1776_Wezel_104_104.txt

. – Im zweiten Gesichtspunkte ist die Welt eine künstlich ausgesonnene Maschine, wo Rad in Rad greift, der gang und die wirkung eines jeden nach einem Risse ausgerechnet und bestimmt ist, es sei nun, dass der Künstler durch unsichtbare Federn unaufhörlich bei jedem Rädchen mitwirkt, oder dass er nur einige dieses Einflusses würdigt, oder dass sein Werk nach seiner ersten bestimmten Anlage ohne fernere Beihülfe seinen angewiesnen gang vor sich fortgeht. Da nun jede wirkung auf die vorhergehende Ursache so gut passt, dass diese um jener willen dazusein scheint, so stellen wir uns vor, dass der Stein darum einem Menschen auf den Kopf fällt, weil er getödtet werden soll: die Einbildungskraft hat hierbei Raum die Menge zu ihrem Spiel; wenn der Stein einen Menschen trift, den wir nach unserm Urteile für böse halten, so nennen wir es Strafe: trift er einen guten, so nennen wir es Schikkung, oder wie es uns sonst beliebt. Aber allzeit ist es bloss unsre Erfindung, unsre Vorstellung, die wir nie zu einiger Evidenz erheben können. – Jeder Mensch wird durch Erziehung, Unterricht, natürliche Anlagen und Neigungen zu einer von diesen Vorstellungsarten hingerissen und gleichsam so gestellt, dass er den Zusammenhang der Welt in einem von jenen Gesichtspunkten sieht. Dich, Freund Medardus, leiteten die Umstände auf das System der Vorsehung, mich auf das andre. Wir wollen nicht über Namen und Vorstellungsarten streiten: darinne kommen wir alle überein, und diess sehen wir alle so evident, als unsre Augen uns von dem Dasein einer Sonne überzeugen, dass ein festgeketteter, notwendiger, unwidertreiblicher Zusammenhang in den begebenheiten der Erde und jedes Bewohners derselben vorhanden ist: wer diess läugnet, spielt mit Worten. Wer sich eine von den beiden Vorstellungsarten dieses Zusammenhangs wählt, wähle diejenige, die ihm nach seiner Lage Tätigkeit zur Handlung und Beruhigung in der Widerwärtigkeit mitteilt; und er hat wohl gewühlt: aber wessen Gewalt ist es überlassen, eine solche Wahl zu treffen? allmählich erzeugt sich aus seinen Kenntnissen, Schicksalen und Beobachtungen darüber ein gewisser lichter Schimmer der grösseren Wahrscheinlichkeit, der eine von jenen Meinungen in seinem kopf hervorstechender macht; und ich kann mir vorstellen, dass dieser Mann bei dem Fatum eben so viele Beruhigung findet, als ein andrer bei der Vorsehung. –

MEDARD. Unmöglich, Brüderchen! Das trockne, leere, geistlose Fatum verglichen mit einer lebenden, tätigen, wirksamen Vorsehungwelch ein Unterschied!

FROM. Ja, Freund, für die Einbildungskraft! die freilich ein freieres Feld für sich findet, wenn sie den Zusammenhang der Dinge personificiren und ihn mit allen Eigenschaften eines sorgsamen Vaters ausputzen kann. Ich tadle diess nicht: da die meisten Menschen bloss durch Einbildungskraft und Empfindung geleitet werden, so muss das System der Vorsehung für sie ein unendlich wohltätiges und vorzügliches System, und die Menschen desto glücklicher sein, je ausgebreiteter es wird: und doch besizt es nur der kleinste teil der Menschheit.

MEDARD. Ganz Europa besitzt es ja.

FROM. Dem Namen nach! Der grösste Haufen, Gelehrte und Ungelehrte, möchte ich behaupten, hat im mund und in der Imagination die Vorsehung und im verstand das Fatum: prüfe sie, und du wirst finden, dass die Vorsehung der meisten ein personificirtes, mit etlichen glänzenden Eigenschaften der Vorsehung ausgeschmücktes Fatum ist. Von Europa fällt also ein grosser teil wahre Anhänger dieses Systems hinweg; und welche Menge in den übrigen Weltteilen, die insgesammt bei der ersten einzig gewissen evidenten Beobachtung stehen geblieben sind, dem grund, von welchem alle unsre Erklärungen und Vorstellungsarten entstanden sind, und in welchen sie sich alle auflösen lassen, nämlich: dass ein festgeketteter unwidertreiblicher Zusammenhang in den begebenheiten der Welt ist. Frage den Neger, den Indianer, den Kalmukken! und wenn er seine dunkle Empfindung hiervon auszudrücken weis, so wird er dir diese idee geben; und doch, obgleich das Fatum der herrschende Glaube von mehr als der halben Menschheit ist, streitet der Türke mit der Kühnheit eines Löwen, und jedermann glaubt, er habe seinen Mut seinem Glauben an das unausweichbare Schicksal zu verdanken. Das System der Vorsehung scheint mehr die Stärke zum Dulden als zum Handeln zu geben; und, Freund, du wirst herrlichen Trost von ihm empfangen haben?

MEDARD. Herrlichen Trost? Wer weis wozu mir das gut ist? – so dachte ich bei dem fürchterlichsten Sturme des Unglücks, und ich konnte getrost hindurch gehen.

BELPH. glückliche Illusion! Wie wohl wäre mir gewesen, wenn sie mein Unmut nicht aus meiner Seele getrieben hätte: aber mein Unglück war zu ungestüm;

eine eiserne Seele hätte es kaum tragen können: und wenn ich gleich alle Fittige meiner Einbildungskraft ausgespannt hätte, um mich zu überreden, dass alles zu etwas gut sei, wie hätte ichs vermocht? – Wozu konnte es gut sein, dass die natur die Menschen so anlegte, dass sie in dem allgemeinen Handgemenge auch meinen Scheitel so oft verwundeten? Wozu konnte das gut sein? –

FROMAL fiel ihm ins Wort: Du hast erfahren, Belphegor, dass die Menschen nicht das sind, wofür wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben: keine friedlichen Geschöpfe, die vom Verlangen wohl zu tun glühn, die in Ruhe und Eintracht neben einander leben, sich über ihr wechselseitiges Glück freuen, und heiter, froh, zufrieden den muntern Tanz des Lebens dahinhüpfen: Du hast sie gefunden, wie ich dir verkündigteeine Heerde Raubtiere, die Eigennutz, Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet, die sich in