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Reu beflecktes Leben.

Niemals möge unter euch, ihr Kinder der natur, das Ungeheuer geboren werden, das eine Freude darin findet, andre leiden zu sehen, oder unfähig ist sich ihrer Freude zu erfreuen! Nein, ein so unnatürliches Missgeschöpf kann nicht zum Vorschein kommen, wo Unschuld und Liebe sich vereinigen, den Geist der Wonne über alles was atmet auszugiessen. Freuet euch, meine Kinder, eures Daseins, eurer Menschheit; geniesset, so viel möglich, jeden Augenblick eures Lebens: aber vergesset nie, dass ohne Mässigung auch die natürlichsten Begierden zu Quellen des Schmerzes, durch Übermass die reineste Wollust zu einem Gifte wird, das den Keim eures künftigen Vergnügens zernaget. Mässigung und freiwillige Entaltung ist das sicherste Verwahrungsmittel gegen Überdruss und Erschlaffung. Mässigung ist Weisheit, und nur dem Weisen ist es gegönnt, den Becher der reinen Wollust, den die natur jedem Sterblichen voll einschenkt, bis auf den letzten Tropfen auszuschlürfen. Der Weise versagt sich zuweilen ein gegenwärtiges Vergnügen, nicht weil er ein Feind der Freude ist, oder aus alberner Furcht vor irgend einem gehässigen Dämon, der darüber zürnte wenn sich die Menschen freuen; sondern, um durch seine Entaltung sich auf die Zukunft zu einem desto vollkommnern Genusse des Vergnügens aufzusparen.11

Höret mich, ihr Kinder der natur! Höret ihr unveränderliches Gesetz! Ohne Arbeit ist keine Gesundheit der Seele noch des Leibes, ohne diese keine Glückseligkeit möglich. Die natur will, dass ihr die Mittel zur Erhaltung und Versüssung eures Daseins als Früchte einer mässigen Arbeit aus ihrem Schosse ziehen sollet. Nichts als eine nach dem Grade eurer Kräfte abgemessene Arbeit wird euch die notwendige Bedingung alles Vergnügens, die Gesundheit, erhalten.

Ein kranker oder kränkelnder Mensch ist in jeder Betrachtung ein unglückliches geschöpf. Alle Kräfte seines Wesens leiden dadurch; ihr natürliches Verhältnis und Gleichgewicht wird gestört, ihre Lebhaftigkeit geschwächt, ihre Richtung verändert. Seine Sinne stellen ihm verfälschte Abdrücke der Gegenstände dar; das Licht seines Geistes wird trübe; und sein Urteil von dem Werte der Dinge verhält sich zum Urteil eines Gesunden, wie Sonnenschein zum düstern Schein der sterbenden Lampe in einer Totengruft.

Von dem Augenblick an, – und o! möchte dann, wann er kommt, die Sonne auf ewig für euch verlöschen! – von dem Augenblick an, da Unmässigkeit oder erkünstelte Wollüste die Samen schleichender und schmerzvoller Krankheiten in euern Adern verbreitet haben werden, verlieren die gesetz des Psammis ihre Kraft euch glücklich zu machen. Dann werfet sie in die Flammen, ihr Unglückseligen! denn die Göttinnen der Freude werden sich in Furien für euch verwandeln. Dann kehret eilends in eine Welt zurück, wo ihr ungestraft euer Dasein verwünschen könnet, und wenigstens den armseligen Trost geniesset, überall Mitgenossen euers Elends zu sehen.

Suchet niemals, meine Kinder, einen höhern Grad von Kenntnis als ich euch mitgeteilt habe. Ihr wisst genug, wenn ihr gelernt habt, glücklich zu sein.

Gewöhnet euer Auge an die Schönheit der natur; und aus ihren mannigfaltig schönen Formen, ihren reichen Zusammensetzungen, ihrer reizenden Farbengebung füllet eure Phantasie mit Ideen des Schönen an. Bemühet euch, allen Werken eurer hände und eures Geistes den Stempel der natur, Einfalt und ungezwungene Zierlichkeit, einzudrücken. Alles was euch in euern Wohnungen umgibt, stelle euch ihre Schönheiten vor, und erinnere euch dass ihr ihre Kinder seid!

Alle andere Werke der natur scheinen nur spielende Versuche und Vorübungen, wodurch sie sich zur Bildung ihres Meisterstücks, des Menschen, vorbereitet. In ihm allein scheint sie alles, was sie diesseits des himmels vermag, vereiniget, an ihm allein mit Wärme und verliebt in ihr eigenes Werk gearbeitet zu haben. Aber sie hat es in unserer Gewalt gelassen, es zu vollenden, oder zu verderben. Warum tat sie das? Ich weiss nichts davon; aber nach dem was Sie getan hat, müssen wir das bestimmen, was Wir zu tun haben. Jede harmonische Bewegung unsers Körpers, jede sanfte Empfindung der Freude, der Liebe, der zärtlichen Sympatie verschönert uns; jede allzu heftige oder unordentliche Bewegung, jede ungestüme leidenschaft, jede neidische und übeltätige Gesinnung verzerrt unsre Gesichtszüge, vergiftet unsern blick, würdiget die schöne menschliche Gestalt zur sichtbaren Ähnlichkeit mit irgend einer Art von Vieh herab. So lange Güte des Herzens und Fröhlichkeit die Seele eurer Bewegungen bleiben, werdet ihr die schönsten unter den Menschenkindern sein.

Das Ohr ist, nach dem Auge, der vollkommenste unsrer Sinne. Gewöhnet es an kunstlose, aber seelenvolle Melodien, aus welchen schöne Gefühle atmen, die das Herz in sanfte Bebungen setzen, oder die einschlummernde Seele in süsse Träume wiegen. Freude, Liebe, und Unschuld stimmen den Menschen in Harmonie mit sich selbst, mit allen guten Menschen, mit der ganzen natur. So lang euch diese beseelen, wird jede eurer Bewegungen, der gewöhnliche Ton eurer stimme, eure Sprache selbst wird Musik sein.

Psammis hat euch neue Quellen angenehmer Empfindungen mitgeteilt: durch ihn geniesset ihr, von der täglichen Arbeit ermüdet, einer wollüstigen Ruhe; durch ihn ergetzen liebliche Früchte, in diesen fremden Boden verpflanzt, euern Gaumen; durch ihn begeistert euch der Wein, zu höherer Fröhlichkeit, zu offenherzigem Geschwätze und geistreichem Scherz, ohne welche dem geselligen Gastmahle seine beste Würze fehlt. In der Liebe, die ihr nur unter der niedrigen Gestalt des Bedürfnisses kanntet, hat er euch die Seele des Lebens, die Quelle der schönsten Begeisterung und der reinsten Wollust des Herzens bekannt gemacht. O meine Kinder! welche Lust, welches angenehme Gefühl sollt