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den Namen königlicher Anstalten im eigentlichen verstand. Nichts, was zu ihrer Vollkommenheit gehörte, war dabei gespart. Die dazu gewidmeten Häuser waren weitläufige wohl eingeteilte Gebäude, von gesunder Lage, mit Gärten und Spaziergängen versehen. Jedes derselben hatte seinen eigenen Arzt, der zugleich der oberste Aufseher der ganzen Anstalt, und ein Mann von geprüftem Werte war. Die Nahrung der Kinder war gesund, zureichend, und wohl zubereitet; ihre Kleidung einfach aber zierlich; und für ihre Gesundheit und Reinlichkeit wurde, wiewohl sie nur die Kinder von Tagelöhnern und armen Leuten waren, eben so viele sorge getragen, als ob sie von dem besten Adel in Scheschian gewesen wären; 'denn Reinlichkeit', sagte der weise Tifan, 'ist eine notwendige Bedingung der Gesundheit, und ohne Gesundheit ist ein Mensch sich selbst und der Welt zu nichts gut.'

Mir deucht, Tifan zeigte sich in allem diesem als ein wahrer Vater seines Volkes; und den Fürsten, welche bei Anstalten von dieser Art weniger Aufmerksamkeit auf die Einrichtung derselben wenden als er, wollte ich demütig raten, sie lieber gar eingehen zu lassen.46

Ausser diesem ordnete Tifan für jede wichtigere Klasse der Bürger eine besondere Erziehung an. Die Kinder der Landleute hatten, seiner Meinung nach, keiner künstlichen Bildung vonnöten. Die natur tut bei ihnen das beste. Die Verderbnis der Sitten in einem staat rührt niemals von ihnen her. Alle Tugenden, deren sie vonnöten haben, sind gewisser massen die natürlichen Früchte ihrer Lebensart; und wenn sie nicht durch Härte und Unterdrückung boshaft gemacht, oder durch das böse Beispiel der Städte angesteckt werden, sind sie mit den einfältigen aber gesunden Begriffen und Gesinnungen, die sie der natur und dem Menschenverstand allein zu danken haben, die unschuldigsten Leute von der Welt. Ihre Unwissenheit selbst ist für sie ein Gut, weil sie eine notwendige Bedingung der Tugenden ihres Standes und ihrer Zufriedenheit mit demselben ist. Entwickelte Begriffe, verfeinerte Empfindungen, physische und mechanische Kenntnisse, oder eine gelehrte Teorie der Landwirtschaft, sind entweder gar nicht für sie gemacht, oder würden ihnen doch wenig nützen. Der junge Bauer kann die Regeln des Feldbaues und der ländlichen Wirtschaft von seinem Vater und Grossvater besser lernen als von dem gelehrtesten Naturforscher; und ihm diese Regeln auf eine wissenschaftliche Art beizubringen, wäre weniger weise gehandelt, als wenn man ihn die Redekunst und die Logik lehren wollte, damit er sich ausdrücken und Schlüsse machen lerne. Diesen Begriffen zu Folge schränkte Tifan den Schulunterricht, der sich für das Landvolk schickt, auf die Kunst zu lesen, zu schreiben und zu rechnen, auf die einfachsten Begriffe und Maximen der Religion und Sittlichkeit, und auf die Erklärung eines sehr vortrefflichen Kalenders ein, den er durch die Akademie der Wissenschaften für sie machen liess. Alles übrige was zu tun war, um die Landleute von ihrem Verhältnis gegen den Staat, von ihren Gerechtsamen, und von ihren bürgerlichen sowohl als häuslichen Pflichten zu belehren, war dem Priester übertragen, mit welchem Tifan jedes Dorf versah. Dieser Priester stellte zugleich die erste obrigkeitliche person des Dorfes vor, und war durch eine sehr genau bestimmte Vorschrift angewiesen, wie er sein zweifaches Amt zu verwalten habe.

Was hingegen die Bewohner der Städte betrifft, welche durch ihre Lebensart und Bestimmung viel weiter als das Landvolk von dem ursprünglichen stand der natur entfernt werden, von diesen urteilte Tifan, dass sie überhaupt einen höhern Grad der Aufklärung, mehr entwicklung, Verfeinerung und Polierung vonnöten hätten. 'Je grösser die Anzahl der Menschen ist' (spricht er), 'die in einerlei Ringmauern beisammen leben; je stärker die innerliche Gärung und der Zusammenstoss ist, welche aus der Verschiedenheit ihrer Neigungen, Leidenschaften, Absichten und Vorteile entspringen müssen; je schwerer es ist, mitten unter so vielerlei Dissonanzen die zum Wohl des Ganzen nötige Harmonie zu erhalten; je leichter jede Art von Verderbnis sich unter sie einschleicht, und je schneller sie durch die sittliche Ansteckung fortgepflanzt und bösartig gemacht wird: desto augenscheinlicher ist die notwendigkeit, die Erziehung in den Städten zu einem politischen Institut zu machen, und alles darin auf den grossen Zweck zu richten, die städtische Jugend aufs sorgfältigste zu geselligen Menschen und zu guten Bürgern zu bilden.' – Aus diesem grund machte der Unterricht in der Sittenlehre, und in der Verfassung, den Gesetzen und der geschichte von Scheschian, den wesentlichsten teil derjenigen Erziehung aus, welche allen jungen Bürgern gemein war: und obgleich die Art des Vortrags und die Grade der Ausführlichkeit des Unterrichts dem Unterschied der Stände und der künftigen Bestimmung angemessen waren; so wurde doch selbst bei der Jugend von den untern Klassen auf keinen geringern Zweck gearbeitet, als siezu eifrigen Liebhabern eines Vaterlandes, dessen gegenwärtiger Zustand sich dem Ideal der öffentlichen Glückseligkeit nähertezu gehorsamen Befolgern einer Gesetzgebung, deren Weisheit ihrem Verstand einleuchteteund zu willigen Beförderern des gemeinen Besten, mit welchem sie ihr eigenes unzertrennlich verbunden sahen, zu machen.

Ausserdem hielt Tifan für nötig und anständig, dass alle Bürger, zu welcher Klasse sie gehören möchten, in ihrer Muttersprache unterrichtet, und gelehrt würden, einige der besten Nationalschriftsteller, die er zu diesem Ende für klassisch erklärte, mit Verstand und Geschmack zu lesen. Er urteilte mit sehr gutem Fuge, dass ein Volk, welches berechtiget sein wolle, sich für besser als Samojeden und Kamtschadalen anzusehen, seine eigene Nationalsprache richtig und zierlich zu reden gelernt haben müsse; und da die jungen Scheschianer das Glück hatten, keine fremde Sprache erlernen zu müssen, so war