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'Wie kann das Dasein eines Prinzen, dessen blosser Name alle Unruhen in Scheschian stillen würde, ein Geheimnis sein?'

'Jedermann glaubt' (war die Antwort des Alten), 'dass dieser Prinz, so wie die übrigen von Azors haus, ein Opfer der misstrauischen Grausamkeit des Tyrannen Isfandiar geworden sei. Aber man betrügt sich: er lebt; undwas dich noch mehr in Verwunderung setzen wird, mein Sohn! – ich bin der einzige, der um das Geheimnis seiner Erhaltung weiss.'

'O mein Vater', rief Tifan mit einer immer zunehmenden Unruhe, 'welch ein Geheimnis ist dies! Vielleicht ein unglückliches für Scheschian! Wie wenn dieser Prinz die Eigenschaften nicht hätte, die ein Fürst haben muss, der ein so sehr zerrüttetes, so tief herunter gebrachtes Reich wieder aufrichten, wieder aufs neue blühend machen soll? Wie wenn er ein zweiter Isfandiar, oder wenigstens ein zweiter Azor würde? Wär es in diesem Falle nicht PflichtPflicht gegen das Vaterland, gegen die Nachwelt, gegen lebende und ungeborne Millionen –, ein so gefährliches Geheimnis mit ewigem Stillschweigen zu bedecken?'

'Der junge Prinz hat eine sehr gute Anlage', erwiderte Dschengis, 'und sein Recht' –

'O mein Vater', fiel ihm Tifan ein, 'welches Recht kann heiliger sein, als das Recht einer ganzen Nation an Glückseligkeit? Welch ein fürchterlicher Gedanke, das Schicksal so vieler von der zweifelhaften Entscheidung des Charakters eines Einzigen abhangen zu lassen!'

'Aber die Nation muss einen König haben', erwiderte Dschengis: 'die Regierung vieler Köpfe taugt nichts in einem so weit grenzenden staat; und Scheschian in eine Menge kleiner Freistaaten zu zerstükken, und diese wieder durch einen so schwachen Faden als ein gemeinschaftliches Bündnis, in ein Ganzes zusammen binden zu wollen, wäre für die Ruhe und den Wohlstand der Nation gefährlicher, als alles was wir bei einem jungen Monarchen wagen können. Mir deucht, dieser Punkt wurde schon lange zwischen uns ausgemacht.'

'Gut', sagte Tifan: 'aber würde die Nation nicht besser tun, wenn sie durch eine freie Wahl die Regierung demjenigen auftrüge, zu dem sie das beste Vertrauen hätte, demjenigen, der sich eines solchen Vertrauens am würdigsten gezeigt hätte? Der junge Prinz weiss vielleicht nichts von seinem Rechte' –

'Er weiss nichts davon', sagte Dschengis

'Und der Nation ist, wie du sagtest, sogar sein Dasein unbekannt', fuhr Tifan fort. 'Es kann also nichts Böses daraus entstehen, wenn man sein Recht ihm selbst und dem volk unbekannt bleiben lässt. Mir deucht, dies wäre doch immer das Sicherste.'

'Aber', versetzte Dschengis, 'wenn mich nicht alles betrügt, so können wir uns selbst keinen bessern Fürsten geben, als diesen, den uns der Himmel gegeben hat. Er ist der edelmütigste, der liebenswürdigste, der tugendhafteste junge Prinz, den die Welt vielleicht jemals sehen wird.'

'Du sagst dies mit einem so zuversichtlichen Ton', erwiderte Tifan: 'wie war es möglich, dass du ihn so genau kennen lerntest?'

'Sehr möglich', antwortete Dschengis, 'da ich ihn selbst erzogen habe.'

'Du selbst?' rief Tifan mit einer Bestürzung, welche zeigte, dass seine Seele der Entwicklung des Geheimnisses aus innerlicher Ahnung entgegen sah.

'Ich selbst, Tifan, unter meinen Augen ist er aufgewachsen, und seit mehr als zwanzig Jahren bin ich nicht von seiner Seite gekommen. – Mit Einem Worte, Tifan, – Du bist dieser Prinz! Du bist der einzige übrig gebliebene Bruderssohn Azors, und der rechtmässige Erbe des scheschianischen Trones.'

'Du bist also nicht mein Vater?' sagte Tifan mit einem traurigen Tone der stimme, indem seine Augen sich mit Tränen erfüllten.

'Nein, bester Tifan', versetzte der alte Dschengis, indem er seine arme um seinen Hals warf und ihn etlichemal mit grosser Bewegung auf die Stirne küsste, auf welche eine seiner Tränen fiel. 'Du bist der Sohn meines Freundes. Dein Vater war eines Trones wert. Er hinterliess dich mir als ein kostbares Unterpfand; und teuerteuer, bester Tifan, aber nicht zu teuer, hab ich das Recht eines zweiten Vaters an dich erkauft; denn um dein Leben zu erhalten, gab ich dem Isfandiar meinen einzigen Sohn hin. Er glaubte, dich erwürgt zu haben, und ich entfloh mit dir in diese Freistätte. Unwissend was der Himmel über dich beschlossen haben könnte, erzog ich deine erste Jugend, als ob der Privatstand dein Los bleiben würde. 'Wer alles ist, was ein Mensch sein muss, wenn er diesen edlen Namen in seiner würdigsten Bedeutung führen soll, wird allezeit einen guten Fürsten abgeben', sprach ich zu mir selbst. Indessen sah ich wohl vorher, dass Isfandiars sinnlose Regierung, zu einer Zeit, wo die behutsame Staatswirtschaft kaum vermögend gewesen wäre das sinkende Reich zu erhalten, sich endlich mit dem Umsturz der gegenwärtigen Verfassung endigen würde. Meine Vermutungen sind in Erfüllung gegangen. Scheschian ist ohne Haupt; alles Elend und alle Greuel der Anarchie schlagen über dem unglücklichen land zusammen. Jetzt ist die Zeit da, wo die Tugend eines einzigen Mannes das Schicksal der ganzen Nation entscheiden kann. Frage dein Herz, Tifan, was sagt es dir in diesem Augenblicke?'

'Ich fühle eine Verwirrung in mir', erwiderte Tifan, 'aus