1772_Wieland_107_38.txt

leicht gemacht wurde.

Gleich zu Anfang des vorerwähnten Krieges hatte sich der Günstling der Sultanin-Mutter, in dessen Händen damals die höchste Gewalt lag, genötiget gesehen, die Anführung der Kriegsheere einem erfahrnen Feldherrn zu übergeben, der zu alt war, um bei dem neuen hof in Ansehen zu stehen. Seine Figur, seine Manieren, sein Ton, seine Art sich zu kleiden, und sein Charakter hatten schon lange aufgehört nach der Mode zu sein: aber seine Talente, seine Liebe zum vaterland und seine Erfahrung waren Eigenschaften, deren Wert allgemein anerkannt zu werden pflegt, sobald die Zeit kommt, wo man ihrer vonnöten hat. Die dringende Gefahr entschuldigte den Minister, dass er von einem Grundgesetze des Hofes abgehen, und einen so wichtigen Posten einem mann auftragen musste, der aus einer andern Welt war, und nichts alspersönliche Verdienste hatte.

Die guten Anstalten, welche der alte Feldherr machte, und die beträchtlichen Vorteile, die er in kurzer Zeit über die Feinde erhielt, liessen einen glücklichen Fortgang des Feldzuges hoffen. Aber kaum hatte sich Alabanda des Königs und der Regierung bemächtiget, so wurde der alte Mann, unter dem Vorwande dass er nicht Feuer genug habe, zurück berufen, und ein sehr artiger junger Herr an seine Stelle geschickt, welcher unstreitig der beste Tänzer am ganzen hof war. Er hatte sich durch dieses Talent, und durch die Gabe kleine satirische Verschen über die Damen zu verfertigen, denen die stolze Alabanda nicht erlauben wollte liebenswürdig zu sein, bei der Favoritin in achtung gesetzt; und weil seine Finanzen sich damals in der niedrigsten Ebbe befanden, so hatte er sich den Posten eines Oberfeldherrn, als ein Mittel wieder zu Kasse zu kommen, von ihr ausgebeten. Die Feinde gewannen mehr dabei, als wenn sie drei Siege über den alten General erhalten hätten. Der Unwille des Adels, der Armee und des Volkes über die unleidlichen Fehler, die dieser eben so unwissende als eigensinnige und raubgierige Heerführer beging, stieg endlich zu einem so hohen Grade, dass sich Alabanda genötigt sah, den Tänzer zurück zu berufen; welcher, nachdem er einige Millionen gewonnen, und dem Reiche für zehnmal so viel Schaden zugezogen, so hoffärtig und mit solchem Geräusche nach hof zurück kam, als ob er die herrlichsten Taten verrichtet hätte. Auch empfing er die Krone von Pfauenschwänzen, ein Ehrenzeichen, welches die Grossen des Reichs von den niedrigern Klassen des Adels unterschied, aus der eigenen Hand seines Königs, und tanzte bei dem ersten grossen Ball, der bei gelegenheit eines von seinem Nachfolger erhaltenen Sieges dem hof gegeben wurde, mit so ausserordentlichem Beifalle, dass es nur auf ihn ankam, so viel Herzen zu erobern als er wollte oder behaupten konnte.

Die Vorteile, die der neue Feldherr über den Feind erhielt, versprachen einen glänzenden Ausgang der Sachen. Aber die Ehre des schönen Tänzers, der durch die Krone von Pfauenschwänzen, und die Beute die er den Scheschianern abgenommen hatte, eine wichtige person im Reiche geworden war, machte es notwendig, einem so gefährlichen Nachfolger in zeiten Einhalt zu tun. Weil der König jetzt durch sich selbst regierte, so fand man, es schicke sich schlechterdings nicht, dass der Feldherr irgend einen Schritt von Wichtigkeit ohne ausdrücklichen Befehl vom hof sollte unternehmen dürfen. Er erhielt also, auf seine Anfrage, den Befehl zu einem Treffen gerade zu der Zeit, da die gelegenheit es mit Vorteil zu liefern vorüber war; er musste sich ostwärts ziehen, wenn die gegenwärtige Lage ihn westwärts rief, oder einen Posten verlassen, da die Umstände unumgänglich erfoderten ihn zu besetzen. Ausser diesem wusste man ihm so viele andre Hindernisse in den Weg zu legen, dass der Heldenmut eines Alexanders darüber hätte ermüden mögen. Bald fehlte es ihm an Truppen, bald an Geld, bald an Proviant, bald an Kriegsvorrat, bald an allem. Gleichwohl überwand er alle diese Schwierigkeiten durch die Hülfsmittel, die er in seinem Genie und in seiner Ruhmbegierde fand, und er war im Begriffe, durch einen entscheidenden Streich den Krieg auf die rühmlichste Weise zu Ende zu bringen, als er die Nachricht erhieltdass der Friede geschlossen sei.

Wenn die Bedingungen dieses Friedens dem König Azor wenig Ehre brachten, so musste man doch gestehen, dass sie seinen Ministern desto vorteilhafter waren; denn jede Bedingung wurde ihnen mit hunderttausend Unzen Silbers bezahlt. Scheschian verlor zwar dadurch eine seiner besten Provinzen; aber die schöne Alabanda gewann einen diamantnen Gürtel, der eine kleine Provinz wert war. Azor hatte den Vorteil, mit der Geographie seines Reichs so wenig bekannt zu sein, dass er nichts verloren zu haben glaubte. Man versicherte ihn, die Provinz, die er abtrat, koste mehr zu erhalten als sie wert sei; und alle Hofbonzen und Hofpoeten wurden dazu gedungen, die uneigennützige Grossmut des Königs und sein väterliches Mitleiden mit seinem volk in die Wette zu preisen, und zu einer Heldentugend zu erheben, welche die Taten der grössten Eroberer verfinstre."

"Nach diesen Proben von eurem guten König Azor zu urteilen", sprach der Sultan, "ist das gelindeste was man von ihm sagen kann, dass er zu einem sehr schwachen Herzen einen noch schwächern Kopf gehabt haben müsse. Ich meines Orts gestehe, dass ein Fürst, der seinen Namen zu den Übeltaten seiner Lieblinge herleiht, ein verächtliches geschöpf in meinen Augen ist; und ich sehe gar nicht, warum man ihm die Ehre erweisen soll, ihn gut zu nennen, wenn seine Völker bei aller seiner Güte