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Trugschlüsse hatte er die ruchlose Sittenlehre und die tyrannische Staatskunst gebaut, wovon der Untergang seines Vaterlandes die Folge war. 'Die Religion', sagte man öffentlich an Isfandiars hof, 'ist eine nützliche Erfindung der ältesten Gesetzgeber, um unbändige Völker an ein ungewohntes Joch anzugewöhnen. Sie ist ein Zaum für das Volk; die Beherrscher desselben müssen den Zügel in ihrer Hand haben: aber den Zaum sich selbst anlegen zu lassen, wäre lächerlich.'

Wenn diese Sätze auch in gewisser Masse auf das, was man Staatsreligion nennt, anwendbar wären, so konnte doch nichts unbesonnener sein, als sie laut genug zu sagen, um von jedermann gehört zu werden. Wiewohl Eblis die Religion nur für ein politisches Mittel gegen die Unbändigkeit des Pöbels hielt, so hätte er doch einsehen sollen, dass die gute wirkung dieses Mittels lediglich von dem Glauben an seine Kraft abhängt; so wie die Amulette, womit die Braminen und Bonzen ihre Anhänger in Ostindien und Sina zu beschenken pflegen, nur durch die hartnäckige Zuversicht zu ihren geheimnisvollen Kräften einige wirkung tun können. Dem Volk öffentlich sagen dass man es nur betrüge, und erwarten dass es sich dem ungeachtet immerfort betrügen lassen werde, setzt eine Geringschätzung des gemeinen Menschenverstandes voraus, welche der Klugheit des witzigen Eblis wenig Ehre macht. Dieses Betragen musste nach der damaligen Lage der Sachen in Scheschian notwendig einen gedoppelten Schaden tun. Auf der einen Seite schlich die Verachtung der Religion von den Grossen und Gelehrten sich nach und nach bis zum Pöbel herab, welcher froh zu sein schien, dass seine Beherrscher töricht genug waren, den Damm, der ihnen noch einige Sicherheit gegen den Schwall der allgemeinen Verderbnis verschaffen konnte, selber zu durchstechen. Auf der andern Seite liessen die Bonzen von der blauen Partei, wie leicht zu erachten ist, diesen Anlass, ihre verfallenen Angelegenheiten wieder herzustellen, nicht unbenützt. Je näher die Gefahr andrang, welche dem scheschianischen Aberglauben den Untergang drohte, desto eifriger waren sie, kein Mittel unversucht zu lassen, das Volk aus seiner schlafsüchtigen Gleichgültigkeit aufzuwecken, und in das wilde Feuer einer fanatischen Andacht zu setzen. Unter den Händen einer weisen Regierung würde die Gleichgültigkeit der Scheschianer gegen den ungereimten Glauben ihrer Väter das Mittel geworden sein, eine grosse Verbesserung ohne gewaltsame Erschütterungen und auf eine beinahe unmerkliche Weise zu bewerkstelligen. Aber die Unbesonnenheit der anmasslichen Philosophen dieser Zeit, das alte Gebäude einzureissen, ohne ein anderes von festerem grund, bessern Materialien und edlerer Bauart auszuführen, liess, nicht nur diese glückliche gelegenheit entschlüpfen, sondern vermehrte noch die Übel, welche die unmittelbaren Früchte des Unglaubens sind, mit allen den unseligen Folgen des Fanatismus, der (wie uns die Jahrbücher der Menschheit belehren) allemal, wenn Gottlosigkeit und sittliche Verwilderung am höchsten gestiegen sind, seine verwüstende Fackel am heftigsten geschwungen, und oft ganze Weltteile das grausame Schicksal eines Landes, das von Feinden und Freunden zugleich verheeret wird, hat erfahren lassen.

Der Hof, dessen einzige Beschäftigung war, die allgemeinen Übel des staates in seinen besonderen Nutzen zu verwenden, unterliess nicht, alle Bewegungen der Blauen aufs schärfste zu beobachten, und fand desto leichter gelegenheit ihnen beizukommen, da sie, durch ihre schwärmerische Hitze verblendet, sich stark genug glaubten, ihre Gegner, die Feuerfarbnen, und den Hof der sie beschützte selbst, heraus zu fordern. Wiewohl sie, der Zahl nach, die kleinere Partei ausmachten, so schien ihnen doch der Reichtum ihrer vornehmsten Glieder eine desto gewissere Überlegenheit zu geben, da, ordentlicher Weise, der Reichste derjenige ist, der sich die meisten Anhänger zu verschaffen weiss. Aber eben diese Reichtümer waren das, was die Raubsucht Isfandiars und seiner Gehülfen reizte. Man beschloss sich derselben unter einem Vorwande zu bemächtigen, den man entstehen lassen konnte sobald man wollte. Man stellte sich als ob man über die Bewegungen der Blauen unruhig würde; man sprach viel von Gefahren, welche über dem Nakken des staates schweben sollten; man flüsterte von einer übel gesinnten Partei, von geheimen Anschlägen, von verdächtigen Zusammenkünften; und man endigte damit, dass es vonnöten sein werde, mit einiger Strenge gegen die Blauen zu verfahren. Man hielt mehr als man versprochen hatte, in Hoffnung, die Blauen würden sich nicht geduldig genug misshandeln lassen, um keine gelegenheit zu grösseren Misshandlungen zu geben; und man fand sich nicht betrogen. Kurz, man ruhete nicht, bis man sie zu einigen Bewegungen aufgereizt hatte, denen man den Namen von Aufruhr und Empörung geben konnte; und nun hatte Eblis seinen Zweck erreicht. Aber er und der unglückliche Isfandiar genossen diese Freude nicht lange. Die Blauen, angeflammt von einigen schwärmerischen Anführern, welche desto mehr zu gewinnen hofften je weniger sie zu verlieren hatten, empörten sich endlich im ganzen Ernste. Eine unendliche Menge von Missvergnügten aller Arten schlug sich zu ihrer Partei. Das Volk, welches schon lange mit Ungeduld auf ein öffentliches Zeichen zum Aufruhr gewartet hatte, rottete sich in verschiedenen Provinzen von Scheschian zusammen, riss allentalben die Bildsäulen Isfandiars nieder, plünderte seine Kassen, und ermordete alle, die es als Werkzeuge seiner tyrannischen Regierung verabscheute. Der Taumel, worin man am hof zu Scheschian zu leben gewohnt war, machte, dass man die ersten Ausbrüche eines Aufstandes, von welchem so leicht vorher zu sehen war dass er allgemein werden würde, mit Verachtung ansah; und Eblis glaubte einen grossen Streich gemacht zu haben, da er die Anführer einer zusammen gelaufnen Rotte, welche in der Hauptstadt selbst Unruh erregt hatte, mit Strafen belegen liess, bei