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arbeiten, sei kein genugsames Verdienst um den Staat; und es sei widersinnig, mit einer niedrigen Seele an den Ruhm und die Rechte edler Voreltern Anspruch machen, und unerträglich, wenn ein verdienstloser Mensch, bloss um eines von ungefähr ihm zugefallnen adelichen Namens willen, auf die nützlichen und an innerlichem Wert edlen Glieder des staates verächtlich herab zu sehen sich berechtigt hält. Um den Adel von Scheschian vor einer so schimpflichen Ausartung zu verwahren, um ihn wirklich zu dem was er sein sollte zu bilden, ordnete Tifan für die adeliche Jugend seines Reichs eine öffentliche Erziehung an, bei welcher die Mittel, die zu ihrer Vervollkommnung angewandt wurden, den ganzen Umfang seines grossen Zweckes umfassten. Nicht Sklaven, aber zuverlässige Stützen des Trons, weise Vorsteher der Nation, mutige Verteidiger ihrer Ruhe und standhafte Vertreter ihrer Rechte, voll edlen Gefühls ihrer Unabhängigkeit gegen alle Anmassungen einer willkürlichen Gewalt, aber gehorsam gegen die gesetz; unfähig eine Unwahrheit zu sagen oder eine Niederträchtigkeit zu tun, grossmütig und bescheiden in Verwendung ihres Vermögens, aber Verächter des Reichtums der ein Sold der Knechtschaft und des geschmeidigen Lasters ist, und stolz auf eine Armut, welche durch den Schatten, den sie auf die Tugend wirft, den Glanz derselben mehr erhebt als verdunkelt; Beförderer aller nützlichen Künste, aber vorzüglich geborne Beschützer des Ackerbaues, dem sie ihre eigene Unabhängigkeit zu danken haben; mit Einem Worte, Vorbilder der übrigen Stände in jeder Tugend des geselligen und bürgerlichen Lebens, und geschickt, die Vorzüge ihres Standes, wofern sie ihnen nicht angeerbt gewesen wären, durch persönliche Verdienste zu erwerben: – dies sollten die edlen von Scheschian sein, und dies wurden sie durch Tifans weise Veranstaltung. Die schulen, in welchen sie erzogen wurden, standen unter der unmittelbaren Aufsicht des Königs und der Reichsstände. Die geschicktesten Akademisten wurden zu ihren Lehrern und Aufsehern bestellt. Nichts was den Körper, den Geist und das Herz vervollkommnen kann, wurde in ihrer Erziehung verabsäumt. Sie fing sich mit dem fünften Jahre des Alters an, und endigte sich erst mit dem einundzwanzigsten. Kein Sohn eines scheschianischen edlen war einiger Beförderung fähig, der diese öffentliche Erziehung nicht genossen hatte. In den fünf letzten Jahren derselben mussten dem Könige von Zeit zu Zeit die Beobachtungen der Aufseher über die Fähigkeiten und Sitten ihrer Untergebenen, und Proben ihres Fleisses eingeschickt werden. Alle Jahre wurden diejenigen, deren Zubereitungszeit verflossen war, dem Könige vorgestellt. Er behielt die vorzüglichsten an seinem hof, und die übrigen wurden, jeder in seiner Provinz, stufenweise zu den Geschäften und Ehrenstellen, die ihrem stand zukamen, befördert."

"Itimadulet", sagte Schach-Gebal, "was mir an den Erziehungsanstalten deines Tifan am besten gefällt, ist die Anordnung dieser mit wirklichen Proben belegten Berichte über die Talente und Sitten der jungen Leute von den höhern Klassen. Auf diese Weise blieb ihm kein guter Kopf, kein vorzüglicher Charakter in seinem ganzen Reiche unbekannt. Er war nicht in dem Falle, worin wir andern uns zu befinden pflegen, seine Leute aus einem Glückstopfe ziehen zu müssen, wie du neulich sagtest. Sein Staat glich einer künstlichen Maschine, von deren wirkung der Meister gewiss ist, weil er weiss, dass er seine Federn, Hebel, Räder, Schrauben und wie alle die Dinge heissen, jedes an seinen Platz gestellt hat. Ich denke, Freund Danischmend, diese Kunst sollte sich ihm ablernen lassendenn wir wollen uns nicht zu weise dünken, von einem solchen Meister zu lernen."

"Unstreitig", erwiderte der neue Itimadulet, "sind unter seinen Verordnungen und Anstalten manche, wovon sich auch in den Staaten des Sultans meines Herren guter Gebrauch machen liesse; zum Beispiel" (setzte er mit einer halb ironischen Miene hinzu) "die vortreffliche Art, wie er Scheschian von dem schädlichen Ungeziefer, den Ya-faou" –

"Aber bei allem dem", fiel Gebal plötzlich ein, "muss diese treffliche Kunstmaschine, deren Lob ich so eben aus vollem Herzen anstimmte, irgend einen verborgenen Kapitalfehler gehabt haben, dass sie, wie du schon mehr als Einmal etwas voreilig zu verstehen gegeben hast, in so kurzer Zeit ins Stocken geriet, und endlich gar so gänzlich zu grund ging, dass weder Tifan noch sein Reich unsern Universalhistorikern auch nur dem Namen nach bekannt ist."

"In der Tat", versetzte Danischmend, "war es, wie Ihre Hoheit sagen, etwas voreilig von mir" –

"Hat nichts zu bedeuten, Herr Danischmend! Im Gegenteil, du hast mir einen Gefallen getan, mich auf diesen Punkt aufmerksam zu machen. Ich glaube nun deinen Tifan und seine Gesetzgebung mit seiner ganzen Art zu regieren so gut zu kennen alsmeine eignen Angelegenheiten." –

"Das mag wohl sein!" dachte Danischmend, mit einem Seufzer, den er noch zu rechter Zeit in einen kleinen Husten verwandelte.

– "Seine Staatseinrichtung, wie gesagt, ist ein Meisterwerk", fuhr der Sultan fort: "aber, ohne mir selbst ein Kompliment zu machen, ich hatte eine Art von Ahndung, dass sie von keiner langen Dauer sein könnte. Indessen muss es doch die Mühe verlohnen, von dir zu hören wie es damit zuging; und dies ist, unter uns gesagt, das einzige, was mich an deiner geschichte von Scheschian noch interessieren kann. Richte dich also darauf ein, Itimadulet, wenn ich dich wieder rufen lasse, meine Neugier hierüber zu befriedigen."

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"Es ist