das Gepäcke des Königs und seines Gefolges fortzuschaffen erfodert wurden; so tat dieser einzige Umstand den Gegenden, durch welche der Zug ging, einen beinahe eben so empfindlichen Schaden als ein feindlicher Überfall. Im übrigen vergassen die immer wachsamen Günstlinge des Sultans und seiner Gebieterin nicht, dafür zu sorgen, dass die königlichen Augen nirgends durch den Anblick des Mangels, der Nackteit und des Elends beleidiget werden möchten. Die Mirzas, durch deren Gebiete die Reise ging, stellten, um sich dem hof gefällig zu machen, lange zuvor Zurüstungen an, ihren Oberherrn auf eine glänzende Art zu empfangen, oder ihn im Vorübergehen mit dem Anblick ländlicher Feste und Szenen von Fröhlichkeit zu ergetzen, welche dem guten Fürsten die betrügliche Freude machten, die geringsten seiner Untertanen für glücklich zu halten."
"Bald fange ich an Mitleiden mit euerm Azor zu haben", sagte Schach-Gebal. "Ein König muss ein Gott sein, oder er muss betrogen werden, wenn alle seine Leute die Abrede mit einander genommen haben, ihn zu betrügen."
"Bei allem diesem", fuhr Nurmahal fort, "hatte Scheschian, im ganzen betrachtet, mehr als jemals das Ansehen eines in seiner vollen Blüte stehenden Reiches. Die natur hatte seine meisten Provinzen mit ihren reichsten Gaben überschüttet. Fleiss und Handlung belebte die grösseren Städte, und die Künste stiegen zum Gipfel der Vollkommenheit hinan. Alabanda trat nicht bloss in die Fussstapfen der schönen Lili; sie war zu stolz eine blosse Nachahmerin zu sein, sie wollte die Ehre haben zu erschaffen.
Da sie gewohnt war den Sultan auf die Jagd zu begleiten, so geschah es einsmals, dass sie sich mit ihm in eine von diesen wilden Gegenden verirrte, welche die natur so gänzlich verwahrloset hat, dass nichts als der magische Stab einer Fee mächtig genug scheint, sie zur Schönheit umzubilden. 'Welch eine Gegend', rief Alabanda mit einer Art von Entzücken aus, 'um einen Gedanken darin auszuführen, der die Regierung meines Sultans auf ewig glänzend und unnachahmlich machen würde! Welch eine Gegend, um sie zu einem Sitze der Liebesgötter, zu einem Inbegriff aller Bezauberungen der Sinne und der Einbildung umzuschaffen!' – Azor sah die Zaubrerin Alabanda mit Erstaunen an: aber er war selbst zu sehr ein Freund des Wunderbaren; und wenn er es auch weniger gewesen wäre, so liebte er die schöne Alabanda viel zu zärtlich, um ihre angenehmen Gedanken durch Einwürfe zu unterbrechen. Er überliess ihr also die Ausführung eines Einfalls, der an Ausschweifung vielleicht niemals seines gleichen gehabt hat. In wenigen Tagen war sie mit ihrem Entwurfe fertig, und jetzt wurden Millionen hände aufgeboten ihn auszuführen. Seit den zeiten der stolzen Könige von Ninive und Memphis hatte man kein ähnliches Werk unternehmen gesehen. Doch was waren die ägyptischen Pyramiden, oder die Mauern des alten Babylon gegen die Schöpfung der Göttin Alabanda? Gebirge wurden geebnet; unersteigliche Felsen hier gesprengt, dort zu Palästen, kleinen Tempeln, Grotten und reizenden Einsiedeleien, oder zu grossen stufenweise sich erhebenden Terrassen ausgehauen, und in Gärten, Alleen, Blumenstücke und Lustwäldchen verwandelt. Entlegene Flüsse wurden in diese aus dem Nichts hervorgehende Zauberwelt geleitet, und durch erstaunliche Wasserkünste gezwungen, die Gärten und Haine, welche Alabanda in die Luft gepflanzt hatte, mit springenden Brunnen und Wasserfällen, unter tausendfachen Gestalten und Verwandlungen, zu beleben. Mitten unter allen diesen mannigfaltigen Schöpfungen erhob sich ein wahrer Feenpalast; Marmor, Jaspis und Porphyr waren die geringsten Materien, woraus er zusammen gesetzt war; und alle Manufakturen von Indien, Sina und Japan wurden zu seiner Ausschmückung erschöpft. Die Gärten, die ihn umgaben, prangten mit den schönsten Gewächsen des ganzen Erdbodens, welche mit so guter Ordnung ausgeteilt waren, dass man mit jeder höhern Terrasse, die man bestieg, sich in ein anderes Klima versetzt glaubte. Die schönsten und seltensten Vögel aller Weltteile bewohnten diesen wundervollen Ort, den sie mit ihren mannigfaltigen Stimmen und mit natürlichen oder gelernten Gesängen belebten. Und in der Mitte einer unzähligen Menge kleiner Lustwälder, über welche dieses Zauberschloss herrschte, beherbergte ein künstlicher Ozean alle Arten von Wassergeschöpfen; ein grosser See, dessen über Marmor rollende Wellen man oft mit einer Flotte von kleinen vergoldeten Schiffen bedeckt sah, welche an Zierlichkeit und schimmernder Ausschmückung dasjenige zurück liessen, worin Kleopatra den Herrn der einen Hälfte der Welt zum ersten Male bezauberte. Die Beschreibung, welche Alabanda von den Wundern dieses nach ihrem Namen genannten Ortes verfertigen liess, machte etliche grosse Bände aus, und die billigste Berechnung alles dessen, was diese Wunder gekostet hatten, überstieg zweimal die jährlichen Einkünfte des ganzen scheschianischen Reiches; welches in der Tat eine ungeheure Summe war. Unzählige Fremde wurden durch die Neugier herbei gezogen, sie zu sehen; aber der Vorteil, den das Land von ihnen zog, war nur ein geringer Ersatz des vielfältigen Schadens, den es durch die Ausschweifungen der schönen Alabanda erlitten hatte. Eine unendliche Menge von Landleuten war dem Feldbau entrissen worden, um als Tagelöhner an der Beschleunigung eines Werkes zu arbeiten, welches ihr ungeduldiger Stolz unter ihren Blicken wachsen sehen wollte. Etliche Provinzen befanden sich dadurch in Unordnung und Mangel versetzt; der Preis der Lebensmittel stieg übermässig; der öffentliche Schatz war erschöpft, die Einnahme des folgenden Jahres beträchtlich vermindert, und das Reich mit einer ungeheuern Schuld beladen, wovon der grösste teil fremde Länder bereicherte; weil der ekle Geschmack der launenhaften Alabanda nichts Einheimisches schön genug fand, ungeachtet alle Künste in Scheschian blüheten.
Zum Unglück für die Nation war diese Favoritin kaum