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Klasse von Beschwerden, wie schimärisch auch die erste Quelle derselben war, so vollkommen gemacht, dass die Scheschianer sich endlich zum zweiten Male in der unseligen Lage befanden, das Ende ihres Elendes nur von einer gewaltsamen Staatsveränderung zu erwarten."

Unter den Anmerkungen, womit der Sultan Gebal diese Erzählung etlichemal unterbrach, hat uns nur Eine wichtig genug geschienen, bemerkt zu werden. Er zweifelt nämlich, wie es möglich gewesen, dass eine Nation, die man uns (wenigstens von den zeiten des Sultans Ogulan) in einem Zustande von Aufklärung und Verfeinerung vorstellt, dumm genug habe sein können, sich zum Opfer eines so albernen antiquarischen Streites machen zu lassen?

Die Auflösung, welche Danischmend von diesem Problem gibt, verdient wenigstens gehört zu werden. "Es ist wirklich eine klägliche Sache", spricht er, "Geschöpfe unsrer Gattung ihres besten Vorzugs vor den übrigen Tieren auf eine so demütigende Art beraubt zu sehen. Und gleichwohl habe ich bisher von den Scheschianern nichts gesagt, was nicht, unter gewissen Voraussetzungen, so glaublich wäre als irgend eine andre natürlich Begebenheit. Diese Voraussetzungen sind zum Exempeldass kein gewöhnlicheres Phänomen in der Welt ist, als Leute mit Vernunft rasen zu sehen; oder auch, zu sehen, dass sie bei tausend Gelegenheiten vernünftig, und in einer einzigen Sache unsinnig sind; – dass man zu allen zeiten und auf allen Teilen dieses Erdenrundes sehr alberne Meinungen und sehr unsinnige Gebräuche im Schwange gesehen hat; – dass der Aberglaube, wenn er in zeiten der Unwissenheit und der rohen Einfalt sich des Gehirns eines Volkes bemächtiget und etliche Jahrhunderte Zeit gehabt hat sich fest zu setzen, durch eine stufenweise zunehmende Aufheiterung zwar geschwächt, aber schwerlich anders als nach Verfluss eines langen Zeitraums, und durch eine ununterbrochene Fortdauer der Ursachen welche seinen Untergang befördern, so gänzlich vernichtet werden kann, dass die Überbleibsel davon nicht zuweilen in Gärung geraten, und wunderliche, auch wohl bösartige Zufälle veranlassen sollten. Überdies", fährt er fort, "würde mir nichts leichter sein, als einen jeden teil meiner Erzählung durch historische Beispiele dessen, was unter den abgöttischen Völkern des Erdbodens, und zum teil unter den Moslemim selbst, vorgegangen ist, zu erläutern. Ich sehe nicht, warum die Scheschianer wegen ihrer Verehrung eines feuerfarbnen Affen mehr Vorwürfe verdienen sollten, als die weisen Ägypter wegen der Anbetung des Stiers Apis, und so vieler andrer Tiere, worunter auch Affen und Meerkatzen waren; und der Streit über die Frage, ob der grosse Affe blau oder feuerfarben sei, scheint mir jenen wohl wert zu sein, den die Stadt Oxyrynchus mit der Stadt Kynopolis, ihrer Nachbarin, über die Gotteit des Anubis und ich weiss nicht was für eines Meerfisches mit spitziger Schnauze, aus dem Geschlechte der Rochen, geführt haben soll, wenn wir einem der weisesten Männer des alten Gräciens glauben dürfen. Dieser fisch, welcher der Schutzgott der Oxyrynchiten war, wurde von den Kynopoliten als ein blosser fisch behandelt, und also ohne Bedenken gegessen. Die Einwohner von Oxyrynchus, die dies natürlicher Weise sehr übel nahmen, glaubten ihren Gott nicht besser rächen zu können, als indem sie an den Hunden, welche zu Kynopolis heilig waren und auf gemeiner Stadt Unkosten unterhalten wurden, das Wiedervergeltungsrecht ausübten. Es entstand darüber ein so blutiger Krieg zwischen diesen beiden ägyptischen Städten, dass die Römer sich endlich genötigt sahen, die Wütenden mit Gewalt aus einander zu reissen.31 Im übrigen lässt sich vermuten, dass der denkende teil der Nation, das ist (nach der billigsten Berechnung) unter tausend Einer, den ganzen Streit eben so ungereimt gefunden haben werde als wir. Hingegen ist nicht weniger zu glauben, dass die meisten von diesem tausendsten Teile sich darum nicht weniger für einen von beiden Affen interessierten. Es ist mit einem alten Aberglauben eben so wie mit andern alten und unvernünftigen Gewohnheiten beschaffen. Man sieht die Torheit davon ein, man lacht darüber, man beweist sich selbst mit vielen Gründen, dass es Missbräuche sind: aber gleichwohl beobachtet man sie nicht allein um der alten Gewohnheit willen; sondern man rechnet es noch demjenigen als ein Verbrechen an, der sich die Freiheit nehmen wollte davon abzugeben. Privatvorteile und Leidenschaften können wohl gar die Ursache sein, dass wir solche Missbräuche, bei der völligsten Überzeugung dass es Missbräuche sind, mit Eifer und Hitze verfechten. Man unterscheidet in solchen Fällen Teorie und Ausübung. Man behauptet einen nützlichen Missbrauch, und lacht bei sich selbst der Toren, welche betrogen zu werden verdienen, weil sie betrogen werden wollen."

Wir schliessen diesen Auszug mit den eigenen Worten des weisen Danischmend, und mit einer Betrachtung, die wir von Herzen unterschreiben. "Die Ränke und Kunstgriffe", spricht er, "welche von beiden Parteien angewandt wurden, einander zu schwächen und zu unterdrücken, – einander wechselsweise das Vertrauen des Königs und das Ruder des Staates aus den Händen zu winden, – oder sich dem hof furchtbar zu machen, und allen seinen Unternehmungen, unter dem Vorwande des gemeinen Besten, unübersteigliche Hindernisse in den Weg zu legen; – die Künste, welche gebraucht wurden, tausend streitende Privatvorteile mit dem Interesse der Parteien in einen wirklichen oder doch anscheinenden Zusammenhang zu bringen; – der schändliche Missbrauch, den man zu Beförderung aller dieser Absichten mit den ehrwürdigen Namen der Religion, des königlichen Ansehens und des allgemeinen Besten trieb; – die unzähligen Auftritte von Ungerechtigkeit, Betrug, Verräterei, Undankbarkeit, Raubsucht, Giftmischerei, usw. welche unter diesen ehrwürdigen Masken gespielt wurden: alles dies