seine Absicht, so sind sie doch ein Beweis von der Neigung der Menschen zum Unterdrücken. Was anders trieb den Kublai nach China? Was anders hezt die kleinen afrikanischen und ostindischen Könige ewig zusammen, sich beständig einander zum Herrn aufzudringen, obgleich keiner mehr zum Vorteile hat als den stolzen Gedanken, von einem Paar elenden Geschöpfen für ihren Obern erkannt zu werden? Was Huronen, Irokesen, Algonquinen, Plattköpfe und Kugelköpfe, sich ohne sonderliches Interesse,