ihrer Gliedmassen und den schrecklichsten Gestalten des Todes für ihn auszusetzen – der einzelne Mensch, der an zwanzig Millionen Menschen eine solche Forderung machen wollte, ohne sich schuldig zu halten, ihnen sehr grosse und mit
solchen Diensten in gehörigem Ebenmasse stehende
Gegendienste dafür zu leisten, – wäre ein Wahn
sinniger, und müsste seine Forderung an Leute ma
chen, die es noch mehr als er selbst wären, wenn er
Gehör finden sollte.
Diese und tausend andre Sätze, welche sich aus ihnen ableiten lassen, fand der junge Tifan gleichsam mit der eigenen Hand der natur in seine Seele geschrieben. Es waren eben so viele Gefühle, welche ihn der weise Dschengis in Grundsätze verwandeln lehrte, deren überzeugender Kraft seine Vernunft eben so wenig widerstehen konnte, als es in seiner Willkür stand, den Tag für Nacht, oder warm für kalt zu halten. Er fand keine Vorurteile in seinem Gemüte, welche der vollen wirkung dieser Wahrheiten entgegen gearbeitet hätten. Alles was ihn umgab, weit entfernt sie zu bestreiten und auszulöschen, erläuterte und bestätigte sie: und da sich Dschengis sorgfältig hütete, ihm die unselige und hassenswürdige Nachricht zu geben, dass der grösste teil der Menschen, durch eine beinahe unbegreifliche Verderbnis des Verstandes und Willens, von jeher so gehandelt und sich so habe behandeln lassen, als ob das Gegenteil aller dieser Wahrheiten wahr wäre, so gewöhnte sich seine Seele dergestalt an diese Art zu denken, dass ihm diejenige, welche damals an dem hof zu Scheschian herrschte, eben so widersinnig und ungeheuer vorgekommen wäre, als wenn ihm jemand hätte zumuten wollen, den Schnee für schwarz anzusehen, oder sich von der Mittagssonne in einem glühenden Ofen abzukühlen.
Er war schon achtzehn Jahre alt, eh er noch einen Begriff davon hatte, dass man anders denken könne, als die natur und Dschengis ihn denken lehrte; eh er wusste, was Mangel und Unterdrückung sei, oder sich die mindeste Vorstellung von einer erkünstelten und auf anderer Elend gebauten Glückseligkeit machen konnte. Dschengis hatte sein Gedächtnis mit einer Menge von Erzählungen, und mit Liedern und Sprüchen aus den besten Dichtern in Scheschian angefüllt: aber diese Erzählungen schilderten lauter unschuldige Sitten; diese Lieder waren lauter Ergiessungen eines unverdorbenen Herzens, diese Sprüche lauter gesetz der natur und der unverfälschten Vernunft; alles war des goldnen Alters würdig.
Der junge Prinz hatte nun die Jahre erreicht, wo die natur durch die Entwicklung des süssesten und mächtigsten aller unsrer Triebe gleichsam die letzte Hand an ihr Werk, an den Menschen legt, und indem sie ihn durch das nämliche Mittel zum Urheber seiner eigenen Glückseligkeit und der Erhaltung seiner Gattung macht, ihn auf die überzeugendste Weise belehrt, sie habe sein besonderes Glück mit dem allgemeinen Besten dergestalt verwebt, dass es unmöglich sei, eines von dem andern abzulösen ohne beide zu zerstören. Die Liebe, – dieser bewundernswürdige Instinkt, den die natur zur stärksten Triebfeder der besonderen und allgemeinen Glückseligkeit der Menschen bestimmt hat, – gesellt sich jetzt auf einmal gleich einem himmlischen Genius zu ihm, um ihn auf den Weg seiner irdischen Bestimmung zu leiten, und diesen Weg mit Rosen zu bestreuen. Durch sie erhält er die ehrwürdigen Namen eines Ehegemahls und Vaters. Sie konzentriert alle seine sympatetischen Neigungen in der Liebe zu einem weib, welches die Hälfte seines Selbsts wird, und zu Kindern, in denen er dies Selbst verjüngt und vervielfältiget sieht. Sie wird auf diese Weise die Stifterin der Familiengesellschaften, welche die Elemente der bürgerlichen sind, und von deren Beschaffenheit das Wohl eines Staates dergestalt abhängt, dass die Verblendung der Gesetzgeber, welche für dieses grosse Institut der natur weder so viel Ehrfurcht, als sie ihm schuldig waren, getragen, noch alle die Vorteile, die davon zu ziehen sind, daraus gezogen haben, unbegreiflich ist.
Der tugendhafte und weise Dschengis kannte und ehrte die natur. Mit Vergnügen sah er dem stufenweisen Fortgange der Neigung zu, welche die Schönheit und Unschuld einer jungen Schäferin, deren Eltern seine Nachbarn waren, dem jungen Prinzen eingeflösst hatte. Er besorgte nicht, dass sie seinem Pflegesohn im Wachstum in jeder Tugend und Vollkommenheit seines künftigen Berufs hinderlich sein würde; und der Gedanke, ihr deswegen Einhalt zu tun, weil Tifan ein Prinz und Tili die Tochter eines gemeinen Landmannes war, konnte ihm um so weniger einfallen, weil die Könige von Scheschian sich allezeit mit Töchtern ihrer Untertanen vermählt hatten. Tili war wirklich so liebenswürdig als es eine Tochter der natur sein kann. Eine besondere Sympatie, welche von ihrer Kindheit an sich zwischen ihnen geäussert hatte, schien der Beweis, dass sie bestimmt seien eines durch das andere glücklich zu sein. Dschengis unterliess nicht sich diese Stimmung seines Pflegesohns zu Nutze zu machen, um die Früchte der eben so einfachen als erhabenen Philosophie, womit er seine Seele bisher genähret hatte, zur Reife zu bringen. Er entwikkelte in freundschaftlichen Unterredungen die neuen Empfindungen des jungen Tifan; er zeigte ihm in denselben die stimme der natur, die ihn zur Erfüllung eines wichtigen Teils seiner Bestimmung rufe, und unterrichtete ihn in den ehrwürdigen und süssen Pflichten desselben. Tifan wurde Gemahl, ohne weniger Liebhaber zu sein; er wurde Vater, und in dem Augenblick, da er die ersten Früchte einer keuschen Liebe an seine Brust drückte, fühlte er, dass er, selbst in den Armen der schönen Tili, die süsseste Regung der natur noch nicht gekannt hatte.
Man hat längst bemerkt: der begeisterte Stand, in welchen eine schöne Seele durch die erste Liebe gesetzt wird, erhöhe sie in jeder Betrachtung weit über