1772_Wieland_107_130.txt

In dieser Rücksicht glaubte man von den zehen Millionen Unzen Silbers, die der König aus seinen unabhängigen Domänen zog, keinen nützlichern Gebrauch machen zu können, als dass man sie zu Hebung der Skrupel verwendete, welche sich natürlicher Weise beim Antrag einer so wesentlichen Verschlimmerung der beschwornen Staatsverfassung in dem zarten Gewissen derjenigen erheben mussten, deren erste Pflicht die Erhaltung dieser Verfassung war. In der Tat hätten beide Stände eines höhern Grades von Uneigennützigkeit, als man von gewöhnlichen Menschen erwarten darf, vonnöten gehabt, wenn sie eine so günstige gelegenheit hätten versäumen sollendie einen, ihre durch den letzten Krieg und durch die Nachahmung der Kunst- und Prachtliebe des jungen Königs erschöpften Finanzen wieder herzustellen –, die andern, welche sich seit Tifans zeiten mit sehr spärlich zugemessnen Einkünften behelfen mussten, die ihrigen zu verbessern und ihren Wünschen so viel möglich gleich zu machen. Man trat also in aller Stille mit den vornehmsten Gliedern des Ausschusses der Reichsstände in geheime Unterhandlungen; die Herren machten ihre Bedingungen; man wurde des Handels eins. Aber, was der Hof als den ersten Präliminarpunkt zugestehen musste, war: Dass es, um die Nation nicht zu sehr zu erschrecken, schlechterdings nötig sei, die alte Form der Verfassung beizubehalten, und sich vor der Hand an der unbegrenzten Bereitwilligkeit der Stände, dem König alles was er verlangen würde zu bewilligen, um so mehr zu begnügen, da die zugleich stillschweigend erteilte Freiheit, den Staat mit so viel Schulden zu belasten, als die väterliche sorge Seiner Hoheit für den möglichsten Flor desselben bei gelegenheit etwa für nötig erachten möchte, die zu Dero gnädigstem Befehl stehenden Summen nach Gutbefinden duplieren und triplieren konnte.

Die edlen und ehrwürdigen Patrioten, mit welchen dieser geheime Traktat geschlossen wurde, nahmen es auf sich, ihre übrigen Kollegen, unter den zugestandenen Bedingungen, auf ihre Seite zu bringen, und fanden weniger Widerstand als sie sich selbst vorgestellt hatten: so viel hatten bereits seit Tifans zeiten die Sitten an ihrer Einfalt und die gesetz an ihrer Energie verloren!

Akbar berief nun die Stände, um, wie er sagte, über die gegenwärtige Lage und Bedürfnisse des Vaterlandes sich mit ihnen zu beraten. Der Friede, hiess es in der königlichen Rede vom Trone, habe zwar, zu grosser Freude Seines väterlichen Herzens, alle Quellen des gemeinen Wohlstandes wieder reichlicher als jemals fliessen gemacht: aber die gänzliche Ausheilung aller Wunden, die ein beinahe zwanzigjähriger Krieg dem staat geschlagen habe, und sowohl die Sicherstellung desselben gegen seine natürlichen Feinde, die nur durch eine entschiedene Überlegenheit von neuen Unternehmungen abgeschreckt werden könnten, als die Erhaltung der so teuer errungenen Früchte des Sieges, machten mehr als gewöhnliche, wiewohl die Kräfte der Nation nicht übersteigende Anstrengungen vonnöten; zu welchen Seine Hoheit Ihre getreuen Stände um so bereitwilliger zu finden hofften, da Sie es ihrer Weisheit gänzlich überliessen, für die nötige Vermehrung der Staatseinkünfte durch solche Mittel und Wege zu sorgen, die den Untertanen, besonders der ehrwürdigen Klasse der Landleute, die wenigste Beschwerde verursachen würden.

Die Stände blieben Seiner Hoheit in ihrer Antwort nichts schuldig: denn wiewohl der Geist der zeiten Tifans von Scheschian gewichen war, so hatte man doch die Sprache derselben beibehalten; und der Kanzleistil jener Zeit blieb immer eben derselbe, auch nachdem es so weit gekommen war, dass man durch die wechselseitigen Komplimente, die der König dem volk, und die Repräsentanten des Volkes dem Könige machten, des öffentlichen Elendes nur zu spotten schien. Seine getreuen Stände fühlten sich unvermögend, sagten sie, einem so huldreichen und so unermüdet für das Glück Seiner Völker arbeitenden Monarchen den ganzen Umfang des Vertrauens und der anhänglichkeit, wovon sie durchdrungen wären, zu beweisen. Was könnten sie, um nicht gar zu weit hinter ihrer Pflicht zurück zu bleiben, weniger tun, als den Beschluss fassen, Sein Vermögen Gutes zu tun Seiner grenzenlosen Tätigkeit gleich zu machen? – Diesem zu Folge übertrugen sie ihm volle Machtgewalt, über die Verwendung des öffentlichen Schatzes eben so unbeschränkt zu gebieten als über seine eigene Kasse; und um den grossmütigsten der Fürsten in den Stand zu setzen, seinen wohltätigen Wünschen einen desto freiern Spielraum zu geben, ordneten sie verschiedene neue Abgaben an, wovon man zwar seit mehr als hundert Jahren in Scheschian nichts gewusst hatte, die sich aber um so leichter rechtfertigen liessen, da das Reich durch die natürlichen Folgen der Tifanischen Einrichtungen sich augenscheinlich auf einer Stufe von allgemeinem Wohlstand befand, der eine namhafte Vermehrung der Staatseinkünfte ohne merkliche Bedrückung des Volkes möglich und zulässig zu machen schien. Dagegen bewies aber auch Sultan Akbar seine Dankbarkeit für das in ihn gesetzte Vertrauen durch die schönstenVersprechungen: und als eine tätige probe seines guten Willens gab er sogleich zwei gesetz, wovon das eine den Adel, zu einiger Entschädigung für die grossen Opfer, die er dem Staat in dem Katayschen Kriege gebracht hatte, auf eine unbestimmte Zeit von allen Abgaben befreite; das andere den Verdiensten des Priestertums, durch verhältnismässige Erhöhung des Einkommens der verschiedenen Priesterklassen und Stiftung einer Anzahl neuer reich begabter Tempel und Ordenshäuser, gebührende Gerechtigkeit widerfahren liess."

"Vortrefflich!" rief Schach-Gebal: "das konnte ich mir voraus vorstellen, dass die Herren die Baulust meines guten Bruders Akbar nicht unbenutzt lassen würden. Aber das Volk, auf dessen Unkosten dieser ganze schöne Handel abgeschlossen wurde, was sagte das dazu?"

"Sire", erwiderte Danischmend, "das Volk ist, wie Ihre Hoheit wissen, ein gar launiges, grillenhaftes Tier: zur einen Zeit duldet es die auffallendsten