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ersten Bande in einer kleinen Schrift: "Lettres sur divers sujets", par Me. d.l.F., à la Haye 1775, in Oktav. Eine vollständige französische Übersetzung, welcher eine Übersetzung des Gedichts "Wilhelmine" als des Grundes dieser geschichte vorgesetzt ist, daher sie vier Bände ausmacht, soll von einem französischen Prediger Herrn Wyss (oder Weiss) in der Schweiz sein. Sie ist unter dem Titel "Londres" in Lausanne zweimal, im Jahre 1774 und 1777, in Kleinoktav gedruckt. Die holländische Übersetzung kam zu Amsterdam in drei Bänden in Grossoktav heraus, wobei auch die Kupfer des Herrn D. Chodowiecki von C.F. Fritschius ziemlich gut nachgestochen sind. Der Übersetzer ist Herr van der Meersch, ein nunmehr verstorbener remonstrantischer Prediger in Amsterdam, der aber seinen Namen nicht nannte. Er hat einen launigen Vorbericht an den Nederlantschen Leezer vorgesetzt, worin er von der Schädlichkeit der Gottseligkeit handelt, "indem die Ketzer", wie er versichert, "durch ihr gottseliges Leben oft ihren unrechtsinnigen Meinungen Eingang schaffen, wogegen die Rechtsinnigen, welche sich mit der Gottseligkeit nicht aufhalten mögen, darüber in übeln Ruf kommen". Die dänische Übersetzung ist zu Kopenhagen in drei Bänden in den Jahren 1774 bis 1777 erschienen, die schwedische zu Stockholm im Jahre 1788. Die engländische Übersetzung erschien zu London in drei Bänden in Grossduodez in den Jahren 1796 und 1798. Auf dem Titel nennet sich als Übersetzer ein mir ganz unbekannter Herr Tomas Dutton A.M. Aus einem auf den Titel gesetzten Motto aus Voltaires "Philosophe ignorant" und aus einigen Winken in der Zueignungsschrift an den bekannten Lord Landsdowne möchte man fast schliessen, dass die Gravität einiger pfründebeladenen Geistlichen der hohen engländischen Kirche und die sanften Verfolgungen, welche die dortige Hierarchie bei aller Freiheit der Nation gegen die Dissenters sich erlaubt, gelegenheit zu dieser Übersetzung gegeben haben, welche einen Mann verrät, der beider Sprachen sehr kundig ist. Unter den mancherlei ernstaften Schicksalen, welche dieses Buch gehabt hat, ist auch noch ein lächerliches zu bemerken. Zufällig erfuhr ich, dass es einem gewissen Herrn Erdwin Julius Koch, der sich einen Doktor der Philosophie und Prediger an der Marienkirche nennt, im zweiten, im Jahre 1798 herausgekommenen teil seines Kompendiums der deutschen Literaturgeschichte gefallen hat, etwas zu sagen, das sowohl den Herrn Professor Eberhard in Halle als auch mich äusserst befremden muss. Es heisst nämlich Seite 281 daselbst von diesem buch: "Auch verdienen hier die von glaubwürdigen Gewährsmännern herrührenden mündlichen Sagen, von welchen eine Herrn Professor J.A. Eberhard zu Halle zum alleinigen Verfasser und die andere denselben nur zum vorzüglichsten Teilnehmer macht, einer nähern Untersuchung unterworfen zu werden." Der Ehrenmann hat diese Untersuchung nicht angestellt; es ist auch nicht recht abzusehen, wie sie angestellt werden könnte. Ebensogut wäre eine Untersuchung vorzuschlagen, ob nicht etwa sein Kompendium von einem Garkoch namens Erdwin Julius möchte sein zusammengetragen worden? Denn es könnte gar zu unwahrscheinlich scheinen, dass ein Doktor und Prediger, selbst wenn er zuweilen gedankenlos zu kompilieren gewohnt wäre, so wenig Beurteilungskraft und Menschensinn haben sollte, um durch eine läppische Erdichtung zwei lebende namhaft gemachte Schriftsteller zu beleidigen, wovon der eine seit sechsundzwanzig Jahren als der Verfasser eines buches allgemein bekannt ist und der andere weder Anteil daran hat noch haben will; und dies bloss auf die vorgegebene mündliche Sage namenloser Menschen, welche nicht glaubwürdige Gewährsmänner, sondern nur verächtliche Klätscher und Anekdotenmacher sein müssen.

Die dem dritten Bande angehängte "Nachricht" war in den vorigen Ausgaben dem zweiten Bande beigefügt. Weil ich nämlich den zweiten Band nicht geschwind genug auf den ersten folgen liess, so geriet jemand darauf, einen unechten zweiten teil herauszugeben. Auch kamen "Predigten des Herrn Magisters Sebaldus Notanker" heraus, aber gar nicht im Sinne des Mannes, dessen Bild mir vorschwebte, als ich dies Buch schrieb. Hierdurch ward diese "Nachricht" veranlasst, welche wegen der Einkleidung vielleicht jetzt noch einigen Wert hat.

Berlin, den 14. Jänner 1799

Fr. Nicolai

Vorrede zur ersten Ausgabe

Obgleich die leidigen Poeten, Komödien- und Romanenschreiber zu glauben pflegen, sie hätten das Leben ihres Helden weit genug beschrieben, wenn sie ihn bis zur Heirat bringen, so sind doch gründliche Gelehrte der Meinung, dass die begebenheiten nach der Hochzeit oft viel merkwürdigere Dinge entalten als die Liebesbegebenheiten vor derselben. Die Liebesbegebenheiten sind zwar für junge Herren und für junge Jungfern anmutiger zu lesen, aber gemeiniglich wird diese Anmut auf Kosten der Wahrheit verschafft; denn die verliebten Szenen werden nicht erzählt, so wie sie in der Welt vorgehen, sondern nach dem Bedürfnisse des Dichters, seine Geistesgaben zu zeigen und die Leidenschaften seiner Leser zu erregen. In dieser wahrhaftigen Lebensbeschreibung hingegen wollen wir nichts der Anmut oder des Wunderbaren wegen erdichten, sondern alles ganz einfältig melden, wie es vorgegangen ist. Dazu wird uns der Umstand nicht wenig beförderlich sein, dass wir das Leben unseres Dorfpastors erst nach seiner Heirat zu beschreiben anfangen dürfen, indem schon ein anderer Verfasser die Liebesbegebenheiten desselben vor der Heirat in dem bekannten prosaisch-komischen Gedichte "Wilhelmine" beschrieben hat.

Freilich ist dieser Verfasser ein Poet und daher nicht, wie es einem gründlichen Geschichtskundigen gebührt, beflissen gewesen, eine richtige Chronologie zu beobachten und seine Erzählungen von allen Erdichtungen rein zu erhalten. Es sind überdies manche Umstände sehr verdächtig; und er scheint nicht imstande zu sein, eine einzige seiner Erzählungen mit ungedruckten Urkunden zu belegen. Dass er gegen die Chronologie verstösst, ist offenbar