die unausgesetzte Geschäftigkeit der Gelehrten recht ehrwürdig. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Bücher in der Welt wären, als ich hier beisammen finde, noch weniger, dass jährlich einige hundert oder tausend hinzukommen."
Magister: Und darüber freuen Sie sich? Ich nicht. Sie kommen mir vor wie ein hungriger Ankömmling an einer reichbesetzten Tafel, der den grossen Vorrat von speisen sieht und schon überschlägt, wie gut er sich mit diesen herrlich aussehenden Nahrungsmitteln füttern wolle. Ich bin einer von den Gästen, die schon oft an dieser Tafel sassen und schon oft hungrig aufstanden. Einige speisen hatten einen sehr widrigen Hautgout, andere schmeckten angenehm, aber waren äusserst unverdaulich, andere waren nicht gar gekocht, andere verräuchert und andere blosse Schauessen. Endlich blieb ich zu haus, ass mein Stück Käse und Brot und verwünschte alle Köche.
Sebaldus: Aber ist es nicht ein herrliches Schauspiel, eine so grosse Menge gelehrter Werke zusammen zu sehen, wodurch doch, durch jedes in seiner Art, die Menschen klüger, gelehrter, weiser, tugendhafter, kurz, besser werden?
Magister: Ein Schauspiel wie manches andere, von dem uns die Einbildungskraft, ehe wir es sehen, die angenehmsten Vorstellungen macht. Wer wie Sie vom land, aus der Einsamkeit kommt, ist sehr geneigt, sich durch jeden ersten Glanz blenden zu lassen und alles für schöner anzusehen, als es ist. Mein lieber Freund, wenn die Gelehrten durch ihre Bücher sonst nichts zu erlangen suchten, als was Sie da sagen, so würden neun Zehnteile der Bücher nie geschrieben werden. Wie die Menschen klüger, weiser und besser werden sollen? Ich wette, daran haben vierzehn Fünfzehnteile der Schriftsteller, deren Werke die Messe zur Messe machen, gar nicht gedacht. Sie haben ganz andere Absichten zu erlangen und ganz andere Bedürfnisse zu befriedigen!
Sebaldus: Welche könnten die sein? Ein Gelehrter hat freilich viele Absichten und Bedürfnisse als Mensch mit anderen Menschen gemein. Was könnte er aber als Gelehrter für ein anderes Bedürfnis haben, als seinen Geist durch alle nützliche Kenntnisse aufzuklären, und, wenn er erleuchteter ist als andere, was folget natürlicher drauf als die Absicht, anderen seine Kenntnisse mitzuteilen, das heisst ein Schriftsteller zu werden?
Magister: Die Folge scheint so natürlich! Gleichwohl muss sie nicht notwendig sein, denn gewiss sehr viele Schriftsteller haben nicht untersucht, ob ihr Geist aufgeklärt genug sei, noch weniger, ob er aufgeklärter sei als der Geist anderer Leute, und gleichwohl sind sie Schriftsteller in bester Form und, wenn Zeitungslob und Eigenlob etwas gilt, grosse berühmte Schriftsteller. Hingegen haben wir beide, Sie, mein Freund, und ich, von Jugend auf gearbeitet, unsere Kenntnisse zu erweitern und vollkommner zu machen, und ich darf sagen, wir wissen auch, dass wir manche Sachen besser einsehen als manche andere Leute, und gleichwohl dürften wir beide vielleicht nie Schriftsteller werden.
Sebaldus: Ich weiss nicht, was Sie zu tun willens sind. Ich aber, ich muss es mit einiger Schüchternheit gestehen – ich arbeite schon seit vielen Jahren an einem Kommentare über die Apokalypse.
Magister: Über die Apokalypse? Da sind Sie bei mir mehr als jemand im Verdachte, dass nicht allein die von Ihnen vorher angeführten schönen Absichten, sondern einige kleine Nebenabsichten Sie zum Schriftsteller machen?
Sebaldus: Ich bin mir keiner Nebenabsichten bewusst. Welche könnte ich auch haben?
Magister: Ich weiss nicht. Vielleicht ein wenig Ruhmsucht. Sie wollen der Welt gern etwas Neues und Scharfsinniges sagen, denn etwas dem menschlichen Geschlechte Nützliches werden Sie doch schwerlich sagen können. Die Apokalypse ist eine dickschalige Zitrone, woraus so viele hundert Kommentatoren den wenigen Saft schon längst ausgepresst haben.
Sebaldus: Wenn sie keinen Saft in sich hat, so könnte sie doch vielleicht noch Öl entalten. Glauben Sie nicht, es würde dem menschlichen Geschlechte wichtig sein, wenn ich zeigte, dass alles, was man bisher über dies seit vielen Jahrhunderten vielen Menschen so wichtig scheinende Buch geschrieben hat, alberne Fratzen sind, voller Unsinn, auf Kosten des gesunden Menschenverstandes, der Religion und der geschichte gesagt? Wäre es nicht ein Verdienst, soviel Lügen um ihr Ansehen zu bringen, wenn ich auch nur wenig Wahrheit an die Stelle setzen könnte? Und gleichwohl, ohne ruhmredig zu sein, versichere ich, die erfüllten historischen Weissagungen aus der geschichte anzuzeigen und von einigen wenigen noch unerfüllten solche Mutmassungen an die Hand zu geben, die selbst Königen und Fürsten nicht gleichgültig sein dürften. Dennoch schätze ich diese meine historische Entdeckungen sehr gering gegen diejenigen, die etwas beitragen können, den moralischen Zustand des Menschen zu verbessern. Wie, wenn ich nun aus diesem buch von dem künftigen Zustande der Auserwählten die sichersten Schlüsse ziehen, wenn ich – hier funkelten dem ehrlichen Sebaldus die Augen – aus demselben die Lehre, die Sie wie ich verabscheuen, die Ewigkeit der Höllenstrafen, gänzlich widerlegen und deutlich zeigen könnte, wie in Gottes Haushaltung alle Bestrafung auf Besserung abzielen muss und wird – könnte dies dem menschlichen Geschlechte gleichgültig sein?
Magister: Mein Freund, Sie haben wirklich eine gute Anlage zum Schriftsteller. Sie kommen in Feuer, wenn Sie von Ihrem buch reden. Doch es scheint mir, indem Sie beweisen wollen, dass die Ruhmsucht nicht der Bewegungsgrund Ihres Schreibens ist, so rühmen Sie sich so sehr, als man sich rühmen kann.
Sebaldus: Den Ruhm, der aus einer wohlgelungenen Ausführung eines nützlichen Unternehmens entspringt, verachte ich gar nicht. Er ist jedem rechtschaffenen mann angenehm