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diesem allgemeinen Gewimmel an einander stossen; desto mehr geht von der ursprünglichen Gestalt des Menschen verloren. Eine sehr kleine und von der übrigen Welt abgeschnittene Gesellschaft erhält sich ohne Mühe bei der angebornen Einfalt und Güte der natur. Hingegen ist es eine schlechterdings unmögliche Sache, dass etliche Millionen, welche zusammen in Einem staat von mässiger Grösse, oder etliche hunderttausend, welche in Eine Stadt zusammen gedrängt leben, einander nicht in ziemlich kurzer Zeit sehr verderben sollten, wofern der Gesetzgeber nicht ganz besondere sorge getragen hat, dem Übel des Zusammenstosses der Interessen, und dem noch grösseren Übel der sittlichen Ansteckung durch weise Einrichtungen zuvorzukommen.'

'Und wie könnte dies geschehen?' fragte Tifan.

'Durch eine sehr einfache Veranstaltung', antwortete Dschengis. 'Es geschieht, indem man verhindert, dass die Hauptstadt eines ganzen Reiches zu keiner übermässigen Grösse anwächst; indem man die Stände, deren Unterschied aus der natur der bürgerlichen Gesellschaft entspringt, wohl von einander absondert, und dafür sorget, dass jeder Ursache habe, mit dem seinigen zufrieden genug zu sein, um zu den höhern ohne Neid hinauf zu sehen; indem man allen Ursachen einer allzu grossen Ungleichheit zuvorzukommen oder doch zu wehren sucht; und, was das wichtigste ist, indem man die Vermehrung der Einwohner auf alle nur ersinnliche Weise zu befördern, hingegen Müssiggang, Üppigkeit und allzu grosse Verfeinerung des Geschmacks und der Lebensart eben so eifrig zu verhindern bemüht ist.'

'Aber' (wendete Tifan ein) 'wenn die Menschen desto mehr zur Verderbnis geneigt werden, je zahlreicher sie sind, wie kann die möglichste Bevölkerung des staates unter die Mittel gegen die Verderbnis gehören?'

'Nicht die Menge der Bürger an sich selbst' (erwiderte Dschengis), 'sondern die allzu grosse Verwicklung ihrer Interessen, der häufige und starke Zusammenstoss ihrer Forderungen, die verhältniswidrige Ungleichheit unter den Ständen sowohl, als unter den Gliedern des nämlichen Standes, und die übermässige Bevölkerung einer einzigen Hauptstadt und Provinz auf Unkosten der übrigensind die Ursachen dieser allzu grossen Gärung, welche den Staat zur Fäulnis geneigt macht. Ein zahlreicher Adel von mittelmässigem Vermögen ist einem grossen Reiche eben so nützlich, als ihm der unmässige Reichtum einiger wenigen und die Armut der meisten übrigen schädlich ist. Eben so zieht der Staat viel mehr Vorteile davon, wenn ein Vermögen von zehn Millionen unter hundert Handelsleute verteilt, als wenn es in den Händen eines einzigen ist; und eine Million arbeitsamer Leute, welche Mühe haben das Notwendige zu erwerben, sind dem gemeinen Wesen nützlicher als hunderttausend, welche im Überflusse leben. In einem grossen und von der natur reichlich begabten staat, wie Scheschian zum Beispiel ist, können, wenn er wohl organisiert ist, schwerlich zu viel Menschen sein. Alles kommt darauf an, sie gehörig zu verteilen, und durch Unterhaltung eines Kreislaufs, der jedem Teile seine erforderliche Nahrung zuführt, zu verhindern, dass kein teil auf Unkosten der übrigen zu einer verhältniswidrigen Grösse anschwelle.'

Unter tausend solchen Gesprächen, welche, so nützlich sie für den jungen Tifan waren, Seiner Hoheit nicht anders als lange Weile machen könnten" – "Weiss der Himmel!" rief der Sultan gähnend – "kamen Tifan und Dschengis in Scheschian an, wo nach dem Entwurfe des weisen Alten ihre Wanderungen sich endigen sollten. Die unglücklichen Folgen der tyrannischen Regierung Isfandiars hatten damals eben ihre höchste Stufe erreicht. Tifan, so viel Missbräuche, so viel Torheit, so viel Ungerechtigkeit er auch in andern Ländern gesehen hatte, konnte sich kaum aus der Bestürzung erholen, in welche ihn der elende Zustand von Scheschian setzte. Sein Begleiter versäumte nichts, ihm den ausführlichsten und vollständigsten Begriff davon zu verschaffen. Er führte ihn von Provinz zu Provinz; er zeigte ihm den gegenwärtigen Verfall; er machte ihm begreiflich, in welchem blühenden Zustande sich jede, nach Verhältnis ihrer natürlichen Beschaffenheit, Lage und Beziehung auf die übrigen, unter einer weisen Staatsverwaltung hätte befinden können; und entwickelte den Zusammenhang der Ursachen, welche dieses grosse Reich in allen seinen Teilen zu grund gerichtet hatten. Bei dieser gelegenheit erzählte er ihm die wichtigsten Veränderungen, welche es seit einigen Jahrhunderten erlitten hatte, schilderte den Geist der verschiedenen Regierungen, und zeichnete die wichtigsten Fehler aus, welche seit den zeiten der Königin Lili gemacht worden waren. Er zeigte ihm, wie leicht es gewesen wäre jedem Missbrauche zu rechter Zeit abzuhelfen; wie natürlich es zugehe, dass diese Missbräuche durch den Aufschub der schicklichsten Hülfsmittel endlich unverbesserlich werden; und wie unvermeidlich der Untergang auch des mächtigsten Staates sei, wenn der Luxus seinem eigenen Lauf überlassen, und den verderblichen Folgen desselben nicht eher, als bis sie die Eingeweide des staates angefressen haben, und auch alsdann nicht anders als durch hitzige Mittel und gewaltsame Operationen, begegnet werde."

Hier unterbrach Schach-Gebal die Erzählung durch einen Einwurf, der vermutlich auch auf der Zunge mancher Leser schwebt. "Alles dies", sagte er, "ist ganz gut; aber ich begreife doch nicht recht, wie der ehrliche Tifan, der von seiner Geburt und vermutlichen Bestimmung nichts wusste, alle diese politischen Untersuchungen interessant genug, und überhaupt wie er begreiflich finden konnte, dass Dschengis sich so viele Mühe gab, ihn aus einem Bauer zu einem Staatsmanne umzubilden."

"Ich gestehe", sagte Danischmend, "dass ich diesem Einwurfe hätte zuvorkommen sollen. Tifan zeigte von seiner ersten Jugend an ungewöhnliche Fähigkeiten. Eine glückliche Empfindlichkeit entwickelte frühzeitig alle Kräfte seiner Seele. Sein Verstand kam den Unterweisungen seines