welcher mich zu sammeln Zeit vonnöten ist. Ich wollte du hättest mich in einem Irrtum gelassen, bei dem ich glücklich war. – Und doch! O mein Vater!' (er drückte sein schlagendes Herz an die Brust des Alten, indem er dies sagte) 'ich fühl es, mein Herz wird immer eben dasselbe bleiben. Ich wollte als Sohn des edlen Dschengis gehen, mein Leben für die Ruhe meines Vaterlandes zu wagen; könnt ich als Temors Sohn weniger tun? Temors Sohn, sagt ich! O du ehrwürdiger, bester alter Mann, lass mich deinen Sohn bleiben! Ich kann es ohne Undankbarkeit gegen denjenigen sein, dem ich das Leben zu danken habe. Niemand weiss von unserm Geheimnis als du; und wer würde dir glauben, wenn du es entdecken wolltest? Lass mich deinen Sohn bleiben! Dir hab ich es zu danken, dass ich mich fähig fühle eine Krone zu verachten! Du bist mein wahrer Vater; und ich will die Ehre verdienen, dein Sohn zu sein. Mein höchster Stolz geht nicht weiter.'
'Eine Krone verachten, Tifan?' rief Dschengis, indem er sich plötzlich aus seinen Armen los machte. 'Nein, Tifan, dies ist nicht der Weg, mich für das zu belohnen was ich für dich getan habe! Verachte die wollüstige Trägheit, den Müssiggang, die Üppigkeit, den Übermut, die Schwachheiten und die Laster, wovon die meisten, welche Kronen getragen haben, Sklaven gewesen sind! Sei des Trones wert, für welchen du geboren bist! Aber sage nicht, dass du den erhabensten Auftrag verachtest, womit der Himmel einen Sterblichen beehren kann!'
'O mein Vater!' erwiderte Tifan, indem eine edle Schamröte seine männlichen Wangen überzog: 'vergib den unbedachten Ausdruck eines Gefühls das du nicht missbilligen kannst! Du kennest meine Seele, die du selbst gebildet hast, die durch deine Einflüsse, durch dein Beispiel, die Tugend lieb gewonnen hat, und allem was schön und gross ist mit ausgespannten Flügeln entgegen eilt! Ich bin alles was du willst. Aber, mein Vater, wer anders als der weiseste und beste Mann im Reich verdient die Ehre an der Spitze der Nation zu stehen? Und wenn dies ist, wer verdient König zu sein, wofern es Dschengis nicht verdient?'
'Deine Liebe zu mir macht dich parteiisch', erwiderte der Alte: 'und überdies ist es nicht um die Ehre, der Erste zu sein, sondern um ein Amt zu tun, dessen Last jüngere Schultern erfordert als die meinigen. Meine Erfahrung kann dir nützen; aber das Feuer, die Tätigkeit, das Anhalten in der Arbeit, wozu dich deine Jugend fähig macht, könntest du mir nicht mitteilen.'
'Indessen bleibt noch eine grosse Schwierigkeit unaufgelöst', sagte Tifan. 'Wie willst du den Adel und das Volk von Scheschian überzeugen, dass ich Temors Sohn sei?'
'Ich?' antwortete Dschengis: 'das will ich nicht! Du selbst, Tifan, Du musst sie überzeugen. Du hast dein eigenes Urteil gesprochen! Die Nation weiss nichts von deinem Geburtsrecht, und es würde mir unmöglich sein, wenn ich es auch wollte, sie davon zu überzeugen. Eine freie Wahl muss den Würdigsten zum Trone rufen. Gehe, Tifan, hilf der Nation dies ihr grosses Recht gegen diejenigen behaupten, welche sich den Weg zum Tron auf den Trümmern der Freiheit bahnen, und mit Gewalt an sich reissen wollen, wozu sie kein Recht zu haben fühlen. Verdiene, von deinen Mitbürgern für den besten Mann der Nation erkannt zu werden – und wehe ihnen, wenn sie den misskennen, der, wofern mich nicht alles betrügt, sie glücklich machen wird, wenn sie ihr Glück in seine hände stellen!'"
"Danischmend", sagte Schach-Gebal – "ich fange an zu merken, dass du im Sinne hast, uns mit einem Romane zu beschenken. Bisher klang der grösste teil deiner Erzählung so ziemlich wie eine geschichte aus dieser Welt. Aber dieser Dschengis, dieser Tifan! Man erinnert sich nicht, solche Leute gekannt zu haben! Nicht als ob ich etwas dawider einzuwenden hätte, dass sie so gute Leute sind! Aber ich hasse alles, was einem Märchen ähnlich sieht, Danischmend!"
"Wenn Ihre Hoheit dies im Ernste meinen", versetzte der Philosoph, "so bin ich genötigt demütigst um meine Entlassung anzusuchen. Denn ich muss gestehen, je weiter wir in der geschichte Tifans kommen werden, desto weniger wird sie die Miene einer geschichte aus dieser Welt haben. Aber dem ungeachtet kann ich mir nicht aus dem kopf bringen, dass sie eine so wahre geschichte ist, als immer die geschichte von Azorn oder Isfandiarn. Tifan ist kein geschöpf der Phantasie; es liegt dem ganzen Menschengeschlechte daran, dass er keines sei. Entweder er ist schon gewesen, oder, wenn er (wie ich denke) nicht unter den jetzt Lebenden ist, wird er ganz gewiss künftig einmal sein."
"Immerhin", sagte der Sultan lächelnd: "wenn dein Tifan auch ein Traum wäre, so wollen wir wenigstens sehen, ob es sich vielleicht der Mühe verlohnet, ihn wahr zu machen." "Ich habe Ihrer Hoheit noch so viel davon zu sagen, was Tifan tat als er König war, dass ich wohl zu tun glaube, desto kürzer über das zu sein, was er tat um es zu werden."